© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 13-10 vom 03. April 2010

Ostpreußische Familie
Leser helfen Lesern
von Ruth Geede

Lewe Landslied,
liebe Familienfreunde,

Ostern ist das Fest der Überraschungen jedenfalls für unsere Jüngsten, die bunte Ostereier und was der Osterhase noch so versteckt, suchen dürfen. Angenehme Überraschungen sind immer gut, auch wenn man älter ist, und so pflege ich einige Familiengeschichten, die etwas aus dem Rahmen fallen, für die Osternummer aufzuheben. Es sind vor allem die erfolgreichen Reaktionen auf die veröffentlichten Fragen und Wünsche, die uns froh stimmen, aber es gibt auch noch andere Dinge, die in eine österlichbunte Familien-Kolumne passen, das erseht Ihr, lewe Landslied, schon an dem Bild, das wir heute bringen. Und Ihr werdet Euch als alte Ostpreußen verwundert die Augen reiben, wenn Ihr da lest „Allensteiner aus Polen“. Und noch verblüffter sein, wenn Ihr herausgefunden habt, um was sich da handelt, nämlich um – Käse!

Nun kennen wir ja als typische Spezialität aus unserer Heimat den Tilsiter Käse, ohne den eine deutsche Käseplatte unvorstellbar wäre. Aber Allensteiner? Das machte auch unseren Leser Dirk Oelmann aus Oranienburg stutzig, als er in einem Supermarkt Allensteiner entdeckte. Und er schoss schnell diese Aufnahme und sandte sie uns zu, weil er mit der Bezeichnung nicht klar kam. „Allenstein heißt doch heute Olsztyn, oder wird jetzt der alte deutsche Name offiziell verwendet? Gab es eigentlich auch früher eine Käsespezialität aus Allenstein? Mir ist nur Tilsiter Käse bekannt. Aber ich bin Spätgeborener, Jahrgang 1969, und weiß noch nicht alles über die Heimat meiner Großeltern.“ Lieber Herr Oelmann, das verwundert auch die Frühgeborenen, denn ich kann mich nicht an eine Markenbezeichnung „Allensteiner Käse“ erinnern. Ostpreußen war ein Käseland aus alter bäuerlicher Tradition. Es gab wohl keinen Hof, an dem nicht der herrliche Kochkäse hergestellt wurde, „Schmand mit Glumse“ war eine ostpreußische Nationalspeise, auf den Märkten wurde die „Stutzchenzwerge“ angeboten, kleine Frischkäschen, die in Bechern geformt und dann gestürzt wurden − jede Gegend hatte da ihre Spezialitäten, von denen der in den Niederunger Meiereien und auf Gutshöfen gereifte „Tilsiter“ die bekannteste war. Aber vielleicht können unsere Leserinnen und Leser etwas über den Allensteiner Käse sagen? Gibt es ihn in Polen als „Ser z Olsztyn“ oder wird er nur für den deutschen Markt hergestellt? Er soll würzig und kraftvoll im Geschmack sein! (Dirk Oelmann, Bernauer Str. 61 in 16516 Oranienburg)

