© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 04-10 vom 30. Januar 2010

Uneinigkeit macht schwach
Das Erdbeben in Haiti hat einen traditionell instabilen Staat getroffen – Weiße stellen nur ein Prozent der Bevölkerung

„Einigkeit macht stark“ lautet der Wahlspruch im Staatswappen Haitis. Doch besonders Eintracht fehlt dem Staat seit 205 Jahren. Die Geschichte Haitis ist geprägt von Bürgerkriegen, Putschen und Aufständen. Weitere Charakteristika des lateinamerikanischen Staates sind die schwarzafrikanische Bevölkerungsmehrheit und eine frühe Unabhängigkeit.

Seine heutige Bevölkerungsstruktur verdankt Haiti den Spaniern und Franzosen. Als Christoph Kolumbus die Insel 1492 entdeckte, deren Westhälfte heute Haiti und deren Ostteil die Dominikanische Republik bildet, lebten hier Indios. Die von den Spaniern eingeschleppten Pocken und die von ihnen eingeführte Zwangsarbeit ließen sie aussterben.

Als es mit dem spanischen Weltreich bergab und dem Königreich Ludwigs XIV. bergauf ging, musste Spanien die von Kolumbus „La Isla Espanola“ getaufte Insel 1697 mit den Franzosen teilen. Die Franzosen erhielten den Westen Hispaniolas, das heutige Haiti, die Spanier behielten den Osten, die heutige Dominikanische Republik.

Das finanzkräftige Frankreich investierte in Zucker- und Kaffeeplantagen, rodete die Wälder und machte Haiti im 18. Jahrhundert zum reichsten Teil seines Kolonialreiches. Die französischen Herren schafften die notwendigen Arbeitskräfte als Sklaven aus Westafrika heran. Und sie taten dies in einem Umfang, dass Haiti mittlerweile unter Überbevölkerung leidet. Heute hat Haiti über neun Millionen Bewohner, von denen 95 Prozent Schwarze, nur vier Prozent Mulatten und ein Prozent Weiße sind.

Unter dem Kampfruf der „égalité“ (Gleichheit) erkämpfte sich die schwarzafrikanische Mehrheit 1804 die Freiheit von Frankreich. Sie vollzog damit die Revolution von 1789 mit Verzögerung nach. Die weißen Kolonialherren wurden mehrheitlich ermordet, wenige konnten fliehen. Haiti wurde zum „Ersten Freien Negerstaat“, so die Selbstbezeichnung des nach den USA zweiten unabhängigen Staates Amerikas.

Als Hypothek für die Unabhängigkeit erhielt Haiti horrende Zahlungsverpflichtungen. Nach mehreren vergeb­lichen Rückeroberungsversuchen „begnügte“ sich Frankreich schließlich mit 90 Millionen Gold-Franc an Entschädigungszahlungen für die ehemaligen Plantagenbesitzer. Bis 1900 waren die Staatsfinanzen dann derart zerrüttet, dass rund 80 Prozent der Einnahmen für den Schuldendienst aufgewendet werden mussten.

Wie ein Menetekel erschien es Beobachtern des Erdbebens vom 12. Januar, dass gleichzeitig der schneeweiße Präsidentenpalast und die ehrwürdige Kathedrale von Port-au-Prince einstürzten. Während der Präsident überlebte, fand der katholische Erzbischof Haitis mit vielen seiner Priester und Seminaristen den Tod unter den Trümmern der Kathedrale und ihrer Nebengebäude.

Seit der Eroberung der Insel Hispaniola durch die Spanier verbreiteten katholische Missionare und Priester christliche Glaubensinhalte auf der Insel, wobei aus dem Katholizismus der Spanier und der Religion der westafrikanischen Sklaven ein unheilvoller Synkretismus entstand. Katholiken bilden heute zwar mit ungefähr 80 Prozent die Mehrheit. Dem Voodoo-Kult folgen jedoch gleichzeitig etwa 75 Prozent der Haitianer gleichsam als Nationalreligion. Die zwei größten protestantischen Konfessionen – die Baptisten und Adventisten mit zusammen 15 Prozent der Bevölkerung – sind die einzigen Kräfte, die sich gegen die Vermischung von christlichem Glauben und heidnischen Kulten stellen.

Tatsächlich praktizieren die Menschen im Voodoo-Kult genau das, was laut Bibel strikt verboten ist: Hexerei, Zauberei, Totenbefragungen und andere magische Praktiken. Die Voodoo-Anhänger tarnen sich dabei geschickt, indem sie von den „family spirits“ sprechen. In spiritistischen Sitzungen, in denen Familienmitglieder sich in Trance versetzen lassen, suchen sie Kontakt zu verstorbenen Angehörigen. Die an solchen Ritualen Beteiligten erhoffen von diesem Aberglauben Schutz vor bösen Mächten und Heilung von Krankheiten. In Wirklichkeit würden Menschen durch diese Praktiken eher zu Passivität und wirklichkeitsfremden Lebenseinstellungen verführt, warnen Sektenspezialisten. Berüchtigt in diesem Zusammenhang war besonders der Diktator Francois Duvalier („Papa Doc“, 1957–71), der mit Hilfe des Voodoo-Kultes und seiner „Toutons Macoutes“, einer gefürchteten Mördertruppe, herrschte.

Allerdings hat Haitis Entwicklung von der reichsten französischen Kolonie bis zum heute ärmsten Staat der westlichen Welt weitere Ursachen. Haiti stand nach der Revolution von 1804 einer feindlichen Umwelt als Paria gegenüber. Lange Zeit war Haiti umgeben von Kolonien, deren europäische Herrscher Angst vor einem „zweiten Haiti“ hatten. Verstärkt wurde diese Angst und die daraus resultierende Isolierung Haitis dadurch, dass haitianischen Revolutionäre ihre Ideen mit einer expansiven Außenpolitik zu exportieren versuchten. Bevorzugtes Expansionsziel war dabei die lange Zeit spanisch verwaltete heutige Dominikanische Republik.

Ein hausgemachtes Problem der haitianischen Revolution war der Niedergang der einst hochentwickelten Landwirtschaft. Durch eine Landreform der Revolutionäre erhielten zunächst viele Familien rund 15 Hektar zur Bewirtschaftung. Wegen mangelnder Pflege des Bodens, sinnloser Rodung der kostbaren Wälder und der immer stärkeren Parzellierung des Bodens durch die Erbteilung, lagen bald 50 Prozent des Landes brach. Bis 1990 war die Insel zu 98 Prozent entwaldet. Der Boden erodierte und bietet das heutige trostlose Bild. Dass heute rund zwei Millionen Haitaner unterernährt sind, gilt als direkte Folge dieser verfehlten Bewirtschaftung.

Fast durchgängig hatte Haiti zudem seit 1804 unter Gewaltherrschern, größenwahnsinnigen Diktatoren und Kleptokraten zu leiden. Sie herrschten größtenteils mit brutaleren Methoden als die früheren Kolonialherren, bunkerten Staatsgelder auf Privatkonten und vernachlässigten die Bildung der Bevölkerung. 1995 waren 55 Prozent der Bevölkerung Analphabeten. Rund 50 Prozent der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter sind heute arbeitslos. M. Ruoff/H.E. Bues

Foto: Mischung aus Christentum und Voodoo-Kult: Der für Haiti typische Synkretismus begünstigt Passivität und wirklichkeitsfremde Lebenseinstellungen.    Bild: laif


Artikel per E-Mail versenden
  Artikel ausdrucken Probeabo bestellen Registrieren