© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 07-10 vom 20. Februar 2010

Harter Winter kostet Menschenleben
Die Verwaltung im Königsberger Gebiet zeigt sich Schnee und Frost kaum gewachsen

Wie in ganz Europa blieb auch das Königsberger Gebiet nicht verschont von dem härtesten Winter seit Langem. Auf ungewöhnlich starken Frost bis minus 25 Grad Mitte Januar folgte bald reichlich Schnee.

Die städtischen Räumdienste sahen sich vor eine harte Herausforderung gestellt, um die Straßen der Stadt und die Hauptverbindungen in die Region einigermaßen von Schnee und Eis freizuhalten. Die Meteorologen hatten zwar rechtzeitig vor einem Schneesturm gewarnt und die städtischen Räumdienste schienen gut vorbereitet zu sein. Doch schon nach wenigen Tagen geriet die Situation außer Kontrolle. Für das Räumen der Straßen benötigte man angesichts der Schneemengen Spezialausrüstung und die Hausmeister konnten mit Besen und Schaufeln nichts mehr ausrichten.

Die Königsberger Hauptstraßen sind wieder einigermaßen frei, aber auf den Nebenstraßen oder Plätzen zeigt sich ein völlig anderes Bild, dort ist es für Autofahrer und Fußgänger gefährlich. Die Bewohner griffen zur Eigeninitiative und schaufelten sich selbst Zugänge zu ihren Häuser frei, hier und da kam auch jemand auf die Idee, Sand zu streuen. Doch im Allgemeinen fühlt sich niemand für das Räumen der Hauszufahrten und -gänge zuständig und die Bewohner werden erst dann selbst aktiv, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Zum Beispiel am Wochenende, wenn die beauftragten privaten Räumdienste nicht ausrücken.

Dabei ist der Winterdienst auf dem Papier in Königsberg sogar besser geregelt als in vielen anderen Städten. Es gibt eine Verordnung über „Regeln zur Erhaltung der Gesundheit und öffentlicher Einrichtungen im Stadtkreis Königsberg“, in der es einen Abschnitt über die Schneeräumpflicht auf Straßen und Plätzen gibt. Darin heißt es, dass mit dem Abtauen und Entfernen von Schnee schon ab einer Schneehöhe von zwei bis drei Zentimetern begonnen werden muss. Wenn der Schneefall länger als 24 Stunden anhält, „ist in dieser Zeit nicht weniger als dreimal zu räumen“. Bürgersteige müssen theoretisch unmittelbar nach dem Schneefall geräumt und ständig schnee- und eisfrei gehalten werden. Auch in diesem Bereich verfügt Russland und hier namentlich Königsberg über ein engmaschiges Regelwerk, das nur leider in der Praxis kaum beachtet wird.

Die nicht rechtzeitige Beseitigung von Schnee hat zur Bildung regelrechter Eisbahnen unmittelbar neben der Fahrbahn geführt. Die Leute brechen Äste ab und legen sie auf das Eis, bevor die ersten Sonnenstrahlen es schmelzen lassen. Die Autofahrer leiden nicht weniger als die Fußgänger, Fahrten in die Umgebung der Stadt sind auf einigen Straßen lebensgefährlich.

Auf den Straßen des gesamten Gebiets ereignet sich ein Verkehrsunfall nach dem anderen. Ein schwerer Unfall hat sich auf einer Straße außerhalb Königsbergs ereignet, bei dem ein fünfjähriges Mädchen ums Leben kam. Der Fahrer eines VW „Passat“ war auf die Gegenfahrbahn geraten und mit einem Laster zusammengestoßen. Der „Passat“ geriet daraufhin ins Schleudern, das auf der Rückbank sitzende Kind starb an seinen Verletzungen. Die Straße wurde unmittelbar nach dem Unfall geräumt.

In einigen Städten des Gebiets ist die Situation noch schlimmer als in Königsberg und Umgebung. Zum Vergleich: In der Hauptstadt waren 86 Räumfahrzeuge in ständigem Einsatz, während Gumbinnen überhaupt nur über zwei Räumfahrzeuge und einen Räumtraktor verfügt. Arkadij Scharkow aus Neuhausen (Gurjewsk) hat bereits einen Beschwerdebrief an Präsident Dmitrij Medwedew geschrieben. Dutzende Dörfer an der Straße nach Labiau (Polessk) wie Wanghusen (Gribojedowo), Bothenen (Trostinki), Nautzken (Dobrino) und Kaimen (Zaretschie) versinken in meterhohem Schnee. Die Menschen können weder einen Krankenwagen noch die Feuerwehr oder die Polizei rufen, weil sie nicht zu ihnen durchkommen. Die Kinder müssen täglich kilometerlange Schneewanderungen zur Schule zurücklegen.

Der strenge Frost, der nun schon seit Wochen anhält, hat schon mehrere Opfer gefordert. Zehn Menschen wurden mit schweren Erfrierungen in Krankenhäuser eingeliefert. An nur einem Wochenende gab es einige Todesfälle durch Unterkühlung – zwei Betrunkene erfroren.

Jurij Tschernyschew

Foto: Notlösung: Mit schwerem Gerät wurde der Schnee abtransportiert.           Bild: Tschernyschew


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