© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 07-10 vom 20. Februar 2010

»Sei immer treu und edel«
Poesiealben im Lohrer Schulmuseum öffnen den Blick auf Moral und Lebensweisheiten vergangener Zeiten

Hobbys, Lieblingsfarbe, Lieblingstier, Augenfarbe, Lieblingsband werden heute nachgefragt beim Eintrag in ein Freundschaftsbuch, dem Nachfolger des Poesiealbums. Ein Blick in das Archiv des Lohrer Schulmuseums macht die Geschichte der alten Freundschaftsbücher deutlich.

Seit gut 150 Jahren ist das Poesiealbum eine vor allem bei Mädchen beliebte Form, sich der gegenseitigen Freundschaft und Zuneigung in Bild und Wort zu versichern. In der historischen Zusammenschau sind diese Poesiebücher heute auch anschauliche Zeitdokumente, weil sie durch Text, Ausdrucksweise und Auswahl der Illustrationen vielseitige Einblicke in die jeweilige Zeit ermöglichen. Auf eine ganz besondere Weise kann man so viel über Moral, Lebensweisheiten und individuelle Lebenswelten vergangener Epochen erfahren.

Entstanden ist das Poesiealbum aus dem sogenannten Stammbuch, das auch als „Album amicorum“ (Album der Freunde) ab der Mitte des 16. Jahrhunderts in Umlauf kam. In die meist querformatigen Büchlein, oft auch im Schuber, trugen sich Freunde, Verwandte und Gönner als Zeichen ihrer Freundschaft mit handschriftlichen kurzen Texten, oft in Versform, ein.

Im 18. Jahrhundert bildete sich eine eigene Industrie, die vorgefertigte Grafiken als „Stammtischblätter“ anbot. Sie wurden individuell beschriftet und dann eingeheftet. Vor allem bei den Studenten erfreute sich das Stammbuch großer Beliebtheit.

Es diente ihnen auch zum Sammeln von Empfehlungsschreiben der Professoren und anderer für sie wichtige Persönlichkeiten und war so gewissermaßen eine Art Legitimation, wenn sie sich bei einer anderen Universität vorstellten. Der Ausdruck „jemandem etwas ins Stammbuch schreiben“ bezieht sich wohl auf diese Gewohnheit.

Gegen 1850 kam das Stammbuch dann aber außer Mode. Nun übernahmen mit entsprechenden Widmungen versehene Couleurartikel die Funktion des Freundschaftssouvenirs, wie sie noch heute bei den Studentenverbindungen üblich sind.

Das Poesiealbum trat an die Stelle des Stammbuches, nun allerdings als eine vor allem von Mädchen bevorzugte Form der Freundschaftsbezeugung.

Im Archiv des Lohrer Schulmuseums befinden sich zahlreiche Poesiealben, die einen guten Einblick in die Geschichte dieser Freundschaftsbücher ermöglichen. Die Texte der frühen Poesiealben sind oft noch sehr beeinflusst von der Biedermeierzeit und der Romantik in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und entsprechend unpolitisch. Neben den üblichen Zwei- und Vierzeilern finden sich auch ausführliche Gedichte, sorgfältig niedergeschrieben und illustriert, so dieser Eintrag aus dem Jahr 1879: „Asyl! / Wenn Du ein tiefes Leid erfahren, / Tiefschmerzlich, unergründlich bang, / Dann flüchte aus der Menschen Scharen, / Zum Walde richte Deinen Gang. / Die Felsen und die Bäume wissen / Ein Wort zu sagen auch vom Schmerz; / Der Sturm, der Blitz hat oft zerrissen / Die Felsenbrust, des Waldes Herz. / Sie werden Dir kein Trostwort sagen, / Wie hülfereich die Menschen tun; / Doch wird ihr Echo mit Dir klagen, / Und wieder schweigend mit Dir ruh’n!“

Wie sehr die Einträge in den Alben von dem gesellschaftlichen und politischen Zeitgeschehen beeinflusst wurden, zeigen Widmungen aus der Zeit des Nationalsozialismus: „Wer leben will, der kämpft! / Und wer nicht streiten will in dieser Welt des ewigen Ringens, / verdient das Leben nicht. Adolf Hitler.“ (17. März 1934) „Sei immer treu und edel / Und bleib ein Deutsches Mädel!“ (April 1935) „Sieh im letzten Deiner Volksgenossen immer noch den Träger Deines Blutes, mit dem Dich das Schicksal auf dieser Erde unzertrennlich verbunden hat und schätze deshalb in Deinem Volke den letzten Straßenfeger höher als den König eines fremden Landes. Adolf Hitler.“ (25. März 1939)

„Leben heißt kämpfen, opfern, reifen, emporsteigen!“ (21. November 1939).

Nach den üblen Erfahrungen mit dem NS-Reich wurden die Einträge in die Poesiealben wieder unpolitisch. Beliebt waren die unpolitisch-typischen Zwei- und Vierzeiler beliebt wie:

 „Bist du einst in weiter Ferne, / bist du über Berg und Tal, / so gedenk an deine Heimat, / aber auch an mich einmal.“ – „Wie zwei Täubchen sich küssen / Die nichts von Falschheit wissen / So fromm und so rein / Soll auch unsre Freundschaft sein.“ – „Tief im Moose verborgen, / Blüht ein Blümlein ohne Sorgen, / Dieses Blümlein spricht: / Lebe wohl, vergiss mich nicht!“

Ob sich das Poesiealbum in dieser Form auch noch in der zukünftigen Kommunikationswelt behaupten kann, erscheint allerdings eher fraglich. Was bleibt sind Erinnerungen an die Jugend, an Freundschaften und Zuneigung.          Eduard Stenger

Das Städtische Schulmuseum in Lohr am Main, Sendelbacher Straße 21, ist mittwochs bis sonntags von 14 bis 16 Uhr geöffnet, Gruppen nach Vereinbarung, Telefon (09359) 317, Eintritt 1,50 / 1 Euro.

Foto: Poesiealben: Die Vorgänger der Freundschaftsbücher wurden sorgsam gepflegt ...

Foto: ... und kunstvoll illustriert.            Bilder (2): Schulmuseum Lohr am Main


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