© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 04-10 vom 30. Januar 2010

Gastkommentar:
Die Grande Nation fragt nach ihrer Identität
von Jean-Paul Picaper

Im ausgehenden 18. Jahrhundert spielte Frankreich in Europa die Vorreiterrolle im Kampf gegen die Dominanz von Kirche und Religion, wie der konservative Historiker René Rémond nachgewiesen hat („Religion und Gesellschaft in Europa“, C. H. Beck. 2000). Aber heute steht das Land vor einem Dilemma. Die zwei Säulen, auf denen der neue, laizistische Staat anschließend errichtet wurde, die Republik und die Nation, die im 19. und im 20. Jahrhundert allmählich zu einer harmonischen Einheit verschmolzen waren, sind offensichtlich nicht mehr fest genug, um einen Damm vor dem Eindringen fremder Kulturen beziehungsweise der „invasivsten“ aller Fremdkulturen, des Islams, zu bilden. Sie bekommen Risse, sie wackeln. In dieser Notlage schauen viele Franzosen auf die neue Weltanschauung wie das Kaninchen auf die Schlange. Einige erliegen ihrer Faszination und reisen als Zeloten des Propheten nach Pakistan, falls sie Buddha und Kali noch nicht verfallen sind, während die geistlichen Invasoren ihr Süppchen auf den ziemlich widersprüchlichen republikanischen Grundrechten − Religionsfreiheit und Staatsneutralität in Sachen Religion − kochen, und die Leitkultur der Nation allmählich aushöhlen, soweit es eine solche noch gibt. Mehr Geburten, durchlässige Grenzen und vor allem ihre Zielstrebigkeit fördern ihre Expansion. Kurz vor dem neuen Jahrhundert, im September 1999, sprach der französische Kardinal Paul Poupard, Präfekt des Vatikanischen Kulturrates, in der Tageszeitung „Le Figaro“ von einer „Unfähigkeit [seiner Landsleute] an die Zukunft zu denken. Das einzige Projekt, das die Geister mobil macht, ist das ökonomische Projekt. Da viele Leute davon ausgeschlossen sind, entsteht mehr als ein Unbehagen, ein existentielles Unwohlsein, und im Grunde, ein Hoffnungsverlust“. „Die Herausforderung des Islams“, fügte der Prälat hinzu, bestehe darin, „dass er Religion, Gesellschaft, Lebens-, Denk- und Verhaltensweise sein will.“

Optimistischer war damals noch der Historiker Fernand Braudel, als er kurz vor seinem Ableben in der Tageszeitung „Le Monde“ im Jahre 1985 „die französische Identität“ als „ein Nachdenken darüber, was es vor uns gegeben hat“, definierte. Sie könne nicht aus Grillen und Launen hervorgehen, und nicht von der momentanen politischen Meinung abhängig sein, betonte er. Nationale Identität sei eine Sache, die über allen Parteien, ja über allen Staatsbürgern schwebe. Sie sei unverrückbar, denn sie beruhe auf historischem Geschehen. Zentralismus im Staat, Protest von unten in der Wirtschaft, Sprache und Kultur und der Glaube an ein geeintes Europa, das sei seiner Meinung nach Frankreich heute.

Braudel müsste sich heute im Grabe umdrehen, wenn er sähe, was die Politik aus seinen Reflexionen über die französische Identität macht und wie ein Teil des politischen Frankreichs sich vor dem nationalen Einheitsgedanken, ja sogar vor dem nationalen Interesse verschließt und Exoten Tür und Tor öffnen will. Die große Volksdebatte über die nationale Identität, sprich über die Seele der Nation, die Staatspräsident Nicolas Sarkozy, wohlwissend, dass es ums Eingemachte geht, eröffnet hat, ist nicht so überflüssig und unangebracht, wie seine Gegner behaupten. Er hatte sie bereits angekündigt, als er noch Präsidentschaftskandidat war. Zwar ließ der Zeitpunkt der im November 2009 begonnenen Debatte die Vermutung zu, dass sie vor den Regionalwahlen im März politisch instrumentalisiert würde, allerdings lassen die dünnen Gegenargumente der Opposition vermuten, dass die französische Identität auch von ihr als reparaturbedürftig angesehen wird. Ihre Verlegenheit vertuscht die Linke mit der Behauptung, dass die Franzosen „zur Zeit andere Sorgen“ als ihre Seele hätten.

