© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 04-10 vom 30. Januar 2010

Freche Forderung
von Richard G. Kerschhofer

Die Rückgabe von Vermögenswerten, die im Zuge oder im Gefolge des Zweiten Weltkriegs ihren Eigentümern entzogen worden waren, lief bisher meist nach dem Prinzip: Wer auf der Verliererseite stand, hat seine Ansprüche verwirkt, selbst wenn er keine individuelle Schuld trägt, und alle anderen haben unbegrenzte Ansprüche, wobei nicht einmal hinterfragt werden darf, ob die Objekte eventuell sogar zu einem damals marktgerechten Preis verkauft worden waren.

Das Beispiel macht nun Schule. Denn auch etliche Dritte stellen heute Forderungen nach Rückgabe von Kulturgütern, die vor Jahrhunderten oder länger aus dem Herkunftsland verfrachtet worden waren, oder nach Entschädigungen für Landraub und Versklavung. Hier werden Politiker und Völkerrechtler noch viel Gelegenheit haben, sich in weiteren grundsätzlichen Widersprüchen zu verheddern. Immerhin kommen die Forderungen von Leuten, die sich mit Fug und Recht als Nachfahren der Geschädigten bezeichnen können.

Die „Rück“-Forderung der Gebeine von St. Nikolaus durch den türkischen Tourismusminister ist aber ein absolutes Novum. Denn egal wie man zu Reliquien steht, es dreht sich hier um ein Kultobjekt – das man noch dazu in ein Museum bringen will – und nicht um einen Sachwert. Und der Bischof von Myra lebte zu einer Zeit, als in Kleinasien von Türken noch weit und breit nichts zu sehen und zu ahnen war! Dass die Forderung trotzdem erhoben wurde, zeigt allerdings, für wie dumm und morbid Europa in der Türkei gehalten wird.


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