© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 04-10 vom 30. Januar 2010

Die ostpreußische Familie
Leser helfen Lesern
von Ruth Geede

Lewe Landslied,

liebe Familienfreunde,

der Winter hat uns fest im Griff und manchmal kommt er uns so vor, wie Joachim Ringelnatz, dessen Frau „Muschelkalk“ aus Masuren stammte, den Winter in deren Heimat beschrieb: „Froh ostpreußisch“. Ja, es gibt schon Momente, da fühlen wir Älteren uns in die Kindheit mit ihren weißen Winterfreuden versetzt, aber es kommen dann doch auch andere Erinnerungen, und sie dominieren in diesen Tagen: Es sind die Wochen der Flucht in Schnee, Eis und bitterer Kälte. Sie haben sich in unseren Lebensweg eingegraben und lassen sich nicht zuschütten. Das ersehe ich aus den Briefen, die ich jetzt erhalte, in denen unsere Leserinnen und Leser dieses Kapitel ihrer Biographie wieder aufschlagen und es vor mir ausbreiten. Oft mit Ungewissheit, denn mancher Abschnitt ist mit Fragezeichen versehen: Trügt die Erinnerung, oder war es damals wirklich so? Das betrifft vor allem die Vertriebenen, die damals Kinder waren, die, aus der Geborgenheit von Familie und Heimat gerissen, das furchtbare Geschehen erlebten, es überlebten, aber nie bewältigen konnten. Denn es standen ja keine Psychologen bereit, die versucht hätten, mit den oft traumatisierten Kindern das Erlittene zu verarbeiten, damals nicht und später auch nicht. So kommt es immer wieder zu Briefen an unsere Ostpreußische Familie wie den von Herrn Horst Jucknat aus Hardert, der über seine Fluchterlebnisse unschlüssig ist, ob sie wirklich so geschehen sind. Er schreibt:

„Ich wurde im September 1940 in Insterburg geboren. Als der Krieg sich seinem Ende näherte, ging meine Mutter Lieselotte Juck­nat geborene Schönfeld mit mir und meinem ein Jahr älteren Bruder auf die Flucht in Richtung Westen. Unser Vater Ernst Juck­nat befand sich an der Ostfront. Über Stolp in Pommern gelangten wir in die Gegend von Stettin. Dort fanden wir mit vielen anderen Flüchtlingen in dem Vorort Scheune in einem Stall vorübergehend Unterkunft. In meiner dunklen, verschwommenen Erinnerung habe ich folgende Begebenheit: Bei der langsamen Fahrt mit einem Personenzug – ich erinnere mich noch an die damals üblichen Holzbänke – stürmten Polen in den Zug, ergriffen kleine Kinder und warfen sie aus dem Zug auf den Bahndamm und in den Fluss. Auch Kinder, die sich unter den Sitzbänken versteckt hatten, wurden herausgezogen. Mein Bruder und ich wurden verschont. Ich meine noch heute, das Geschrei der Kinder und Mütter zu hören – oder sind das Phantasiegebilde, die sich im Laufe der Nachkriegsjahre in Mecklenburg aufgrund von Gesprächen meiner Mutter mit Schicksalsgefährten in meinem Kopf gebildet haben? In späteren Jahren habe ich meine – zwischenzeitlich verstorbene – Mutter nicht mehr danach gefragt, wahrscheinlich um diese Ereignisse zu verdrängen. Jetzt endlich will ich Gewissheit haben, für mich ist das wichtig. Darum meine Bitte an die Leser: Kann mir irgendein Schicksalsgefährte Auskunft darüber geben, ob die schrecklichen Ereignisse sich wirklich so abgespielt haben, oder doch nur Hirngespinste sind?“

 Soweit die Frage von Herrn Jucknat an unsere Leserinnen und Leser, dessen Bruder übrigens schon 1945 an den Folgen der Flucht in Güstrow verstarb, wohin die Familie über das zerstörte Berlin gelangt war. Ich möchte sie so weitergeben, denn es werden sich mit Sicherheit Landsleute melden, die Horst Jucknat mit ihren authentischen Erinnerungen helfen können. Wir haben einmal einen ähnlichen Vorgang gebracht, der ebenfalls in der Nähe von Stettin geschah, der allerdings nicht so grausam verlief wie der von Herrn Jucknat geschilderte. Ich hoffe jedenfalls, dass unsere Familie ihm helfen kann, das im Unterbewusstsein noch immer vorhandene Geschehen, das der damals Fünfjährige erleiden musste, endlich aufzuarbeiten. (Horst Jucknat, Breite Straße 4 in 56579 Hardert, Telefon 02634/3116.)