Die vom Minister für Nationale Identität und Zuwanderung, Eric Besson, organisierten Diskussionen erfreuen sich eines regen Zulaufs, sein Blog bekommt unzählige Anregungen, aber ihm wird auch immer wieder vorgeworfen, dass seine Debatte „Fremdenfeindlichkeit“ und „Intoleranz“ hervorrufe. Der Kniff von Sarkozy und Besson besteht aber darin, dass sie nicht „gegen die anderen“ polemisieren, sondern „für Frankreich an sich“ einstehen.

Dennoch: Die Multikulti-Franzosen haben mobil gemacht. Möchtegern-Staatspräsidenten aus dem Regierungslager wie Alain Juppé und Dominique de Villepin kamen der Opposition zu Hilfe und lasteten Sarkozy ein „Identitätsdebakel“ an. Im November fanden 60 Prozent der Befragten den Identitätsfeldzug gut und angebracht. Ende Dezember sagten schon 50 Prozent, man sollte das Thema ad acta legen. Die Sozialistin Martine Aubry und François Bayrou griffen zum alten Vorwurf, diese Debatte, ja Sarkozy spalte die Nation.

Besson kündigte jedoch an, er werde die Diskussion über die Regionalwahlen hinaus fortsetzen, aber sie wird auf die Vorstellungen der Kritiker zurückgestutzt: „Kampf gegen die Diskriminierungen“, „Chancengleichheit“, „soziale Solidarität“ und „Kultur“ sind nun die Stichworte.

Anfangs hatte Sarkozy versucht, dem Thema mehr Substanz zu verleihen. Er erwähnte zwar Sprache und Kultur, aber auch Volk, Religion und sogar einmal die „heimatliche Erde“. „Vichy!“, „Vichy!“ schrien unisono die Gutmenschen, ein Wort, das in Frankreich so gut wie „Faschismus“ klingt. Die „Toleranz“ hat den „Glauben“, die „Vielfalt“ die „Identität“ und die „Bevölkerung“ das „Volk“ abgelöst.

Mit dem Schwinden der in der Landwirtschaft Beschäftigten innerhalb eines Jahrhunderts von 60 auf zwei Prozent, mit der Abnahme der praktizierenden Katholiken, mit der Säkulasierung aller Lebensbereiche und deren Folgen, mit Priestermangel und leeren Dorfkirchen entstand ein Freiraum für „progressiven Kräfte“, die dafür sorgen, dass sich nichts der schleichenden Islamisierung widersetzt. Man vergisst die Fastenzeit und schaut interessiert auf den Ramadan.

In dieser amorphen Stimmung platzte das Schweizer Votum gegen neue Minarette wie eine Bombe. Laut repräsentativen Umfragen begrüßten es die Franzosen massiv. Eine große Mehrheit von ihnen ist nicht nur gegen den Bau von Minaretten, sondern auch von Moscheen überhaupt. Nun, die politische Klasse wird ein solches Volksvotum in Frankreich zu verhindern wissen. Aber die Burka, an sich ein Randphänomen, ist den Franzosen, was den Schweizern die Minarette sind. Gegen jede Logik schrien Gruppen stets gekränkter, militanter Moslems, das Verbot durch ein Gesetz sei ein Verstoß gegen die sakrosankte Regel der Laizität. Dabei verlangt gerade die Laizität dieses Gesetz. Das Beispiel zeigt, wie sie zum eigenen Vorteil alte französische Werte wie die kartesianische Logik umwerten.

Das bot Sarkozy die Chance, neu in die Debatte einzugreifen.  „Die Völker Europas sind tolerant und aufnahmebereit … aber sie wollen nicht, dass ihr Lebensrahmen, ihre Geisteshaltung und ihr soziales Netzwerk verfälscht werden“, sagte der Staatspräsident. Er wolle, dass „die Moslems Staatsbürger wie alle anderen werden“, aber gerade deswegen warnte er sie „vor Unternehmungen, die in unserem Land, wo die christliche Kultur eine so tiefe Spur hinterlassen hat, wie eine Kampfansage gegen dieses Erbe und diese Werte aussehen könnten“. Das „würde die unumgängliche Schaffung eines französischen Islams zum Scheitern verurteilen“. Er warnte „vor Provokation mit demonstrativen Religionsritualen“. Die nationale Identität, schloss er, ist ein „Gegengift gegen Parallelgesellschaften“.

Jean-Paul Picaper, *1938 in Pau, Frankreich, war viele Jahre Deutschland-Korrespondent von „Le Figaro“. Er ist Autor mehrerer Bücher, regelmäßiger Gast in Diskussionsrunden im Radio und TV und lebt in Berlin.


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