© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 07-10 vom 20. Februar 2010

Deutsche Poleneuphorie
»Vergesst vor lauter Polenliebe nicht eure deutschen Brüder!«

Nach den verheerenden Kriegen Napoleons versuchte Europa beim Wiener Kongress 1815 die Kriegswunden zu heilen, die Völker zu befrieden und dauerhafte Grenzen zu schaffen, ohne Frankreich zu demütigen. Das von Napoleon 1806 aufgelöste Heilige Römische Reich Deutscher Nation erstand nicht wieder, es entstand auch kein deutscher Nationalstaat. Vielmehr kam es zur Gründung des Deutschen Bundes. Obgleich Kriegsverlierer, brauchte Frankreich weder das Elsass noch Lothringen wieder abzutreten.

Dagegen musste Preußen, wenngleich die Hauptstreitmacht in der Koalition gegen Napoleon, alle bei den „polnischen Teilungen“ erworbenen Gebiete wieder abtreten bis auf die Gebiete, die bis 1466 eindeutig zum Deutschordensstaat gehört hatten. Polen wurde als Königreich wiederbegründet, doch dieses wurde der Oberhoheit des russischen Zarenreiches unterstellt. Hiergegen wehrte sich das polnische Volk, in dem, wie auch in den übrigen Ländern, durch Frankreich der Nationalstaatsgedanke entflammt war.

Zu einer ersten großen Demonstration für nationale Souveränität kam es 1832 beim Hambacher Fest auf dem Hambacher Schloss in der Pfalz. Neben der schwarz-rot-goldenen deutschen Fahne wehte die weiß-rote polnische. Die polnischen Freiheitskämpfer wurden mit offenen Armen und Jubel empfangen und fanden jegliche Unterstützung. In Polen hatten sich Kadetten am 29. November 1830 erhoben, am 25. Januar 1831 wurde die Dynastie Romanow abgesetzt, doch am 8. September 1831 wurde der polnische Aufstand vom russischen Feldmarschall Hans Karl von Diebitsch-Sabalkanski  niedergeschlagen.

Auch danach ließ in deutschen Landen die Begeisterung für die polnische Freiheitsbewegung nicht nach. Bei der Bundesversammlung am 31. März 1848 in der Frankfurter Paulskirche wurde sogar der Beschluss gefasst, „dass es eine heilige Pflicht des deutschen Volkes sei, mit allen Kräften die Wiederherstellung des Polen-Reiches zu erwirken“. Im Februar 1861 gab es Massendemonstrationen und dann am 22. Januar 1863 einen erneuten Aufstand. Vom preußischen Kujawien aus rückte der zum Diktator auserkorene Ludwik Mieroslawski gegen die Russen vor, wurde aber rasch besiegt. Dennoch gab es bis zum April 1864 immer wieder Kämpfe durch Partisanenverbände. In Deutschland war die Poleneuphorie so groß, dass laute Klagen aus Westpreußen kamen mit der Aufforderung: „Vergesst vor lauter Polenliebe nicht eure deutschen Brüder!“

Was den Polen selbst nicht gelang, das gelang endlich dem kaiserlichen Deutschland. Kurz nach Kriegsbeginn, am 1. August 1914, drangen russische Truppen nach Ostpreußen ein und siegten am 20. des Monats in der Schlacht von Gumbinnen. Verstärkt durch zwei Armeekorps von der Westfront gelang unter Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg die Wende: zuerst der Sieg bei der Schlacht von Tannenberg und dann der Schlacht an den Masurischen Seen. Ostpreußen war von russischen Truppen befreit! Die 9. Armee wollte dann noch im Herbst und Winter Warschau erobern, scheiterte aber. Erst im Laufe des Jahres 1916 gelang die Befreiung Polens. Die Militärgouverneure des Deutschen Reiches und Österreich-Ungarns proklamierten am 5. November 1916 ein unabhängiges „Königreich Polen“. Dank eines hohen Blutzolls der Mittelmächte war nach gut 100 Jahren Polen wieder ein unabhängiger Staat.        Wolfgang Thüne

Foto: Hambacher Fest: Neben Schwarz-Rot-Gold auch Weiß-Rot


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