© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 49-08 vom 05. Dezember 2009

Doppelte Überraschung an der Memel
In Tilsits Dragonerkaserne wurden deutsche Gedenktafeln entdeckt – und die Russen wollen sie restaurieren

Die Tilsiter Dragonerkaserne machte unter den zahlreichen Kasernenbauten der Garnisonsstadt den imposantesten Eindruck. Der riesige rote Backsteinkomplex aus Mannschaftsunterkünften und Stallungen entlang der Bahnhofstraße entstand in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts. 1879 bezog das Dragonerregiment „Prinz Albrecht von Preußen“ Nr. 1 sein neues Domizil.

Die blauen Dragoner mit ihren Fähnlein in den Preußenfarben an den Lanzen gehörten bis zum Ersten Weltkrieg zum Tilsiter Stadtbild. Das Regiment stammte noch aus der Zeit des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. Es rekrutierte sich aus Freiwilligen des äußersten Nordostens von Preußen und genoss den Ruf, die besten Pferde und Reiter zu haben. In den 1930er Jahren lag in der Kaserne bespannte Artillerie der 1. Ostpreußischen Infanteriedivision und nach 1945 ein sowjetisches Motorisiertes Schützenregiment der 40. Garde-Panzerdivision bis zu dessen Auflösung.

In einem der nun leerstehenden Kasernengebäude begann man vor kurzem mit der Renovierung. Was mit routinemäßigem Abwaschen der mehrfach getünchten Wände eines Saales begann, wurde bald zur Überraschung. Unter den dicken Farb- und Kalkschichten kamen goldene Buchstaben und mannshohe Reliefs zum Vorschein. Der historische Wert der Entdeckung war offensichtlich und erregte gebührendes Aufsehen. Der Stadtarchitekt, Vertreter des Verteidigungsministeriums als Eigentümer der Liegenschaft, Mitarbeiter des Stadtgeschichtlichen Museums und auch die Mitglieder der russischen Gesellschaft „Tilsit“ waren sich rasch einig: Der kostbare Fund muss erhalten werden!

Das lässt aufhorchen. Noch vor einigen Jahren hätte man Hinterlassenschaften aus der Vorkriegszeit kaum Beachtung geschenkt. Doch inzwischen bricht sich die verschüttete Vergangenheit Bahn im Denken der heutigen Bewohner. Trotz knapper Kassen kam durch Spenden örtlicher Unternehmer genügend Geld zusammen, um zwei Restauratorinnen der Firma „Nasledie“ (Erbe) aus St. Petersburg nach Tilsit zu holen und ihnen entsprechende Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen. Unter den geschickten Händen von Tamara Mitina und Veronika Sauer sind bisher 36 Gedenktafeln mit heraldischen Verzierungen, Eisernen Kreuzen und Preußenadlern freigelegt. Goldene Buchstaben künden von den zahlreichen Schlachten und Gefechten, an denen das Dragonerregiment seit seiner Gründung im Jahre 1717 teilgenommen hat. Die Restaurierung wird von dem bekannten Fotodokumentaristen Jakow Rosenblum mit der Kamera begleitet. Die Stadtgemeinschaft Tilsit hilft mit Hintergrundinformationen zur Geschichte der Tilsiter Dragoner. Auch Presse und Fernsehen berichten über die sensationelle Entdeckung. Besonderes Interesse findet bei den Russen natürlich die Tatsache, dass das Dragonerregiment im Jahre 1807 Seite an Seite mit den russischen Waffenbrüdern in den Schlachten von Preußisch Eylau und Heilsberg gegen die Franzosen kämpfte und dass es in den Freiheitskriegen gemeinsam mit den Russen bis Paris zog, um Europa von der napoleonischen Herrschaft zu befreien.

Margarita Kaplunowa vom Tilsiter Stadtgeschichtlichen Museum hat eine Vision: Schon bald soll mit dem restaurierten Interieur eine museale „Ruhmeshalle“ entstehen, die von der Geschichte der Tilsiter Dragoner erzählt und zur Attraktion für Bewohner und Gäste der Stadt wird.             Hans Dzieran

Foto: Unerwartetes wird freigelegt: In der Tilsiter Dragonerkaserne


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