© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 07-10 vom 20. Februar 2010

Der weltgrößte Obelisk
Vor 125 Jahren wurde das »Washington Monument« eingeweiht

Der weltweit höchste Obelisk steht in Washington in der Mitte der National Mall zwischen dem Kapitol und dem Lincoln Memorial. Der Bau der Superlative war bis zur Fertigstellung des Eiffelturmes 1889 das höchste Bauwerk der Welt und ist heute noch die weltweit größte frei stehende Steinsäule und der höchste Bau der Hauptstadt der USA. Hinsichtlich letzterem gilt Christian Morgensterns gemeinhin ironisch gemeinte Begründung „weil nicht sein kann, was nicht sein darf“ einmal ernsthaft. Dem entsprechenden Gesetz, dass kein Gebäude der Stadt größer sein darf als dieses Monument, verdankt die Metrople ihre geradezu europäisch anmutende Wolkenkratzerlosigkeit.

555 Fuß (169,3) Meter ist das gerne als Phallussymbol bezeichnete Monument hoch. Und an der Basis ist es 55 Fuß (16,8 Meter) breit – breit genug, um begehbar zu sein. Bald nach dem Eintritt stößt man im Sockel auf eine bemerkenswert naturgetreue Statue des Mannes, dem das Washington Monument gewidmet ist. Ein Aufzug fährt dann in ungefähr einer Minute zur Beobachtungsplattform auf 500 Fuß (150 Meter) Höhe. Er ist bereits der vierte und wurde bei der letzten großen, zehn Millionen US-Dollar teuren Renovierung 1997 bis 2001 eingebaut. Man kann allerdings auch über 893 Treppenstufen die Spitze erklimmen. Den Aufstiegsrekord hält ein 23-jähriger Arbeiter, der 1959 am Einbau des dritten Fahrstuhls beteiligt war, mit elf Minuten.

Der Höhe des Baus, die wegen dessen Spiegelung im „Reflecting Pool“ noch beeindruckender wirkt, ist die Länge des Entstehungszeitraumes angemessen. Zum 100. Geburtstag ihres Staatengründers riefen US-Amerikaner 1832 die Washington National Monument Society mit dem Ziel ins Leben, dem ersten Präsidenten ihres Staates aus Spendenmitteln ein Denkmal zu setzen. Am US-Unabhängigkeitstag des Jahres 1848 wurde der Grund gelegt. Da die Washingtoner Freimaurerloge den Grundstein für das einem Logenbruder gewidmete Denkmal stiftete, fiel die Entscheidung auf ein Freimaurersymbol als Denkmalform, den Obelisken. Einen hierfür ausgeschriebenen Architektenwettbewerb gewann Robert Mills. In seinem ursprünglichen Entwurf war der marmorne Obelisk von einer Säulenhalle mit Statuen von Helden des Unabhängigkeitskrieges umgeben, aber diese Halle fiel der Geldknappheit zum Opfer.

Überhaupt ist die gesamte Entstehungsgeschichte von Geldknappheit geprägt, was auch ihre Länge erklärt. „Dieser halbfertige Obelisk sieht aus wie eine Siegessäule, bei der die Spitze abgebrochen ist“, unkte Mark Twain (1835–1910) nicht ohne Grund. Halbfertig war das Monument in der Tat über Jahrzehnte. Als 1848 mit dem Bau begonnen wurde, waren die nötigen Mittel für die Fertigstellung nämlich noch gar nicht eingetrieben. Voller Gottvertrauen setzte man darauf, dass nach diesem Zeichen sich schon weitere Geldgeber finden würden. Das war auch der Fall, allerdings nicht gerade schnell. Erst nach dem gewonnenen Krieg gegen die Konföderierten Staaten von Amerika (1861–1865) ermöglichte eine vom Kongress zur 100-Jahr-Feier der Unabhängigkeitserklärung 1876 bewilligte Finanzspritze von 200000 Dollar eine Wiederaufnahme der vor dem Krieg eingestellten Bauarbeiten. Wer genau hinguckt, kann noch heute die zwei Bauphasen an den unterschiedlichen Verblendsteinen des unteren und der zwei oberen Drittel des Marmorobelisken erkennen, auch auf dem Bild oben.

Vor 125 Jahren war der Bau dann endlich fertig. Am 21. Februar 1885 weihte der damalige US-Präsident Chester A. Arthur das Nationaldenkmal ein.     M.R.

Foto: Washington Monument: Spiegelung im Reflecting Pool


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