Immerhin hat seine Mutter Gespräche mit anderen Schicksalsgefährtinnen über ihren Leidensweg geführt – viele dieser Frauen aber blieben stumm, sie waren blockiert, konnten und wollten nicht über die Geschehnisse sprechen, die Leib und Seele verletzt hatten. Sie gaben auch ihren Kindern keine Antwort, wenn diese Fragen stellten. So auch die Mutter von Frau Hildegard Bartkowiak aus Chemnitz, die bis zu ihrem Tode schwieg. Die Fragen aber sind geblieben – bis heute. Und deshalb wendet sich die Tochter an uns in der Hoffnung, wenigstens etwas über die Stufen im Lebensweg ihrer Mutter Anna Drost zu erfahren, die für Hildegard und ihre Schwester Dorothea so wichtig sind. Warum – das ist aus dieser Suchfrage zu entnehmen:

Frau Droste wurde als Anna Hoppe am 26. Februar 1921 in Schellen, Kreis Rößel, geboren, besuchte dort bis 1935 die Schule. Anschließend nahm sie eine Stellung bei der Familie Flack in Glockstein an, war dann von 1938 an auf dem bei Schellen gelegenen Hof der Familie Reich beschäftigt. Im August 1943 gebar sie in Rößel ein Mädchen, Hildegard. Nach dem Russeneinfall musste die junge Mutter mit anderen Frauen Vieh in Richtung Osten treiben, wurde aber bereits in Friedland schwer krank. Anna Hoppe wurde schwanger, im Dezember 1945 kam in Bischofsstein ihre Tochter Dorothea zur Welt. Die kleine Hildegard wurde damals von ihrer Tante Holstein in Glockstein betreut. Von 1946/47 an war die Mutter mit ihren beiden Kindern für kurze Zeit in Neu Bertung auf dem Hof einer Tante mit Namen Saager. Das wurde Frau Bartkowiak bei ihrem ersten Besuch in der Heimat von Frau Grete Boll geborene Saager bestätigt. Ihre Erinnerungen setzen erst ein, als die Familie 1947 ausgewiesen wurde und mit einem in Allenstein zusammengestellten Transport in die Bundesrepublik Deutschland kam. Diese Zugfahrt hat sich – wie eben auch bei Herrn Jucknat – besonders in ihr Gedächtnis eingegraben. Als der Zug einmal sehr lange auf offener Strecke hielt, schickten die Mitreisenden das kleine Mädchen los, damit es nach dem Grund sehen sollte. Das dünne Kind zwängte sich durch einen schmalen Türspalt und konnte erkennen, dass russische Soldaten das Gepäck der Flüchtlinge auf Laster umluden. Hildegard rief entsetzt: „Die Russen klauen unsere Sachen!“ Darauf holten die Soldaten alle Flüchtlinge aus dem Zug und nahmen ihnen die letzten Wertsachen wie Uhren, Schmuck und Eheringe ab. Der weitere Verlauf ist schnell erzählt: Der Transport ging nach Altenburg (Thüringen). Die Mutter fand mit ihren Töchtern in Leimbach bei Bad Salzungen eine dauerhafte Bleibe. Sie heiratete noch im Verlauf des Jahres Paul Drost, dem sie als in Gefangenschaft geratenen deutschen Soldaten 1946 in Neu Bertung begegnet war. Er gab die beiden Töchter seiner Frau als seine eigenen aus und erfüllte die Vaterstelle bis zu seinem Tod. Aber nach seinem Ableben und dem Tod seiner Frau im vergangenen Jahr werden die Fragen bei den Töchtern nach den leiblichen Vätern immer lauter. Mit den Eltern konnten sie nie darüber sprechen. Sie wissen von Verwandten, dass jede einen anderen Erzeuger hat, aber das ist auch alles. Vielleicht ist jemand aus unserem Leserkreis Anna Droste-Hoppe irgendwann begegnet, vor allem in der Russenzeit, und weiß, wie damals ihr Leben verlief. Vielleicht hat sie sich auch jemandem in den schwierigsten Phasen ihres Lebens anvertraut. Es ist auch möglich, dass Verwandte und Vertraute bewusst geschwiegen haben, aber der Wunsch der Töchter dürfte jetzt wichtiger sein. Warum lässt man den Fall nicht auf sich beruhen? – so werden manche Leser fragen. Frau Bartkowiak, die in ihrer Chemnitzer LO-Gruppe sehr aktiv ist, gibt die Antwort: „Ich weiß, wie wichtig es ist, dass jeder Mensch seine Vergangenheit kennt. Nur durch Verstehen kann man auch verzeihen.“ (Hildegard Bartkowiak, Marienberger Straße 26 in 09125 Chemnitz.)