Und nun zu unseren kleinen Osterüberraschungen. Das heißt, so klein sind sie nicht, wie gleich die erste beweist. Sie beruht auf einen Erfolg, der nun einen zweiten, gänzlich unerwarteten bewirkt hat. Wir hatten in Folge 4 nach einem August Knizia aus Osnabrück geforscht, dessen Daten − Vor- und Nachname und Geburtsdatum − mit denen des Großvaters von Andrea Berg-Meibaum übereinstimmten, der aber als Hauptmann in den letzten Kriegstagen gefallen war. Als Siegfried Neck-ritz aus Osnabrück diese Suchfrage las, begann er sofort den Spuren des vermutlichen Doppelgängers nachzugehen, was sich als mühsam erwies, denn der Osnabrücker August Knizia war vor einigen Jahren verstorben. Aber Herr Neckritz fand dessen Tochter und anhand der nun vorliegenden Unterlagen stand fest, dass es sich tatsächlich um einen Doppelgänger handelte, der auch aus Ostpreußen stammte wie Hauptmann Knizia. Frau Berg-Meibaum wurde von Herrn Neckritz informiert, und wir konnten berichten, dass dieses Rätsel gelöst wurde. Damit hat die Geschichte ein Ende − dachten wir. Aber da kam ein unerwarteter Anruf aus Sensburg, und eine aufgeregte Männerstimme fragte nach Siegfried Neckritz, den er leider telefonisch nicht erreichen könne, und das sei so wichtig, denn es handelte sich um seinen Cousin, den er noch nie im Leben gesehen hätte. Und jetzt wollte der 82-jährige Horst Sowa seinen 13 Jahre jüngeren Vetter kennenlernen, von dem er bisher nicht gewusst hätte, ob und wo dieser lebe. Das Gespräch kam zustande, die Freude auf beiden Seiten war groß, eine baldige Begegnung steht ins Haus. Dabei hätte diese Familienzusammenführung schon viel früher stattfinden können und zwar hier in der Bundesrepublik wie am Heimatort der Familie Neckritz. Denn die Vettern zieht es immer wieder in das Oberland, wo ihr gemeinsamer Großvater am Röthloffsee eine Fischerei besaß, ein Kinderparadies, an das sich beide Enkel noch im späten Alter erinnern. Beide haben bisher den Friedhof in Winkenhagen wiederholt aufgesucht, wo die Großeltern Hermann und Dorothea Neckritz begraben liegen, sind sich aber nie begegnet. Horst Sowa hat es vor 20 Jahren in die Heimat gezogen, eine Verwandte aus seiner väterlichen Linie lebt dort bei Sensburg. Er blieb in Masuren und verbringt nun seinen Lebensabend inmitten herrlicher ostpreußischer Natur. Horst Sowa kommt aber öfter in die Bundesrepublik, denn er hat noch eine Wohnung in Hannover! Na, und nach Osnabrück ist es ja nur ein Katzensprung – so leicht wäre ein Zusammentreffen gewesen. Da auch noch Siegfrieds ältere Brüder leben, mit denen Horst als Kind gespielt hatte, wird es also bald eine fröhliche Familienfeier geben. Die Geschichte ist aber damit nicht zu Ende. Denn Herr Neckritz hat noch einen Wunsch vor allem an die Leserinnen und Leser, die aus dem Oberland stammen. Aber für die ist heute und hier kein Platz mehr, denn für die Vermittlung benötige ich mehr als ein paar kurze Sätze. Also heißt es: Fortsetzung folgt!

Auch für Knut Walter Perkuhn gab es eine Überraschung, die ein weiteres Mosaiksteinchen in seine Familiengeschichte einfügt. Zwar hat er mir dies nicht selber mitgeteilt, es war Gudrun Schlüter, die es geliefert hat. Ihr Vater war nämlich 1939 mit einem Onkel von Herrn Perkuhn im Landwirtschaftsministerium in Prag tätig. Nach Kriegsende besuchte Erhard Perkuhn seinen ehemaligen Kollegen in Göttingen. Gudrun, damals noch ein Mädchen, kann sich gut an diese Besuche erinnern. Da sie noch Unterlagen besitzt, die Erhard Perkuhn betreffen, übersandte sie diese an den Neffen, für den jede Information über seine Familie wichtig ist. Hoffen wir, dass sich inzwischen bei ihm Edith Leidig geb. Perkuhn, gemeldet hat, der zum 90. Geburtstag gratuliert wurde, deren Anschrift aber nicht mehr aktuell war.

Ein mich sehr berührender Dankesbrief kam aus Chemnitz von Hildegard Bartkowiak, die nach dem Tod ihrer Mutter endlich etwas über ihre Kindheit wissen wollte, vor allem über ihren leiblichen Vater, denn sie wurde, als ihre Mutter heiratete, von dem Ehemann als eigenes Kind anerkannt, wie auch ihre jüngere Schwester. Wir haben ihr Schick-sal in Folge 4/10 ausführlich behandelt. Es hat eine große Resonanz gefunden, denn Frau Bartkowiak schreibt: „Heute möchte ich mich ganz herzlich bei Ihnen bedanken. Nachdem Sie mein Anliegen veröffentlicht hatten, stand mein Telefon nicht mehr still. Das zeigte wieder einmal, was es bedeutet, eine ostpreußische Familie zu sein. Vor allem Herrn Schwittay und Frau Gabriele Boll haben mir geholfen, dass noch nach 65 Jahren Antworten auf unsere Fragen gefunden wurden, die unserer Seele gut tun, einfach, dass wir nun alles wissen und dadurch verstehen können. Ich weiß, dass es noch viele Menschen gibt, die im Zweiten Weltkrieg geboren wurden, deren Wurzeln gekappt wurden und die heute noch danach suchen.“ Für diese Worte, die uns allen Mut machen, möchte ich Ihnen, liebe Frau Bartkowiak, sehr herzlich danken.

