© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 38-10 vom 25. September 2010

Von Pommern über Brasilien in die Welt
Nach Ingenieurstudium in Greifswald half Emil Odebrecht Südamerika zu erschließen − Seine Nachkommen tun es bis heute

Die Wurzeln der brasilianischen Odebrecht-Gruppe, ein familiengeführtes Bau- und Chemiekonglomerat, liegen in Jacobshagen in Hinterpommern. Das von Emil Odebrecht (1835–1912) gegründete Unternehmen gehört zu den Global Players Brasiliens und könnte mit Hilfe des brasilianischen Wirtschaftsbooms zum Giganten der Branche weltweit werden.

Emil Odebrecht wanderte noch als junger Student der Uni Greifswald im Jahre 1856 mit zwei Kommilitonen nach Brasilien aus. Seine Mutter Albertha Loeillot de Mars war französisch-hugenottischer Herkunft und Angehörige des preußischen Adels. In Brasilien machte er die Bekanntschaft mit dem aus Hasselfelde in Hessen stammenden Apotheker Dr. Hermann Blumenau, der einige Jahre zuvor die Siedlung Blumenau in Santa Catarina gegründet hatte. Zusammen mit Blumenau, der ihn zunächst dazu bewegte, nach Greifswald zurückzukehren, um seine Studien abzuschließen, wurde Emil Odebrecht zum Pionier der deutschen Einwanderung in Santa Catarina und in Paraná. Als Ingenieur und Kartograph arbeitete er bei der Öffnung von Straßen und der Abgrenzung von Grundstücken im Itajaítal, er förderte dadurch die Entwicklung von mehreren Städten wie zum Beispiel Pomerode oder Gaspar und erleichterte die Siedlungsgründung auch auf der Hochebene von Santa Catarina. 1883 entdeckte Emil Odebrecht die gigantischen Wasserfälle von Iguaçu, die heute auch dank Odebrechts Ingenieurleistung einen großen Teil Brasiliens mit billigem Strom versorgen. Auch bei der Planung der Eisenbahnverbindung Rio de Janeiro nach Porto Alegre und der Einrichtung von Telegraphenlinien in Santa Catarina und Paraná spielte er eine führende Rolle. Am sozialen Leben der deutschen Kolonie in Blumenau hat er aktiv teilgenommen: Er war Gründungsmitglied des Theater- und des Schützenvereins, die beide bis heute existieren.

Am 10. Februar 1864 hat Emil Odebrecht in Blumenau Bertha Bichels geheiratet, die beiden bekamen 15 Kinder. Die Nachkommenschaft von Emil Odebrecht in Brasilien besteht heute aus über 1300 Personen, die sich wie viele andere deutschbrasilianische Sippen zu großen Sippschaftstreffen zusammenfinden. Viele dieser Nachkommen spielen heute in der brasilianischen Wirtschaft eine wichtige Rolle. Bereits seine Söhne Oswald, Woldemar und Rudolf Odebrecht gründeten im Itajaital die wichtigsten Handelshäuser Santa Catarinas, sein Sohn Adolf wurde zu einem der führenden Geographen Brasiliens, seine Tochter Clara heiratete Otto Hosang, den ersten Bierbrauer von Blumenau, sein Enkel Emilio Baumgart führte den Stahlbeton in Brasilien ein.

Entscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg der Odebrechts war 1918 ihr Umzug von Blumenau in den unterentwickelten Nordosten, wo Salvador do Bahia, die einstige koloniale Hauptstadt, liegt, die jedoch zum Armenhaus verkommen war. Hier gründete Emilio Odebrecht jr. (1894–1962), ein Enkel des gleichnamigen Pioniers, die erste Baufirma, die zusammen mit der Stahlbetontechnik seines Cousins Emilio Baumgart bahnbrechend im brasilianischen Baubereich wurde.

Ein Vater des Erfolges war der aus Deutschland stammende Pastor Otto Arnold, damals Pfarrer der lutherischen Gemeinde in Salvador do Bahia, der Emilio Prinzipien lehrte, die zum Grundsatz seines Geschäftsgebarens wurden: „Moralische Gesundheit ist die Basis für materielle Gesundheit, ohne Ethik gibt es keinen gesunden Wohlstand.“

Ein Sohn des Firmengründers Emilio und Urenkel von Pionier Emil Odebrecht, Norberto Odebrecht (geboren 1920), schuf 1944 die derzeitige Odebrecht-Firmengruppe mit Sitz in Salvador do Bahia. Geschickt nutzte er den kriegsbedingten Ausfall der europäischen Zulieferer, um eine eigene brasilianische Bauinfrastruktur zu schaffen. Der eigentliche

Glücksfall für das Unternehmen war jedoch, dass 1953 die staatliche brasilianische Ölfirma Petrobras Kunde der Odebrecht Gruppe wurde und so mit der Zeit eine eigene Baufirma für Petrochemie entstand. Der weltweite Ölboom ermöglichte ihr bald eine weltweite Expansion und auch Diversifikation.

Ganz wichtig in der Firmenphilosophie ist bis heute die ethische Grundlage geblieben. So hat es das Unternehmen vor kurzem abgelehnt, trotz Druckes von Staatspräsident Lula, an der Ausschreibung des riesigen Belmonte Staudammes am Rio Xingu mitzuwirken. Das geplante größte Infrastrukturprojekt des Landes berücksichtigte aus Firmensicht zu wenig die umweltpolitischen Belange der Region und missachtete zudem auch die Rechte der Ureinwohner.

Trotzdem ist die Firma gut im Geschäft und könnte eine der größten Profiteure des brasilianischen Booms werden, ist sie doch in fast allen Investitionsbereichen aktiv. Die brasilianische Odebrecht SA. steht heute unter der Leitung von Emilio Alves Odebrecht und ist in mehr als 50 Ländern tätig, vom heutigen Firmensitz Rio de Janeiro aus agiert sie mit mehr als 90000 Mitarbeitern in 17 Ländern.        Bodo Bost

Foto: Firmengründer: Rudolf, Else, Emil und Anna und Hedwig Odebrecht (v.l.n.r.)


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