© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 04-10 vom 30. Januar 2010

Vom »kontrollierten Zufall«
Emil Nolde nutzte bei seinen Aquarellen auch Unebenheiten des Materials – Ausstellung in Düsseldorf zeigt vielfältiges Schaffen

Seine farbenprächtigen Blumenbilder und seine eindrucksvollen Landschaften sind Kunstfreunden heute hinlänglich bekannt. Als ein Hauptvertreter des Expressionismus zählt Emil Nolde (1867–1956) zu den bedeutendsten deutschen Künstlern des 20. Jahrhunderts. Er war einer der großen Einzelgänger in der deutschen Kunst des frühen 20. Jahrhunderts,  doch wurde er als Mitglied der Künstlergruppe Brücke, der er 1906/07 angehörte, mit seinen „Farbenstürmen“ zum Vorbild der jüngeren Künstlerfreunde und inspirierte sie zu ihrem eigenen Aufbruch in die Moderne.

Die Düsseldorfer Galerie Ludorff zeigt zur Zeit Gemälde, Aquarelle und Druckgraphik des Künstlers und bietet so einen umfassenden Überblick über sein vielfältiges Schaffen. Erste Blumenbilder entstanden ab 1906 auf der Insel Alsen, wo Nolde in einem gemieteten Fischerhaus die längste Zeit des Jahres verbrachte. Während der Wintermonate lebte er in Berlin. Die üppigen Bauerngärten der Nachbarn inspirierten den naturverbundenen Künstler zu diesen Bildern. „Die Farben der Blumen zogen mich unwiderstehlich an, und fast plötzlich war ich beim Malen“, so Nolde in seinen Erinnerungen.

Doch das druckgraphische Werk steht seinen Gemälden in nichts nach. Manfred Reuther, Direktor der Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde, schreibt im Katalog zur Ausstellung: „Die Vielschichtigkeit von Noldes graphischem Werk reicht von tiefgründiger, erdhafter Schwere bis zu ausdrucksstarker Dramatik und äußerster Raffinesse, zugleich janusgesichtig von unbekümmerter Einfalt, gar spielerischer Leichtigkeit bis ins Abgründige und Unheimlich-Phantastische.“

Die Düsseldorfer Ausstellung zeigt unter anderem auch die erste Radierung, die Nolde schuf. Sie stammt aus dem Jahr 1898 und präsentiert unter dem Titel „Lumpen“ zwei verschmitzt grinsende Männer, Tagelöhner, vom Leben gezeichnet. Mit diesem Blatt wird nicht zuletzt auch die besondere zeichnerische Begabung des Künstlers deutlich.

Sein eigentliches Ausdrucksmittel aber war die Farbe, die er nicht nur in seinen berühmten Gemälden einsetzte, sondern auch in den Aquarellen. Von 1916 bis 1926 lebten Ada und Emil Nolde in dem kleinen Bauernhaus Utenwarf in der Nähe von Tondern, bis sie, als das Land „kultiviert“ werden sollte, nach Seebüll zogen. Von diesem Marschland, das für Nolde „ein kleines Paradies“ war, malte er eine Fülle von Aquarellen. Dort, so Reuther, „gelingt es Nolde, seine Malweise noch zu verdichten und uns in größtmöglicher Intensität von dem erlebten Naturschauspiel zu berichten“.  Reuther spricht von „dem kontrollierten Zufall“, wenn Unregelmäßigkeiten im Papier, Flecken und Verläufe auf dem Blatt zu sehen sind.  Dramatische Blätter mit lodernder Farbigkeit entstanden, sie zeigen Noldes Interesse an den Urkräften der Natur und die Verbundenheit des Menschen mit der Natur, ein Sujet, das ihn von je her begeisterte.

Doch nicht nur nordischen Motiven widmete sich Nolde. Von seiner Reise in die Südsee brachte er beeindruckende Arbeiten mit. Im Sommer 1913 hatte das Reichskolonialamt in Berlin die Ärzte Alfred Leber und Ludwig Külz mit der „Medizinisch-demographischen Deutsch-Neuguinea-Expedition“ betraut. Diese Expedition galt der Erforschung von Epidemien und der hohen Sterblichkeitsquote der einheimischen Bevölkerung in den deutschen Kolonien. Leber, der Nolde schon länger kannte, konnte den Maler als „ethnographischen Zeichner“ sowie seine Frau Ada für die Teilnahme an der Expedition gewinnen. In Düsseldorf ist jetzt das Aquarell „Kopf eines Javaners“ zu sehen, mit dem Nolde einen sehr nahen Blick auf den Porträtierten zeigt. Im Gegensatz zu seinen  anderen so genannten „Südseeköpfen“, die nur flüchtige Eindrücke schildern, ist dies ein geradezu intimes Porträt.           Silke Osman

Die Ausstellung mit Werken von Emil Nolde ist noch bis zum 17. April in der Galerie Ludorff, Königsallee 22, Düsseldorf, dienstags bis freitags von 10 bis 18 Uhr und sonnabends von 11 bis 14 Uhr zu sehen, Eintritt frei.

Foto: Emil Nolde: Abendlandschaft mit Mühle (Aquarell, um 1925)


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