Einen Zwischenbescheid auf seine Suchfrage nach Unterlagen über die Georgenburger Deckstationen im nordöstlichen Ostpreußen übersandte uns Hellmut Juck-nat aus Kiel. Ein sehr schneller Bescheid, denn sein Anliegen veröffentlichten wir in Folge 11, Erscheinungsdatum 20. März, und drei Tage später schrieb Herr Juck-nat, dass er nur zwei Anrufe erhalten hätte. Nach meiner nun wirklich langjährigen Erfahrung muss man eine längere Zeitspanne für mögliche Antworten einkalkulieren. Schließlich sind unsere Landsleute in alle Winde verstreut, die Post dauert oft sehr lange, bis sie die Empfänger erreicht, und nicht immer wird die Zeitung gleich in voller Länge gelesen. Da unsere Leserschaft sie nicht flüchtig durchblättern, sondern sich intensiv mit ihrem Inhalt beschäftigen und oft erst Unterlagen besorgen müssen, dauert es eben eine gewisse Zeit. Und zumeist wird die PAZ/Das Ostpreußenblatt auch weitergegeben oder jedenfalls die Seiten, die für die Betreffenden interessant sind. Aus Altersgründen kann sich auch mancher Auskunftswillige nicht sofort melden, oft erledigen junge Verwandte oder Bekannte den Schriftverkehr. Das alles muss man berücksichtigen und die Erwartungen an eine schnelle Reaktion nicht zu hoch schrauben, umso größer ist dann die Freude, wenn sich Erfolge einstellen, auch nach längerer Zeit. Dies auch den neuen Lesern zur Information.

Immerhin waren beide Anrufe für Herrn Jucknat besonders wertvoll. Herr Wendt aus Monheim wies auf ein Buch der Gräfin Sponeck hin, in dem sämtliche Preußische Landgestüte aufgeführt sind. Leider fanden sich keine Informationen über die gesuchten Deckstationen. In einem zweiten Gespräch kam es für beide Teilnehmer zu einem interessanten Gedankenaustausch aufgrund der Fluchterlebnisse des damals sechsjährigen Jungen vom elterlichen Gut Groß Hohenrade. Beide Teilnehmer wollen diese Gespräche noch vertiefen. Der zweite Anrufer, Günter Mühlbacher aus Emtinghausen, teilte Herrn Jucknat mit, dass sich in seinem Besitz noch zwei Stallbücher befänden, die von 1925 bis 1949 auf dem Hof in Hegelingen, Krs. Goldap, geführt wurden. Er konnte auf eine Georgenburger Deckstelle in dem Ort hinweisen, die sich auf dem Hof Ogrszey befand. Herr Mühlbacher überlässt die Stallbücher Herrn Jucknat, die dieser nach Auswertung an die Goldaper Kreisgemeinschaft in Stade weiter leitet. In seinen Recherchen über die Georgenburger Deckstationen ist Herr Jucknat in kurzer Zeit dank der vom Deutschen Pferdemuseum in Verden erhaltenen Unterlagen ein ganzes Stück vorangekommen. So konnte er für die Landgestüte Georgenburg, Gudwallen, Rastenburg und Braunsberg eine Liste erstellen, die 189 Stationen erfasst. Hier noch einmal die Anschrift von Herrn Hellmut Jucknat: 24107 Kiel, Sylter Bogen 52 , Telefon 0431/311972.

Manchmal ist unsere Ostpreußische Familie nur ein Brückenbauer für eine Suchfrage, die zur Lösung führt. Das heißt, unsere Leser setzen die tragenden Steine wie im Fall einer in Masuren lebenden Ostpreußin, deren Vater seit dem Frühjahr 1945 im Raum Danzig vermisst wird. Nie hat sie bisher Näheres über sein Schicksal erfahren können und leidet unter dieser Ungewissheit. Unser immer aktiver Leser Frank Schneidewind aus Olpe setzte sich mit ihrem Neffen in Verbindung und informierte ihn über den Kirchlichen Suchdienst in München. Auf seine Suchfrage hin erhielt er nach drei Monaten die Nachricht: „Ihr Großvater Emil Neumann ist im Kriegsgefangenenlager in Russland 1946 verstorben!“ Es folgten nähere Angaben, dazu ein Kartenausschnitt mit markierter Ortslage. So hatte nun nach über 60 Jahren die Ungewissheit ein Ende. In diesem Zusammenhang ist noch eine weitere Information interessant: Im Archiv des Kirchlichen Suchdienstes lagern noch 120000 Briefe von Wehrmachtsangehörigen, die als Feldpostbriefe oder in der Kriegsgefangenschaft geschrieben wurden, aber nicht mehr den Adressaten zugestellt werden konnten. Der Suchdienst händigt auch jetzt die Briefe den Angehörigen aus, wenn sie sich mit näheren Angaben melden. (Kirchlicher Suchdienst, Lessingstr. 3 in 80336 München)

Das war doch eine erfreuliche Bilanz unserer Familienarbeit. Und so kann ich mit herzlichen Wünschen für ein friedliches, sonniges Osterfest und mit einem symbolischen „Schmackostern“ unsere Kolumne schließen.

Eure Ruth Geede


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