© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 04-10 vom 30. Januar 2010

Russki-Deutsch (52):
Gulag
von Wolf Oschlies

Einen „Gemeinsamen Untersuchungs- und Lenkungsausschuss Gesundheit“, abgekürzt Gulag, präsentierte das Magazin „Durchblick Gesundheit“ in seiner letzten Ausgabe 2009. Dahinter steckte eine satirische Absicht, und ich verkneife mir ein Urteil zu Stil und Geschmack des Blattes, nehme seine Wortschöpfung aber als Beleg für die Verbreitung des russischen Gulag bei Deutschen.

Ein reines Wort war Gulag nie, wohl aber die Abkürzung eines Wortungetüms, das ich lieber gleich übersetze: „Hauptverwaltung der Erziehungs- und Arbeitslager, Zwangsarbeitsstätten und Haftanstalten“. Weltbekannt wurde der Begriff 1974 durch Solschenizyns Werk „Archipel Gulag“, Details erfuhr die internationale Öffentlichkeit nach 1990, als mit dem Sturz des Kommunismus dessen Archive aufgingen.

Ab den ersten Monaten ihres Regimes führten Lenins Bolschewiken einen Kampf gegen (imaginäre oder reale) Gegner, für die man in kürzester Zeit so viele „Zwangsarbeitslager“ schuf, das diese ab dem Frühjahr 1919 einer Zentralverwaltung unterstellt wurden. Im November 1930 wurde daraus der Gulag, der 37 große Lager und zahllose Nebenlager umfasste. Wie viele Menschen dort einsaßen, war bis Ende der 1980er Jahre Staatsgeheimnis, aber auch die später veröffentlichte Zahl von 2,5 Millionen 1930 bis 1956 erschien kaum glaubhaft. Es dürften über zehn Millionen Gefangene und knapp zwei Millionen Getötete gewesen sein. Nebenher bemerkt: Am 1. Januar 1939 waren im Gulag 18572 Deutsche, 1951 32269.

Auch wer seine Strafe verbüßt hatte, kam aus dem Gulag nicht frei, nachdem Stalin 1938 die Kategorie der „freien Verpflichteten“ erfunden hatte. So bauten die Gefangenen drei Kanäle, acht Wasserkraftwerke, mehrere Metallkombinate, zahlreiche Bahnstrecken und Fernstraßen, die ersten Atomzentralen, aber von seinem Beginn bis zu seinem Ende 1960 ist der Gulag nie rentabel gewesen, seine Selbstkosten waren immer höher.

Fast alle Details, Unmenschlichkeiten und Brutalitäten des Gulag sind bekannt, auch die Namen der Henker und Leuteschinder in ihm. Unbekannt ist, ob es je einen Prozess gegen Gulag-Verantwortliche und -Verbrecher gab. Vermutlich nicht!


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