© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 04-10 vom 30. Januar 2010

»Aufklärung« kommt nach Peking
Martin Roth, Generaldirektor der Kunstsammlungen Dresden, über China und das deutsche Selbstverständnis

Mit „Kunst der Aufklärung“ darf Deutschland im Herbst als erstes Land eine Ausstellung in dem dann größten Museum der Welt in Peking präsentieren. Der Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden hat zusammen mit seinen Kollegen in Berlin und München diese Schau konzipiert. Im Gespräch mit Silke Osman und Rebecca Bellano erklärt er den PAZ-Lesern warum.

PAZ: Sehr geehrter Herr Roth, wie oft waren Sie in Ihrer Funktion als Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen in China?

Martin Roth: In den vergangenen zehn Jahren wohl 20- bis 30- mal. Wir hatten mit „Living Landscapes“ und der Ausstellung „Gerhard Richter – Bilder 1963 bis 2007“  in den vergangenen Jahren unter anderem zwei große Ausstellungen in Peking und mit „Goldener Drache – Weißer Adler“ eine Ausstellung des Palastmuseums Peking im Dresdner Residenzschloss.

PAZ: Aufklärung und China das klingt nach Spannungen. Müssen Sie bestimmte Auflagen erfüllen, um bei den chinesischen Besuchern nicht das Bedürfnis nach Aufklärung im eigenen Land zu wecken?

Roth: Ich habe bei meiner Arbeit in China nie Zensur erlebt. Ich sage nicht, dass es sie nicht gibt, aber dass willkürlich Hürden aufgebaut werden, habe ich selbst nie erlebt.

PAZ: Zensieren Sie sich vielleicht vorher schon selbst?

Roth: Nein. Es gibt sicherlich so etwas wie ein würdevolles Umgehen mit dem anderen. Würde ich eine Ausstellung in der arabischen Welt machen, zeige ich auch keine Aktbilder. Das Thema Aufklärung ist ein historisches. Wo sollten wir uns da selbst beschränken?

PAZ: Welche Exponate sind für Sie die Höhepunkte der Ausstellung und warum?

Roth: Das ist eine Frage, die beantworte ich generell nicht. Das ist so, als wenn Sie einen Vater von vier Kindern fragen würden, welches seiner Kinder er am liebsten hat. Das Ensemble ist das Wichtigste. Die Art und Weise der Auswahl, die Zusammenstellung aus Malerei und Dreidimensionalem.

PAZ: Mit wie vielen Besuchern rechnen Sie?

Roth: Ich habe nur den Vergleich mit anderen Ausstellungen, wie der bereits erwähnten Gerhard-Richter-Ausstellung oder den „Living Landscapes“. Die hatten in ungefähr zwei Monaten rund 160000 Besucher. Das ist eine geniale Zahl. Vor allem waren viele junge Leute da, das hat mir sehr gefallen.

PAZ: Die Ausstellung „Kunst der Aufklärung“ ist an dem zentralen Ort in Peking am Tien-an-men-Platz in der Nähe des Mao-Mausoleums und der Verbotenen Stadt. Dass sich die Deutschen mitten im Herzen Pekings präsentieren dürfen …

Roth: … ist an sich schon aufregend. Aufregend ist auch, dass mit Gerkan, Marg und Partner ein Hamburger Unternehmen den Museumsumbau konzipiert und realisiert hat. Wenn es fertig ist, wird dieses Museum das größte Museum der Welt sein. Es ist ein deutliches Statement, dass die erste internationale Ausstellung von den drei großen deutschen Museen gemacht wird.

PAZ: Mussten Sie sich bei der Chinaausstellung, da Sie den Rückhalt von oberster Stelle haben – die deutsche Bundeskanzlerin und der Bundespräsident sowie Chinas Staatspräsident Hu Jintao haben den Vertrag für die Ausstellung unterzeichnet –, nicht so sehr der Zensur fügen?

Roth: Jenseits der Politik ist es Aufgabe von Kultur, den Dialog zu suchen. In China werde ich oft von deutschen Journalisten gefragt, ob ich etwas zum Thema Menschenrechte sage. Ich bin in erster Linie Generaldirektor eines großen Museums. Da gibt es sicher andere, die das aus berufenerem Munde machen können. Ich will vernünftige Kulturarbeit, die einen Dialogprozess in Gang setzt.

PAZ: Sie zeigen den Menschen ja durch die Kunst auch unser Weltbild?

Roth: Das Liberale in der Kunst ist unter anderem ein Kind der Aufklärung.

PAZ: Es war ja lange so, dass Deutschland nur wirtschaftlich und politisch, nicht aber kulturell im Ausland aufgetreten ist?

