© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 07-10 vom 20. Februar 2010

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Ausbau der Betreuungsplätze von unter Dreijährigen wird von leeren Kassen ausgebremst

Eine frühe Bildung der Kleinsten und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind die hehren politischen Ziele beim Ausbau der Kinderbetreuung. Doch Deutschlands klamme Kommunen straucheln bereits unter der finanziellen Last, die ihnen allein die quantitative Umsetzung der Vorgaben aus Berlin auferlegt.

Man stelle sich vor, alle Mütter im Land würden sich entscheiden, sich wieder ganz ihrem Nachwuchs zu widmen und dessen Betreuung zu 100 Prozent selber zu übernehmen. Deutschlands Kämmerer würden − unabhängig von ihrer politischen Couleur − aufgrund des damit verbundenen Einsparpotentials vor Glück Luftsprünge machen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Angeheizt von den Versprechen der ehemaligen Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) und ihrer Nachfolgerin Kristina Schröder (CDU), bis 2013 für ein Drittel der unter Dreijährigen Betreuungsplätze zu schaffen, stürmen Deutschlands Mütter die Anlaufstellen bei Städten, Gemeinden und Kirchen. So manche Kommune im Westen des Landes sieht sich allerdings organisatorisch und finanziell außer Stande, die Nachfrage zu bedienen.

„Kinderbetreuung notfalls auch im Container“, „Tagesmutter statt Krippe“ oder „Gymnastikraum als Provisorium“ vermelden regionale Blätter. Eltern reagieren auf derartige Notlösungen mit Empörung. Ungläubig stellen Alleinerziehende fest, dass noch nicht einmal eine Ganztagsbetreuung für ihre Vierjährigen möglich ist, sie also nicht arbeiten gehen können. Voller Unmut registrieren Erzieherinnen, dass die Kernzeiten, in denen alle Kinder anwesend sind, immer länger werden, aber kein zusätzliches Personal eingestellt wird. Die Möglichkeit, sich einzelnen Kindern intensiver zu widmen, nimmt ab, da immer mehr Eltern ihre Kinder nicht mehr nur vormittags betreut sehen wollen.

Der Ausbau der Kinderbetreuung ist ein Politikum. Doch das ist den Eltern egal. Sie wollen flexible Betreuungsmöglichkeiten in Zeiten, in denen ein Einkommen für den Unterhalt einer Familie immer seltener reicht, Alleinverdienerhaushalte härter von Arbeitslosigkeit bedroht sind, Frauen sich nicht mehr zwischen Kind und Karriere entscheiden wollen und Großeltern immer seltener in der Nachbarschaft wohnen. Eine Familie mit Durchschnittseinkommen zahlt je nach Kommune um die 250 Euro monatlich für eine Ganztagsbetreuung in der Krippe. Das scheint viel. Doch es ist nur ein Bruchteil dessen, was dieser Platz wirklich kostet. Das Deutsche Jugendinstitut rechnet für einen Vollzeitplatz von unter Dreijährigen mit 1000 Euro monatlich für Personal, Räumlichkeiten, Ausstattung und Verwaltung. Die Stadt Chemnitz wendete 2009 745 Euro für neun Stunden Betreuung in der Krippe auf, Hamburg indes 1020 Euro bei nur acht Stunden. Bei den über Dreijährigen fielen in Chemnitz 389 Euro und in Hamburg 675 Euro an. Zum Vergleich: Ein Grundschulplatz kostet 5000 bis 6000 Euro pro Jahr. Im Bundesdurchschnitt werden 15 Prozent dieser Kosten über einkommensabhängige Elternbeiträge gedeckt. „Dabei muss berück-sichtigt werden, dass in manchen Kommunen bis zu 30 Prozent aller Eltern für ihre Kinder gar keine Elternbeiträge bezahlen aufgrund zu geringeren Einkommens“, so Franz-Reinhard Habbel, Sprecher des Deutschen Städte- und Gemeindebundes e.V., gegenüber der PAZ. Und Hermann Haarmann von der Bischöflichen Pressestelle Osnabrück weist darauf hin, dass die Beitragsregelungen selbst im Bistum Osnabrück sehr uneinheitlich seien. Der Landkreis Emsland subventioniere die Kosten der Krippenbetreuung erheblich, während in den Kommunen der Grafschaft Bent-heim oder auch in einigen Kommunen des Landkreises Osna-brück und in Ostfriesland eine an den Kosten orientierte Beitragsordnung gelte. Er gibt aber auch zu bedenken, dass die angespannte finanzielle Lage der Kommunen wohl dazu führe, dass die Beiträge für die Betreuung überdacht und angepasst würden. Auch ächzen die Kämmerer nicht nur unter den laufenden Betriebskosten, sondern auch unter den Millionen, die der Ausbau kostet. 2007, als Ursula von der Leyen den Ausbau bis 2013 zusagte, gab es im Westen nur für knapp zehn Prozent der unter Dreijährigen Betreuungsplätze. Die zugesagte Verdreifachung in sechs Jahren kostet bundesweit jedoch rund zwölf Milliarden. Petra Roth, Präsidentin des Deutschen Städtetages, merkt zudem an, dass die politisch gesetzte Zielmarke von 35 Prozent nicht die Nachfrage decke.

Und während jede Kommune mit unterschiedlicher Unterstützung von übergeordneten Stellen wie Kreis und Land – der Freistaat Bayern übernimmt beispielsweise 43 Prozent der Kosten der Kinderbetreuung – für sich versucht, die Versprechungen des Bundes so gut es eben geht umzusetzen, entdecken immer mehr Kämmerer in ihrer Not die Vorzüge von Tagesmüttern. Die sind mit im Durchschnitt vier Euro pro Stunde je betreutes Kind vor allem billiger als Kindertagesstätten. Das spart auf das Jahr gerechnet gut 4000 Euro pro Kind. Dass eine Tagesmutter keine mehrjährige pädagogische Ausbildung absolvieren muss, sondern nur einen Einführungskurs, der auch noch in jedem Bundesland anders geregelt ist, lässt sogar aus Sicht des Bundesverbandes für Tagespflege die gestiegene Nachfrage nach Tagesmüttern in einem fahlen Licht erscheinen. Dort wünscht man sich bundeseinheitliche Mindeststandards bei Ausbildung, Ausstattung und natürlich Bezahlung. Und so manche Eltern mag es verunsichern, dass die „Ausbildung“ ihrer Tagesmutter nur aus einem 15-stündigen Seminar über Ernährung und Tagesstruktur besteht.

Und während man im Westen verzweifelt versucht, bis 2013 die Zahl der Betreuungsplätze zu sichern, bleibt die Qualität der Betreuung vielfach auf der Strecke. Kritiker der Fremdbetreuung sehen sich in ihrem Urteil bestätigt, dass der Staat nur Kinderverwahranstalten schafft.            Rebecca Bellano


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