Der nächste Suchwunsch beinhaltet eine Frage, die wohl zu den rätselhaftesten gehört, die wir je gebracht haben. Es handelt sich um einen Ostpreußen, der als Hauptmann bei den letzten Kämpfen im Februar 1945 bei Schöndamerau gefallen ist, dessen Name und Geburtsdatum dann aber plötzlich im August 2003 in einem Geburtstagsglück­wunsch auftauchten, in dem als Wohnsitz Osnabrück genannt wird. Hier ist es angebracht, die Schreiberin Andrea Berg-Meibaum selber sprechen zu lassen, denn sie ist die Enkeltochter des Betreffenden und spricht für die Familie, auf die plötzlich viele Fragen zukamen. Frau Berg-Meibaum aus Uetze schreibt:

„Mein Großvater hieß August Knizia und wurde in Ostpreußen geboren. Seine Frau Ilse und die gemeinsame Tochter wurden aus der Heimat vertrieben und fanden eine neue Bleibe in Burgdorf bei Hannover. 1950 bekamen sie einen Brief, mit dem Bescheid, dass August Knizia im Krieg gefallen sei. Durch die Eingabe des Namens im Internet stieß nun mein Bruder zufällig auf einen Zeitungsauszug des Ostpreußenblattes vom 16. August 2003, in dem August Knizia zum Geburtstag gratuliert wurde. Das Geburtsdatum: 22. August 1911. Unser Großvater ist genau an diesem Tag geboren! In dem Artikel stand: jetzt wohnhaft in Osna­brück, Droppskamp 12. Nachforschungen beim Melderegister haben ergeben, dass dort tatsächlich ein A. Knizia mit diesem Geburtsdatum wohnte. Er ist 1994 verstorben, war also zum Zeitpunkt des Glückwunsches schon tot. Wie sich jeder vorstellen kann, kamen viele Fragen in unserer Familie auf. Das Einwohnermeldeamt gibt leider keine weiteren Auskünfte über Hinterbliebene oder dergleichen. Ich möchte daher alle bitten, die jemals von einem August Knizia gehört haben, sich bei mir zu melden. Auch einen Brief über den Tod meines Großvaters lege ich bei. Vielleicht kennt jemand die Person, die ihn geschrieben haben könnte, auch Angehörige des Schreibers.“

Dieser Brief vom 15. Februar 1952 ist an Frau Ilse Knizia gerichtet, geschrieben hat ihn Willy Heufler aus Köln-Buchhorst. Er war 1945 Wachtmeister bei der Einheit 56450 E, der Batteriechef war Hauptmann August Knizia. Aus dem Schreiben ist ersichtlich, dass Hauptmann Knizia noch Anfang 1945 in Urlaub gefahren ist, aber bald zu seiner Einheit zurückkehrte, die von Benkheim bei Angerburg in das Lager Stablack verlegt wurde. Im Februar geriet Hauptmann Knizia mit seiner Batterie in die schweren Kampfhandlungen bei Schöndamerau, Kreis Braunsberg. Herr Heufler beschreibt genau die letzten Stunden des Hauptmanns Knizia:

„Er befand sich als Beobachter mit Wachtmeister Flugs auf einem Gelände an der Passarge, das stark beschossen wurde. Deshalb beschloss er, die Stellung zu wechseln. Im Dorf Schöndamerau ist er an der Seite von Wachtmeister Flugs im Bombenhagel der russischen Schlachtflugzeuge gefallen. Er ist an einer schweren Kopfverletzung sofort gestorben. Von der Batterie ist für unsern sehr beliebten Chef ein Sarg gebaut wurden, in dem er dann im Dorf Plaßwich bestattet wurde.“

Diesen Brief hat Herr Heufler geschrieben, nachdem er Weihnachten 1949 nach seiner Rück­kehr aus der Gefangenschaft im Lager Friedland auf der Suchliste das Bild von Hauptmann Knizia gesehen hatte. Von da an wusste Frau Knizia, dass ihr Mann gefallen war.

Und nun das? Man könnte viele Vermutungen aussprechen, aber man sollte lieber auf die Hinweise warten, die mit Sicherheit kommen werden. Vor allem gilt es die Frage zu lösen, wer 2003 die Gratulation veranlasst und damit die Osnabrücker Adresse angegeben hat, obgleich der Beglückwünschte damals schon neun Jahre tot war. Er könnte dazu beitragen, die Identität dieses August Knizia zu erklären, der vielleicht ein Verwandter von Hauptmann Knizia war. Die Übereinstimmung der Vornamen ließe sich vielleicht aus Familientradition erklären, aber das gleiche Geburtsdatum – das wäre dann schon mehr als ein Zufall! Doch damit sind wir schon bei ersten Vermutungen. (Andrea Berg-Meibaum, Zur Eltzer Mühle 21a in 31311 Uetze, Telefon 05173/24152, E-Mail: andrea@berg-mode.de)

Nur drei Zuschriften von vielen, aber welche Schicksale sind in diesen wenigen Zeilen gebündelt!

Eure Ruth Geede


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