© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 04-10 vom 30. Januar 2010

Zerissener Grenzgänger
Der Historiker Fritz Stern

„Denk ich an Deutschland in der Nacht / Dann bin ich um den Schlaf gebracht.“ So drückt Heinrich Heine in den berühmten „Nachtgedanken“ seine Sorge um seine Heimat aus. Wegen seiner politischen Ansichten vor allem in Preußen angefeindet und der Zensur in Deutschland überdrüssig war der Dichter 1831 nach Paris ins Exil gegangen. Ein Jahrhundert später, im September 1938, floh die Familie Stern wegen ihrer jüdischen Abstammung aus Breslau nach New York. Sohn Fritz war damals zwölf Jahre alt. Seinen preußischen Vornamen erhielt er nach seinem Paten, dem Chemiker und Nobelpreisträger Fritz Haber.

Während die Eltern und die Schwester fortan für den Lebensunterhalt sorgten, kümmerte sich der junge Fritz Stern um den Haushalt. Er führte auch die Korrespondenz mit den verbliebenen Freunden und Verwandten in Deutschland und Europa. Ähnlich wie bei Heine zeugen seine Briefe von der Zerrissenheit zwischen alter und neuer Heimat: „Ich nahm ein Doppelleben an: die deutsche Vergangenheit, stets präsent, stets unheilvoll, und die amerikanische Gegenwart, unmittelbar, unsicher, aber stets verheißungsvoll. Ich lebte – zwangsläufig und aus innerer Neigung – in beiden Welten.“ Stern hat Kopien fast aller dieser Schreiben aufbewahrt. Auf ihnen beruht sein nun als Taschenbuch erschienenes autobiographisches Buch „Fünf Deutschland und ein Leben“.

Obwohl Stern aus einer Familie von Ärzten und Naturwissenschaftlern stammte, schlug er Albert Einsteins persönlichen Rat, Medizin zu studieren, aus. Mit 20 Jahren widmete er sich der Geschichte und trat 1953 Jahre seine erste Professur an der Columbia-Universität an. Stern stieg zu einem der bedeutendsten US-amerikanischen Historiker deutscher Geschichte auf und wurde mit seinen Büchern und Aufsätzen auch im Nachkriegsdeutschland zu einer intellektuellen Instanz.

Seit den 1960er Jahren verweilte Stern öfter in der deutschen Heimat als Referent oder Gastdozent. Enge Freundschaften verbanden ihn etwa mit dem Soziologen und Politiker Ralf Dahrendorf – ein Liberaler wie er selbst – und der aus Ostpreußen stammenden Journalistin Marion Gräfin Dönhoff. Der deutsch-amerikanische Grenzgänger meldete sich zu vielen politischen und gesellschaftlichen Ereignissen zu Wort. Vom Aufruf gegen den Vietnamkrieg und gegen die gewalttätige Studentenrevolte der 68er über seine Einmischung in die Kriegsschuldkontroverse und die Walser-Debatte bis hin zur lakonischen Bezeichnung Angela Merkels als „Kohls größtes Geschenk an Deutschland“ – der spätere Friedenspreisträger fürchtete nie die Konfrontation. Als 1990 Margaret Thatcher beim gemeinsamen Tee gegen eine deutsche Wiedervereinigung wetterte und sagte: „Die Einzigen, denen man vertrauen kann, sind die Holländer“, entgegnete Stern: „Frau Premierminister, das könnte nicht ganz ausreichen.“

Sterns Autobiographie ist ein reicher Schatz solcher Episoden, in denen sich Zeitgeschichte und private Erlebnisse verschränken. Der Autor legt ein scharfsinniges Zeugnis über die Zeitspanne von der Weimarer Republik bis zum wiedervereinten Deutschland ab. Seine feine Ironie rettet das Buch vor dem Gelehrtenton und gelegentlichen Längen.         S. E. Gerber

Fritz Stern: „Fünf Deutschland und ein Leben. Erinnerungen“, dtv, München 2009, broschiert, 675 Seiten, 12,90 Euro


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