© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 04-10 vom 30. Januar 2010

Zum Klauen gezwungen
Begleitband zur Fernsehdokumentation über den Hungerwinter 1946/1947

Als zu Jahresbeginn starker Schneefall einsetzte und es vielerorts zu Eisglätte und Schneeverwehungen kam, machten Wörter wie „Eischaos“ und „Schneekatastrophe“ die Runde. Dabei war es letztlich doch nur ein Winter, wie er früher üblich und den Menschen etwa in Ostpreußen, in Pommern oder in den Alpen ganz geläufig war. Für wirkliche Katastrophen wie jetzt in Haiti fehlen dann manchmal schon die adäquaten Begriffe.

Eine wirklich Katastrophe erlebten die Deutschen im Winter 1946/47. Das zerbombte, von Hunger und Elend geprägte Land mit zusätzlich über zehn Millionen Vertriebener durchlitt zwischen Dezember 1946 und März 1947 einen der kältesten Winter des Jahrhunderts. Wochenlang herrschten in vielen Teilen Deutschlands Minusgrade bis zu 20 Grad. Die ohnehin nur notdürftig geflickte Infrastruktur brach völlig zusammen, die karge Lebensmittelversorgung ebenso. Wer beispielsweise Berliner Tageszeitungen aus dieser Zeit liest, findet in jedem Blatt, ob Ost oder West, fast täglich auf der Titelseite einen Kasten „Verhungert und verstorben“ mit Name, Adresse und Altersangabe.

Merkwürdigerweise ist diese Katastrophe in der Folgezeit regelrecht verdrängt worden. Im vergangenen Dezember hatte die ARD in einer vielbeachteten Sendung an den damaligen Hungerwinter erinnert und mehrere Zeitzeugen, damals Kinder, heute hochbetagte Männer und Frauen, zum Reden über ihre traumatischen Erlebnisse bewegen können. Der Propyläen-Verlag hat ein Buch zu dieser Serie vorgelegt; es hält das Gesehene fest, vertieft es und gibt – durch ein ausführliches Literaturverzeichnis –  auch Gelegenheit, sich noch mehr in das Thema einzulesen.

Zu Recht beginnen die beiden Autoren, Publizisten und Regisseure Alexander Häusser und Gordian Maugg in dem Buch zur Fernsehdokumentation „Hungerwinter – Deutschlands humanitäre Katastrophe 1946/47“ mit dem Kriegsende. Sie schildern ausführlich, was für die Deutschen zur Normalität wurde: beengtes Wohnen in zerbombten Häusern, Lebensmittelkarten, kaum Arbeit, Hamsterfahrten aufs Land, Schwarzmarktgeschäfte, Verwahrlosung und Plünderungen. Der im Dezember 1946 einsetzende Frost  (der übrigens die meisten europäischen Länder vor schwere Probleme stellte) führte dann zur Katastrophe. Der amerikanische Sonderbeauftragte Herbert H. Hoover schrieb: „Die große Masse des deutschen Volkes ist, was Ernährung, Heizung und Wohnung anbelangt, auf den niedrigsten Stand gekommen, den man seit hundert Jahren in der westlichen Zivilisation kennt.“

Rührend sind die im Buch wiedergegebenen persönlichen Erinnerungen. Die damaligen Kinder, kaum älter als zehn, zwölf Jahre alt, mussten wie die Erwachsenen täglich um ihr Überleben kämpfen, mussten hamstern gehen, „organisieren“ (oft genug stehlen und rauben), waren Elternersatz für kleine Geschwister und Pfleger von Eltern und Großeltern. Eine Weile wurde noch ein Ehrbegriff, man dürfe nicht stehlen und nichts heimlich wegessen, hochgehalten; die bittere Not ließ dann aber oft alle Dämme brechen: „Ein Freund meines Elternhauses, der mir von jeher das Symbol der personifizierten Ehrlichkeit war, antwortete mit erschütternder Selbstverständlichkeit ,Kohlen klauen! Nein‘ – seine Stimme bebte vor Erregung − ,man ist verpflichtet dazu, denn das Recht der Selbsterhaltung steht über dem Gesetz.‘“

Im Sommer 1947 beschlossen die USA den Marshallplan; es war der Wendepunkt für die langsame Erholung in den Westzonen, aber auch der Beginn der Teilung Deutschlands.

Übrigens ist bis heute nicht bekannt, wie viele Tote dieser Winter gefordert hat − vermutlich waren es mehrere Hunderttausend.                       Dirk Klose

Alexander Häusser, Gordian Maugg: „Hungerwinter – Deutschlands humanitäre Katastrophe 1946/47“, Propyläen, Berlin 2009, 218 Seiten, 19,90 Euro


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