© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 07-10 vom 20. Februar 2010

Einzigartige Dokumentation
Schriftdenkmal erinnert an die Ermordung der Juden − Quellenauswahl unklar

Mit den Worten „Ein Schriftdenkmal für die ermordeten Juden“ wirbt der Verlag für das im Entstehen begriffene Opus magnum, dessen erster Band „Deutsches Reich 1933 bis 1937“ bereits 2008 erschienen ist. Nun liegt Band 2 vor. Geplant sind insgesamt 16 zeitlich und territorial gegliederte Bände. In neun Jahren soll das Projekt abgeschlossen sein. Was den geplanten Umfang anlangt, existiert nichts Vergleichbares und wird auch so schnell nichts folgen. Schon ein flüchtiger Blick auf das Inhaltsverzeichnis wirft die Frage auf, warum im Titel das Wort Dokumentation fehlt. Vom Vorwort und der Einleitung abgesehen, füllen Dokumente alle Seiten der beiden Bände.

Trotz der Fülle ist jedem halbwegs Kundigen klar, dass damit nur ein winziger Teil der einschlägigen Veröffentlichungen Platz gefunden hat. Doch welches sind die Auswahlkriterien? „Mit dem Verzicht auf thematische Bündelung wollen die Herausgeber interpretierende und dramatisierende Abfolgen vermeiden“, steht im Vorwort von Band 1. Was heißt das?

Dokument 6 von Band 2 bringt beispielsweise einen langen Artikel der „Neuen Zürcher Zeitung“ vom 27. Januar 1938 über die wirtschaftlichen Restriktionen gegen Juden. Am 11. November 1938 hat das Blatt den abscheulichen Pogrom ausführlich geschildert. Die Beschreibung, die zwei Spalten füllt, schließt mit den Worten: „Die Bevölkerung, zur Ehre des deutschen Volkes sei es gesagt, zeigt sich zum allergrößten Teil über diese Exzesse empört, und viele Leute auf der Straße halten mit offener Kritik nicht zurück.“ Doch davon kein Wort in der Dokumentation. Wäre nicht die Schilderung des Vandalismus aus der Sicht eines NS-kritischen Ausländers wichtiger gewesen als die wirtschaftlichen Restriktionen?   Konrad Löw

Susanne Heim (Hrsg.): „Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933 bis 1945“, Bd. 2 Deutsches Reich 1938 bis August 1939, Oldenbourg Verlag, München 2009, 864 Seiten, 59,80 Euro


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