© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 03-11 vom 22. Januar 2011

Politik in den preußischen Genen?
»Bin zu einem Viertel polnisch«: Nicht nur Elbinger Taxifahrer fragen nach Angela Merkels Wurzeln

Biographien von Persönlichkeiten der Zeitgeschichte berichten fast immer auch über die familiäre Herkunft der Porträtierten. Zu prägend ist der Einfluss der Vorfahren – oft über Generationen hinweg. Von Angela Merkel ist bekannt, dass ihre Mutter, die 1928 geborene Herlind Kasner, geborene Jentzsch, Wurzeln in Westpreußen hat, ihr Vater Horst Kasner hingegen 1926 in Berlin geboren wurde. Ein gewisses Rätsel hingegen stellt der polnische Großelternteil dar, von dem Merkel mehrfach öffentlich sprach. „Wie ich dem ‘Spiegel’ neulich schon offenbarte, bin ich zu einem Viertel polnisch“, erklärte sie Ende 2000 im Interview mit dem Nachrichtenmagazin, was im Herbst 2005, als Merkel Kanzlerin wurde, in Polen für Aufsehen sorgte.

Hierzu muss man wissen, dass insbesondere in Elbing ein Tourismus um das angebliche „Merkel-Haus“ (ehemals bekannt als „Leiermannshaus“ in der Tannenbergallee 45) entstanden ist. Hier hat Merkels Großmutter Gertrud Jentzsch nach 1910 zwar wirklich für ein paar Jahre gewohnt, doch geboren wurde sie noch im niederschlesischen Glogau, der Heimat ihrer Mutter Emma Drange, geborene Wachs.

In Elbing und Danzig glauben bis heute viele, Merkels polnisches „Viertel“ könne nur der Großvater mütterlicherseits sein, der Gymnasiallehrer und spätere Schuldirektor Willi Jentzsch. Denn dessen Frau Gertrud war nun einmal ganz eindeutig deutscher Herkunft: Ihre Eltern, Emil und Emma Drange, zogen 1898 aus beruflichen Gründen nach Elbing, ihre älteste Tochter Gertrud wiederum zog 1921 als junge Lehrerin nach Danzig, um Willi Jentzsch zu heiraten.

Die in Polen gern kolportierte Annahme über die Herkunft dieses Mannes hat aber offenbar als einzige „Quelle“ den leicht slawisch klingenden Namen in Kombination mit der zitierten Äußerung der heutigen Kanzlerin. Doch offenbar täuschen sich hier die polnischen Freunde der Kanzlerin, von denen manche übrigens seit einiger Zeit in einem Fanclub namens „Angela Merkel Klub Polski“ zusammengefunden haben. Wie nämlich inzwischen belegt ist, hat auch Willi Jenztsch keine polnischen Wurzeln. Er stammt vielmehr aus einer alteingesessenen deutschen Gutsbesitzerfamilie im sächsischen Wolfen, Kreis Bitterfeld, wo er am 15. Mai 1886 geboren wurde. Das „-tzsch“ in seinem Namen ist in Mitteldeutschland sowohl in Orts- als auch Personennamen häufig und hat letztlich sorbische, nicht aber polnische Wurzeln.

Bleibt die für Biographen und Genealogen interessante Frage, worin Merkels polnisches Viertel denn nun bestehen könnte. Nach dem Prinzip des Negativausschlusses bleibt eigentlich nur die väterliche Seite. Nähere Angaben dazu finden sich nach PAZ-Informationen in keiner der unterdessen zahlreichen Biographien der Kanzlerin. Das hängt mit der Zurückhaltung von Merkels Vater Horst Kasner zusammen. Der 1926 in Berlin-Pankow geborene Theologe hat eine ebenso ungewöhnliche wie verschlungene deutsch-deutsche Biographie: Nach dem Theologiestudium in Heidelberg und Hamburg zog er 1954, kurz nach der Geburt der heutigen Kanzlerin, Richtung Osten, nach Brandenburg. Mit der Staatsführung machte er – vorsichtig gesagt – einige Kompromisse, die ihm den Spitznamen „der rote Kasner“ eintrugen. Über seine Familie ist kaum mehr bekannt, als dass sein Vater Polizeibeamter in Berlin gewesen sei. Und so bleibt eigentlich nur die Mutter von Horst Kasner als der von Merkel benannte polnische Großelternteil – wenn man nicht einen Irrtum oder komplizierte Additionen mit Urgroßeltern annehmen möchte.

Interessanter scheint freilich, dass in Merkels Familie die Politik schon lange eine Rolle spielt: Während ihr Vater kirchenpolitisch aktiv war, avancierte ihr Großvater Willi Jentzsch zunächst zum Vorsitzenden des Danziger Beamtenbundes und 1926 zu einem der elf Senatoren des Stadtstaates. Ihr Urgroßvater Emil Drange wiederum war als Oberstadtsekretär von Elbing einer der führenden Beamten dieser Hafen- und Industriestadt. Kurz nach der Wende engagierte sich zudem auch Merkels Mutter politisch, sie saß für die SPD im Gemeinderat von Templin.       K.B.


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