© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 04-10 vom 30. Januar 2010

Auf der Tour de Ruhr
Kulturhauptstadt Ruhr 2010 – Eine Expedition durchs Revier öffnet Blick für erstaunliche Wandlung

Seit Januar präsentiert sich der einstige „Ruhrpott“ ein Jahr lang als eine der europäischen Kulturhauptstädte (neben Fünfkirchen und Istanbul) mit einer Fülle von Veranstaltungen. Ein gigantischer Ballungsraum, in dem 5,3 Millionen Menschen leben.

Gleich 53 Städte nehmen an diesem Event teil, darunter Bochum, Oberhausen, Duisburg und Essen als die ungekrönte Königin des Reviers. Seit Monaten läuft eine groß angelegte Kampagne, um den Menschen jenes dynamische Industrieareal nahezubringen, das nach dem Zweiten Weltkrieg der Motor des deutschen Wirtschaftswunders war. Der beste Botschafter ist der bekannte Schauspieler Armin Rohde. Er wuchs mitten im Pott auf und ist bekennender „Ruhrie“. „Von wegen grau“, kontert er, wenn manche Mitmenschen alte Vorurteile gegen seine Heimat aus der Mottenkiste hervorholen. Wo sonst in Deutschland existiert ein derartiges kulturelles Spannungsfeld, fragt er. Recht hat er. Die „Tour de Ruhr“ durch eine der spannendsten Regionen der Republik wird vielen die Augen öffnen.

Heute gehören Kohlebergbau und Schwerindustrie weitgehend der Vergangenheit an. Entlang der „Route der Industriekultur“ liegen inmitten einer lebendigen Kulturlandschaft erstklassig restaurierte Industriedenkmäler, von denen zahlreiche inzwischen  zum Unesco-Weltkulturerbe zählen, wie etwa die „Zeche Zollverein“ in Essen, deren gewaltiges rostfarbenes Fördergerüst dem Besucher bereits aus der Ferne entgegenleuchtet. Mit dem Riesenrad – hier Sonnenrad genannt – fahren die Besucher durch die ehemalige Kokerei der Zeche und essen „aus’m Suppenpott von’ne kalte Mamsell“ – deftige Hausmannskost, die schon den ehemaligen Kumpeln mundete.

Nächste Station ist der Landschaftspark Duisburg-Nord. Während Hobbytaucher in dem mit Wasser gefüllten Gasometer in die Tiefe gehen, bereiten sich Mitglieder des Deutschen Alpenvereins gleich nebenan im Hochofen 5 mit Haken und Seil auf die nächste Besteigung des Matterhorns vor. Ein gutes Training, finden die jungen Leute. Und dazu noch dieser Blick aus 70 Metern Höhe über Kühltürme und Schornsteine bis zur Peripherie des Parks, wo Kühe und Schafe weiden. Wo 80 Jahre lang rund um die Uhr Feuer loderten und Eisen floss, wurde vor Jahren ein beispielhafter Freizeitpark angelegt. Aber auch der Innenhafen von Duisburg, in dem sich früher Tatortkommissar Schiman-ski gelegentlich verirrte, hat sich von einem Schmuddelquartier in eine Flaniermeile verwandelt.

Der Initiative verschiedener „Ruhries“ ist es zu verdanken, dass der gewaltige Gasometer der ehemaligen Gutehoffnungshütte in Oberhausen vor dem Abriss gerettet wurde. Aus der „größten Blechdose“ Europas wurde die größte Ausstellungshalle des Kontinents. Im Inneren des 120 Meter hohen Kolosses finden unter einem gigantischen Sternenhimmel heute Kunstausstellungen und besondere Veranstaltungen statt. Ein gläserner Fahrstuhl schwebt lautlos auf die Aussichtsplattform auf 117 Meter. Tief unten breitet sich ein Gewirr von Kanälen aus. An ihre große Zeit als Kohle- und Stahlmetropole erinnert in Bochum nur noch der 68 Meter hohe Förderturm, in dem das Deutsche Bergbaumuseum untergebracht ist. Sehenswert sind neben dem Wasserschloss Kemnade ein paar schöne alte Kirchen und nicht zuletzt das Planetarium. Eine Mitarbeiterin erzählt, Bochum habe sich von einem hässlichen Entlein inzwischen zu einem Hort der Kultur und der Unterhaltung gemausert. Allein die tollen Musicals, die hier laufen, ziehen Menschen aus ganz Europa an. „Der Pott kocht über – aber vor lauter Lebensfreude und innovativer Ideen“, lautet das Motto der Stadt.

Die „Zeche Zollern“ ist einer der Höhepunkte im Revier. Dem Auge des Betrachters bietet sich eine mit den verspielten Formen des Historismus überzuckerte schlossähnliche Anlage – das Glanzstück der größten Bergbaugesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts. So demonstrierten die Industriellen im „Tal der Könige“ ihre Macht. Die Kassenschalter in der Lohnhalle waren so niedrig angelegt, dass die Arbeiter jedes Mal das Knie beim Empfang ihres Salärs beugen mussten. Böse Zungen behaupten, so hätten die Bosse den Kumpel stets ins Gedächtnis rufen wollen, wem sie Lohn und Brot verdankten.

Eine Führung durch die verschiedenen Werkhallen macht mit den harten Bedingungen vertraut, unter denen die Menschen seinerzeit „malochen“ mussten. Durch die hohen Bogenfenster sieht man in die „Weiß- und Schwarzklaue“ hinein. Hier kleideten sich die Kumpel um, legten ihre Kluft in Drahtkörbe und zogen sie an die Decke. Heute schlüpfen ganze Schulklassen in die Rollen der Bergleute. Für Spiele ist im Untertage-Raum und auf dem weitläufigen Gelände reichlich Platz. Das Angebot für Erwachsene beinhaltet Filmabende, Konzerte und Vorträge. Das Beste aber ist der „Pferdestall“ neben dem gewaltigen Förderturm. Hier wird an blanken Tischen Bier und „Kumpel Antons Lieblingspfanne“ serviert – ein saftiges Schweinesteak. Uta Buhr

Foto: Gasometer in Oberhausen: Mittlerweile die größte Ausstellungshalle Europas


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