© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 04-10 vom 30. Januar 2010

»Ein Film, nicht meine Geschichte«
Der Extrem-Bergsteiger Reinhold Messner über den Film »Nanga Parbat«, den Tod seines Bruders und die eigene Zukunft

Er ist einer der letzten Abenteurer in unserer modernen Zeit. Reinhold Messner bestieg die größten Berge der Welt, durchquerte unter extremsten Bedingungen Sand- und Eiswüsten. Ein sensibler Punkt in seiner Biographie bleibt jedoch der Tod seines Bruders Günther im Jahre 1970 bei der Besteigung des Nanga Parbat (ein Berg im Westhimalaya), wofür er immer wieder verantwortlich gemacht wurde. Unter dem Titel „Nanga Parbat“ ist diese Geschichte derzeit in den Kinos zu sehen, verfilmt von Joseph Vilsmaier. Die PAZ sprach mit Reinhold Messner über den Film.

PAZ: Wie fühlt es sich für Sie an, die tragischen Ereignisse von 1970 nun auf der Leinwand zu sehen?

Reinhold Messner: Sie müssen wissen, dass ich den Film als Film sehe und nicht als meine Geschichte. Für mich ist das gar nicht so schwierig, weil ich von jemand anderem gespielt werde. Meine Kinder haben den Film gesehen und sagten zu mir: ‚Papa, das bist nicht du!‘ Sie kennen mich nun mal, während sie meinen verstorbenen Bruder nie treffen konnten und ihn dadurch im Film besser annehmen konnten. Das war für sie der Onkel Günther.

PAZ: Trotzdem muss Sie der Film doch wieder emotional aufgewühlt haben?

Messner: Natürlich gibt es die Momente, die der eigenen Realität sehr nahe kommen und Emotionen wieder aufbrechen lassen. Aber ich habe inzwischen viele Bücher darüber geschrieben, x-mal mit diesem Thema auf der Bühne gestanden, was viel schwieriger ist, weil man beim Erzählen viel konkreter wieder in die Emotionen hineingerät.

PAZ: Hat Ihnen das alles geholfen, den Tod Ihres Bruders zu überwinden?

Messner: Ich muss sagen, dass für mich der Tod meines Bruders viel einfacher zu verarbeiten war als etwa für meine Mutter. Denn sie hatte am anderen Ende der Welt ihr Kind verloren, und das ohne Leiche. Wir Menschen haben keine Ruhe, bis wir unsere Toten nicht beerdigt haben, das habe ich selbst erst durch das damalige Unglück verstehen können.

PAZ: Sie selbst sind damals dem Tod nur knapp entkommen. Gab es danach noch öfter Situationen, in denen Sie dem Tod ins Auge geblickt haben?

Messner: Ich würde sagen, ein halbes Dutzend Mal bei extremen Touren.

PAZ: Was hat Sie angetrieben, sich immer wieder in Lebensgefahr zu bringen?

Messner: Im Grunde genommen ist es nicht erklärbar. Bergsteigen ist am Tod provoziertes Leben. Gerade wegen der Gefahr lebt man sein Leben intensiver, was bestimmt etwas Schizophrenes hat. Man geht dort hin, wo man normalerweise sterben müsste, um nicht zu sterben. Ein Laie würde sagen, solche Bergsteiger sind absolut daneben, und ich muss sagen, die haben absolut Recht.

PAZ: Sie spielen sozusagen immer wieder mit dem Leben?

Messner: Das ist der falsche Ausdruck. Wir stellen uns dadurch selber immer wieder infrage und testen die Grenzen des Lebens aus. Bergsteiger wissen viel intensiver, dass das Leben begrenzt ist und immer mit dem Tod zusammenhängt. Das Leben ist eingespannt zwischen Geburt und Tod, und umso klarer mir das ist, desto intensiver kann ich leben.

PAZ: Ein anderer Beruf wäre für Sie nie in Frage gekommen?

Messner: Nach dem Tod meines Bruders sagten meine Eltern sofort: „Jetzt reicht es, mach’ dein Studium fertig.“ Ich bin also an die Universität zurückgekehrt, habe dann aber nach vier Monaten wieder gekündigt und somit ein Studium endgültig aufgegeben. Ich war entschlossen, das Bergsteigen absolut zu machen, weil ich erkannte, dass es mir gar nichts nutzt, daheim zu bleiben. Meinen Bruder konnte ich damit nicht wieder lebendig machen. Sein Tod bleibt zwar Teil meiner Biographie und meiner Verantwortung, trotzdem habe ich das Recht, mein Leben weiterzuleben. Das war ein ganz wesentlicher Schritt in meinem Leben.

PAZ: Inwieweit ist Ihr Bruder noch bei Ihnen, wenn sie allein auf einem Gipfel stehen?

Messner: Mein Bruder ist mit mir existent, weil ich an ihn denke. Solange sich jemand an einen Toten erinnert, ist dieser in irgendeiner Form noch da. Wenn ich in den Dolomiten herumklettere oder auch nur mit meinen Kindern spazieren gehe, sage ich oft, da habe ich mit Günther das und jenes gemacht.

PAZ: Sie haben sich immer wieder neuen Herausforderungen gestellt. Gibt es noch etwas, was Sie unbedingt tun wollen?

Messner: Momentan bin ich dabei, meine letzte Herausforderung zu Ende zu bringen – und das war die Gründung des Messner Mountain Museums. Seit zehn Jahren bin ich dabei, was mir die gleiche Befriedigung gibt wie den Mount Everest zu besteigen. In diesem Jahr werde ich das Projekt jüngeren Leuten übergeben, um wieder frei für neue Sachen zu sein. Ich schließe nicht aus, mal selbst einen Film zu drehen.

PAZ: Warum Film?

Messner: Ich durfte Joseph Vilsmaier bei den Dreharbeiten zu „Nanga Parbat“ oft über die Schulter blicken und habe dadurch viel verstanden. Ich glaube, der Film ist immer noch die beste Möglichkeit, eine Geschichte von Mensch und Natur zu erzählen. Mich interessiert der Mensch, der einem Berg oder der Wüste ausgeliefert ist. Die Natur kenne ich inzwischen sehr gut, aber was passiert dabei mit dem Menschen?

Markus Tschiedert (Ricore)


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