© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 09-10 vom 06. März 2010

Russki-Deutsch (56):
Kurgan
von Wolf Oschlies

Zwei weiße Hügel auf grünem Grund sind das Wappen der Stadt Kurgan im Süd-Ural. Das ist symbolisch, denn die Hügel sind „Kurgane“, von Menschenhand aufgeschichtete Hünengräber, wie es sie fast überall, ausgenommen Australien, gibt. In Russland sind sie so häufig, dass Rainer Maria Rilke sie als Teil der Landschaft empfand: „Sei Heide, und, Heide, sei weit / habe alte, alte Kurgane / an deinem letzten Rand.“

Die litauisch-amerikanische Archäologin Marija Gimbutas prägte 1956 den Terminus „Kurgankultur“ für das in südrussischen Steppen halbnomadisch lebende indoreuropäische Urvolk. Unumstritten ist diese Theorie nicht, und Bestätigung erhofft man von Kurganen. Der vermutlich älteste ist der Kurgan von Salbyk, 1000 Jahre vor Christi Geburt in der heutigen südrussischen Republik Chakasija aufgeschüttet. Entdeckt und 1739 beschrieben hat ihn Gerhard Friedrich Miller (1705−1783), ein russischer Historiker deutscher Abstammung. Erst ab 1954 hat man ihn in mehrjähriger Arbeit freigelegt.

In Wolgograd steht mit dem Mamajew-Kurgan, benannt nach Emir Mamai aus dem 14. Jahrhundert, der wohl berühmteste. Wolgograd hieß zwischen 1925 und 1961 Stalingrad, wo von September 1942 bis Februar 1943 die schwerste Schlacht des Zweiten Weltkriegs tobte. Besonders heftig war die „Höhe 102,0“ umkämpft, eben der Mamajew-Kurgan, an dem schätzungsweise 300000 Soldaten fielen.

Von 1959 bis 1967 dauerten die Bauarbeiten an dem Memorial „Mutter Heimat ruft“ auf dem Mamajew-Kurgan. Entworfen hatte die höchste freistehende Statue der Welt der Bildhauer Jewgeni Wutschetitsch, ein geborener Montenegriner. Er war Spezialist für Monumentalwerke, schuf das sowjetische Ehrenmal im Berliner Treptower Park, die Skulptur „Schwerter zu Pflugscharen“ vor dem New Yorker UN-Hauptquartier und viele andere.

Der Mamajew-Kurgan mit Wutschstitschs „Mutter Heimat“ steht auch im Stadtwappen von Wolgograd. Seit 1989 ist der südlichste Stadtteil ein Freilichtmuseum, denn hier stand einmal die Siedlung Alt-Sarepta, erbaut von Deutschen, die 1765 der Einladung Katharinas der Großen folgten und nach Russland gingen.


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