Roth: Sie sprechen hier ein typisch deutsches Problem an, das Sie so bei wenigen europäischen Kollegen und Partnerländern finden. Vielleicht ist es ein Problem des Föderalismus, dass man nicht in so gemeinsam-gesellschaftlichen Dimensionen denkt wie in anderen Ländern.

Ich habe zum Beispiel meinen Kollegen Neil MacGregor, den Direktor des British Museum in London, mit Blair oder Brown erlebt. Man hat hier fast den Eindruck, MacGregor hatte Blair „dabei“. Der Eindruck täuscht natürlich, aber in einem Land wie Großbritannien scheint der gemeinsame Auftritt von Politik und Kultur selbstverständlich zu sein. In Deutschland schaffen wir es selten, in dieser Dimension zu denken: Dass Politik, Wirtschaft und Kultur tatsächlich ein gemeinsames Gebilde sind und sich gegenseitig bedingen.

PAZ: China ist spektakulär, aber auch in Dresden ist etwas los?

Roth: Dresden profitiert sehr davon, dass nach der Wende sehr viel Geld in die Rekonstruktion der Gebäude geflossen ist. Biedenkopfs Herangehensweise, viel für die Identität zu tun, war mit Sicherheit absolut die richtige. Das Problem ist, dass die Investition in Räume, Mauern und Gebäude nicht gleichzeitig bedeutet, Qualität halten zu können. Was ein Museum ausmacht, ist das Personal, das Vermögen der Wissenschaftler, die Menschen, die Sie in die Stadt holen, die mit den Objekten arbeiten.

Wir haben bei den Kunstsammlungen in Dresden einen Einstellungsstopp, das heißt, es wird fast keine Stelle mehr besetzt. Da geht extrem viel Wissen verloren, Wissen, das über Jahrhunderte gewachsen ist, das können Sie nicht mit Zeitverträgen erhalten. Ich verstehe, dass gespart werden muss, aber irgendwann ist der Punkt gekommen, da geht es an die eigene Identität, die eigene Bildung, die eigene historische Bedeutung. Wenn wir anfangen, uns selbst das Wasser abzugraben, weiß ich nicht, was für die nächste Generation bleibt.

PAZ: Früher gab es großzügige Stifter, deren Gaben oft den Grundstock bildeten für ganze Museen. Wie sieht es heutzutage aus? Gibt es in Zeiten knapper Kassen noch Sponsoren für Kunst?

Roth: Wir haben in Dresden sehr viele Besucher, etwa zwei Millionen pro Jahr. Mit den Projekten außerhalb Sachsens sind es rund 2,5 Millionen. So gelingt es uns, bis zu 54 Prozent der Ausgaben durch eigene Einkünfte zu decken, der Bundesdurchschnitt dürfte bei zehn bis 15 Prozent liegen. Doch wir sind da ein wenig in der Falle, das heißt, je mehr wir einnehmen, desto mehr zieht uns das Finanzministerium im nächsten Jahr wieder ab. Es gab in meiner Laufbahn zwei undankbare Momente, an die ich mich jetzt erinnere. Einmal kam ein Beratungsunternehmen und wollte unseren Erfolg nach Besuchern pro Quadratmeter berechnen  und erst kürzlich verlangte das Finanzministerium von uns, wir sollten einmal ausrechnen, wie viel Museum man mit – sagen wir – 120 Mitarbeitern noch machen könne. Wir haben jetzt noch um die 300 – es waren einmal mehr als das Doppelte.

PAZ: Sie feiern in diesem Jahr das 450-jährige Bestehen der Dresdner Kunstsammlungen. Was darf der Kunstfreund erwarten?

Roth: Ein Feuerwerk, bestehend aus einer Vielzahl von Highlights. Wir beginnen Anfang März mit der Eröffnung der „Türckischen Cammer“, der größten Sammlung osmanischer Kunst in Deutschland. Eine Sammlung, die seit mehr oder minder 250 Jahren darauf wartet, eröffnet zu werden. Eine unglaublich schöne Sammlung.

Im April feiern wir unser Jubiläum mit der Eröffnung einer Ausstellung zur Geschichte der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Im Mai feiern wir 300 Jahre Meißner Porzellan mit zwei Sonderausstellungen in Dresden und Berlin und schließlich wird im Juni das Albertinum nach der Rekonstruktion wieder eröffnet. Ein Museum, das sich der Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts widmet. Ganz klar: Wer 2010 nicht nach Dresden kommt, wird etwas versäumen.

Foto: Engagiert weit über Dresden hinaus: Martin Roth


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