© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 04-10 vom 30. Januar 2010

Inseln des Aufschwungs
US-Wissenschaftler will, dass der Westen Städte wie Hongkong baut

Mit Investoren und Gesetzen aus dem Westen „Inseln des Aufschwungs“ in Entwicklungsländern gründen, das ist das Ziel, an dem der US-Professor Paul Romer arbeitet. Schon bei der öffentlichen Präsentation seines Projektes „Chapter Cities“ schlug dem an der Stanford Universität in Kalifornien Lehrenden scharfe Kritik entgegen. Sein Plan sei eine Form des Neo-Kolonialismus und höchst undemokratisch.

Mit Demokratie hat Romers Plan tatsächlich nichts zu tun. Wählen sollen die Bewohner der neu aus dem Erdboden zu stampfenden Städte nicht. Dafür aber ein besseres Leben führen, denn in seinen Städten soll es keine Slums geben, sondern eine funktionierende Infrastruktur und ein Recht, auf das sich alle Bewohner und Investoren berufen können.

Vorbild des Wissenschaftlers ist Honkong. Die einstige britische Kronkolonie entwickelte sich unter britischer Herrschaft zu einem der bedeutensten Häfen der Welt. Die Stadt strahlte mit ihrem Sonderstatus, auch auf ihr chinesisches Umland aus. Der Speckgürtel um Hongkong wurde stetig größer und als es 1997 zurück an China fiel, hatte sich ganz China der Stadt angenähert.

Bei seinen „Chapter Cities“ sollen Entwicklungsländer unbesiedelte Fläche zur Verfügung stellen und ein Industriestaat (oder auch gleich mehrere) müssten dann einen Gründungsvertrag entwerfen, so dass die armen Länder das Land, die reichen die Gesetze beisteuern.

Als ersten Ort für die Realisierung seiner Pläne hat der Professor Guantanamo Bay ausgewählt. An dem Platz, an dem die USA derzeit noch ihr umstrittenes Gefängnis für Terrorverdächtige haben, sollen demnächst zehn Millionen Menschen wohnen und arbeiten.

„Der Unterschied zwischen revolutionär und verrückt ist nicht groß“, kommentierte der US-Ökonom William Easterly Romers Plan. Dieser konterte: „Stellen Sie sich einen Gelehrten im 16. Jahrhundert vor, der einen Wechsel zur Demokratie fordert.“ Und schlägt schon den ersten westlichen Partner für seine erste „Chapter city“ vor: Deutschland. „Wäre ich Bürger eines Entwick-lungslandes, würde ich versuchen, Deutschland als Partner zu gewinnen“, so Romer. Grund hierfür sei nicht nur die Tatsache, dass Deutschland im Vergleich zu anderen westlichen Industriestaaten weniger durch eine koloniale Vergangenheit belastet sei, sondern auch, dass das Land gezeigt habe, internationale Institutionen organisieren zu können.

Kritik kann den 54-Jährigen nicht erschüttern, denn der Umstand, dass in den kommenden Jahrzehnten drei Milliarden Menschen weltweit vom Land in die Städte wandern und deren Slums weiter wachsen werden, dürfte auch den Druck auf den Westen erhöhen. Unruhen und illegale Zuwanderung dürften nämlich eine weitere Folge der Massenwanderung sein. Doch Entwicklungsländer seien nicht in der Lage, ihren Bewohnern auch nur annähernd Infrastruktur und Rechtssicherheit zu garantieren. Hier müsse der Westen väterlich helfen.         Rebecca Bellano


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