© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 04-10 vom 30. Januar 2010

SED-Propaganda prägt bis heute sein Bild
Hans Globke war Adenauers Staatssekretär im Kanzleramt und sein wohl wichtigster Mitarbeiter – Alliierte 1947: »Unbelastet«

Als Staatssekretär des Bundeskanzleramtes war Globke der wohl wichtigste Mitarbeiter Konrad Adenauers. – Er ist nicht vergessen, doch das vorherrschende Bild ist wesentlich stärker durch die gegen ihn geführte Propaganda geprägt als von den historischen Fakten.

Hans Globke wurde 1898 in Düsseldorf geboren und wuchs in Aachen auf. Nach zweijährigem Einsatz an der Westfront und einer juristischen Ausbildung trat er in den preußischen Verwaltungsdienst ein. Globke war zunächst in Aachen als stellvertretender Polizeipräsident tätig. Ende 1929 wurde er in das Preußische Ministerium des Inneren nach Berlin berufen. Bereits 1922 war er der Zentrumspartei beigetreten.

1934 wurde das Preußische mit dem Reichsministerium des Inneren zusammengelegt. Globke verblieb in dieser Behörde, als Referent umfasste seine Zuständigkeit unter anderem „Namensänderungen“, „Personenstandswesen“ sowie „Staatsangehörigkeitswesen“. 1938 erfolgte die letzte Beförderung in der NS-Zeit, er wurde Ministerialrat. Mit Kriegsbeginn übernahm der somit auf Referentenebene verbliebene Globke Aufgaben beim „Generalbevollmächtigten für die Reichsverwaltung“.

Hans Globke war bis zuletzt höherer Beamter des Dritten Reiches. Er wirkte auch an der Ausarbeitung von Gesetzen und Verordnungen mit, die gegen die jüdische Bevölkerung gerichtet waren. Gemeinsam mit seinem Vorgesetzten Wilhelm Stuckart veröffentlichte er 1936 einen Kommentar zu den „Nürnberger Gesetzen“.

Auf der anderen Seite lässt sich eine Reihe von Einzelfällen nachweisen, in denen Globke seine dienstliche Stellung nutzte, um Menschen zu helfen, die durch die Gesetze des NS-Staates entrechtet waren. Globke gab Informationen an namhafte Regimegegner der katholischen Kirche weiter, allen voran an den Berliner Bischof Konrad von Preysing. Verbindung hielt Globke auch zu anderen Persönlichkeiten des Widerstandes, beispielsweise zum ehemaligen Gewerkschaftsführer und späteren christdemokratischen Bundesminister für Gesamtdeutsche Fragen Jakob Kaiser. Laut Otto Lenz, nach dem 20. Juli 1944 zu einer Zuchthausstrafe verurteilt und später Globkes Amtsvorgänger bei Adenauer, war Hans Globke in den Planungen für die Zeit nach dem – schließlich gescheiterten – Staatsstreich für eine hohe Position in der neu zu bildenden Regierung vorgesehen.

Vor diesem Hintergrund fällt es leichter, der Argumentation zu folgen, Globke habe auch bei seiner Mitarbeit bei der NS-Gesetzgebung im Rahmen seiner Möglichkeiten versucht, Milderungen und Abschwächungen zu erreichen. Dies betraf insbesondere die Stellung der sogenannten Halb- und Vierteljuden. Dass sich einschränkende Tendenzen sogar in dem Kommentar ausmachen lassen, haben Anwälte, die in der NS-Zeit jüdische Mandanten vertraten, nach dem Krieg ausdrücklich bestätigt. Auch Versuche, gegen die jüdische Bevölkerung gerichtete Gesetze zu verzögern und entsprechende Vorhaben möglicherweise ganz im Sande verlaufen zu lassen, sind in den überlieferten Akten nachweisbar.

Globke stilisierte sich, wohl auch in Reaktion der gegen ihn gerichteten Kampagnen, später als Mann des Widerstandes. Dies greift eindeutig zu hoch, frei von Anpassung und Widersprüchen war sein Weg im Dritten Reich nicht. Es mag für sich sprechen, dass er 1940 die Aufnahme in die NSDAP beantragt hatte, diese jedoch abgelehnt wurde. Es hieß, dass es gegen Globke Bedenken in politischer Hinsicht gebe. Er unterhalte noch immer Kontakte zu Mitgliedern der ehemaligen, 1933 aufgelösten Zentrumspartei.

1945 wurde Globke interniert und diente Briten und Amerikanern als „Berater“. 1946 wurde er Stadtkämmerer von Aachen, trat der CDU bei und wirkte bei Planungen für die künftige Bundesverwaltung mit. Bei der Entnazifizierung wurde ihm 1947 der Status „unbelastet“ zuerkannt. Konrad Adenauer holte ihn 1949 ins Bonner Bundeskanzleramt. Von Anfang an galt Globke als dessen eigentlicher Organisator, 1953 erfolgte die Ernennung zum Staatssekretär. Über seine formale Stellung hinaus hatte er sich schnell zu einem der wichtigsten und loyalsten Mitarbeiter Adenauers entwickelt. Er kam mit nahezu allen Politikbereichen in Berührung, wirkte auf dem Feld der Personalpolitik, beschaffte Informationen und vermittelte im Auftrag des Kanzlers. Ambitionen, selbst Politiker zu werden, waren Globke fremd, er stellte sich ganz in den Dienst Adenauers und wirkte geräuschlos und verlässlich im Hintergrund.

1963 hatte Globke die Altersgrenze erreicht, mit dem Rücktritt Adenauers verließ auch er das Bundeskanzleramt. 1973 starb er in Bonn.

Globke war wegen seiner Tätigkeit in der NS-Zeit nach 1949 immer wieder Angriffen ausgesetzt. Ziel dürften dabei aber eher Adenauer selbst und seine Politik gewesen sein. Insbesondere die DDR erhob massive Anschuldigungen, Höhepunkt war der im Juli 1963 geführte Schauprozess, in dem Globke in Abwesenheit zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt wurde. Bei den Kampagnen handelte es sich nicht in erster Linie um eine Auseinandersetzung über durchaus diskussionswürdige Aspekte, sondern um starke Verzeichnungen und zum Teil falsche Anschuldigungen mit propagandistischer Absicht.

Es erstaunt, wie stark das von der SED gezeichnete Bild des „NS-Täters“ Globke bis in die unmittelbare Gegenwart wirkt. Auf der einen Seite wird beständig und bestimmt nicht zu Unrecht an die Verbrechen des NS-Staates erinnert, auf der anderen Seite zeigt man sich aber bar jeglichen Verständnisses für die Möglichkeiten, Zwänge und Ängste, die unter einer totalitären Diktatur wie der des Dritten Reiches das tägliche Leben und Handeln bestimmen. Der Umstand, dass die von den Siegern eingesetzten Entnazifizierer ihn 1947 als „unbelastet“ einstuften, wird kaum wahrgenommen und gewürdigt.     Erik Lommatzsch

Der Autor dieses Beitrages hat zu dem selben Thema eine 445 Seiten umfassende Doktorarbeit verfasst, die vergangenes Jahr unter dem Titel „Hans Globke (1898–1973). Beamter im Dritten Reich und Staatssekretär Adenauers“ im Frankfurter Campus-Verlag erschienen ist.


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