© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 04-10 vom 30. Januar 2010

Viele Blütenträume sind verwelkt
Um den Versuch, Auslandsrussen ins Königsberger Gebiet zu locken, ist es ruhig geworden

In den vergangenen Jahren hatte die Gebietsregierung in Zusammenarbeit mit Moskau rückkehrwillige Russen aus dem Ausland mit attraktiven Angeboten nach Ostpreußen gelockt – aus dem fernen Ausland ebenso wie aus ehemaligen Sowjetrepubliken. Doch nicht alle Blütenträume reiften.

Seit Beginn der Wirtschaftskrise ist es um die zuvor groß angelegte Werbekampagne ruhig geworden, zumal die Regierung ihre Versprechen gegenüber den Rückkehrern ohnehin nicht halten konnte. Die finanzielle Unterstützung aus dem Haushalt der Russischen Föderation war drastisch eingeschränkt worden.

Einige tausend Menschen hatten die Rückkehrmöglichkeit wahrgenommen. Man hatte ihnen materielle Unterstützung, freie Wahl des Arbeitsplatzes und die Möglichkeit, Wohnungen zu kaufen, in Aussicht gestellt und sie mit der Schönheit der Ostseeregion angelockt. Nur Letzteres war wirklich wahr. Die meisten wurden – vorübergehend, wie es hieß – im Aufnahmezentrum in Severnyj (zirka 30 Kilometer außerhalb von Königsberg Richtung Pr. Eylau gelegen) untergebracht. Diese Unterbringung erwies sich für 360 Übersiedler aus ehemaligen Sowjetrepubliken jedoch als ganz und gar nicht vorübergehend. Das Dorf selbst wirkt wie ein Trauerspiel. Das Beste in dem Ort ist die Anwesenheit der Übersiedler selbst. Das Gebäude, in dem sich das Aufnahmezentrum befindet, war früher eine Kaserne. Man hat sie in strahlendem Orange und Grün angemalt und vor dem Eingang einen Kinderspielplatz eingerichtet. Es heißt, dass dieser speziell für den Besuch des Duma-Vorsitzenden Boris Gryslow eingerichtet wurde, der dann aber doch nicht kam.

Vor Kurzem gab es für die Bewohner einen kleinen Anlass zur Freude, als die Internationale Hilfsorganisation „Caritas West“ Hilfsgüter aus der Bundesrepublik Deutschland überbrachte. In ihrer Ausweglosigkeit hatten sich die Übersiedler an die Caritas gewandt. Mit Freude nahmen die Menschen Pakete mit Kleidung und Wäsche entgegen. Eine solche Hilfslieferung hatte es zuletzt in den 90er Jahren gegeben, als der Lebensstandard noch deutlich geringer war.

Für die Mehrheit der Bewohner von Sewernyj gibt es kein Zurück mehr: Viele von ihnen haben ihre Wohnungen verkauft und ihre Staatsbürgerschaft zugunsten der russischen aufgegeben. Die Übersiedler müssen Miete zahlen. Für ein kleines Zimmer zahlen sie etwa 60000 Rubel (rund 1400 Euro) jährlich. Dabei muss wie in einem Hotel jede Person einzeln zahlen. Die Bewohner prozessieren schon seit Langem gegen diese Bedingungen, bisher ergebnislos.

Viele mussten bereits beträchtliche Schulden anhäufen, weil sie keine Arbeit haben. Zahlen sie jedoch ihre Miete nicht, erhalten sie keine Meldebescheinigung. Ohne die wiederum finden sie keine Arbeit. Zudem konkurrieren sie auf dem Arbeitsmarkt mit Arbeitslosen aus der Hauptstadt. Eine Wohnung auf Kredit zu kaufen ist für Übersiedler mangels ständigem Wohnsitz nicht möglich. So leben sie in einem Teufelskreis, aus dem die meisten bisher noch keinen Ausweg gefunden haben.       Jurij Tschernyschew

Foto: Arbeitslosigkeit in der Russischen Föderation: Damit hatten die zugewanderten Auslandsrussen nicht gerechnet.


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