© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 10-11 vom 12. März 2011

Die ostpreußische Familie
Leser helfen Lesern
von Ruth Geede

Lewe Landslied,
liebe Familienfreunde,

ich liebe es nun einmal, unsere Kolumne mit unverwechselbar ostpreußischen Wörtern aus unserm so reichen Vokabular zu schmücken, da viele Leserinnen und Leser sie schon lange nicht gehört und damit – fast – vergessen haben. Aber eben nur fast! Nur einmal nebenbei erwähnt – schon ist die Erinnerung da und mit dem Wort ein Stückchen Heimat. Anders sieht es da mit den nachfolgenden Generationen aus, sie haben manche Ausdrücke nie gehört, weil sie von Eltern oder Großeltern in der neuen Umgebung nicht mehr benutzt wurden, da die entsprechenden Gesprächspartner fehlten. So war es kein Wunder, dass ich sofort Fragen nach der Bedeutung des Wortes „Kissehl“ erhielt, das ich in der letzten Folge in Zusammenhang mit der Redensart „das siebende Wasser vom Kissehl“ brachte. Es handelt sich um eine Speise aus Haferschrot oder –mehl, das nach Zugabe von Hefe - auch Buttermilch oder Schwarzbrot - und Übergießen mit lauwarmem Wasser an einem gut temperierten Platz gären muss. Der gesäuerte Teig wird mit Wasser aufgekocht und abgeseiht. Das gleiche Verfahren wendet man bei den Rück-ständen an, wobei der Brei immer dünner wird. (Daher der Vergleich einer sehr entfernten Verwandtschaft mit dem siebenten Wasser vom Kissehl). Die milchige Flüssigkeit wird so lange bei steifem Rühren auf schwachem Feuer gekocht, bis ein fester Brei entsteht, der gar ist, wenn er sich vom Topf löst. Eine langwierige Prozedur, aber das Ergebnis wurde in manchen Gegenden Nordostpreußens zu einem „Festessen“, weil es am Heiligabend oder zu Fastnacht auf den Tisch kam. Und sehr nahrhaft und ergiebig war, denn es konnte kalt oder warm gegessen werden, entweder mit Milch übergossen, mit Spirkeln – gebratenen Speckwürfeln − und Zwiebeln, Gänsegrieben oder zerlassener Butter versehen, mit Sirup gesüßt oder als Beilage in Obstsuppen, kalt in Scheiben geschnitten und gebraten.

Ja, Heimat kann man schmecken! Dieser Satz hat Frau Herta Manfraß aus Köln die Erinnerung an jene Zeit zurückgebracht, die für sie die schwerste in ihrem Leben war: damals nach dem Russeneinfall, als sie in Gefangenschaft geriet. Herta kam in das Gefängnis Bartenstein, das für sie zum „Ort der Verzweiflung“ wurde, wie sie es in einem Gedicht formuliert, das sie damals verfasst hat. Sie kann es noch heute aufschreiben und das hat sie für uns getan. Es hört sich an wie eine ostpreußische Speisekarte, denn sie zählt die Gerichte auf, nach denen sich die Hungernden sehnen, die eingepfercht dicht an dicht auf dem Steinboden liegen. „Es knurrt uns der Magen im Schlafen und Wachen, wir träumen nur noch von leckeren Sachen: Von Kartoffelflinsen, von süß/sauren Linsen, von unserm Königsberger Fleck, Kartoffelkeilchen mit viel Speck, von Spirkeln mit Kartoffelbrei, von Sauerampfersupp´ mit Ei,“ So geht es mit all den Köstlichkeiten, die Mutter gekocht hat: „Aal grün, das war ein Gedicht, und wer kannte die Königsberger Klopse nicht?“ Es blieb dann auch bei diesem Gedicht, alle diese Gerichte waren nur Illusion, denn: „Das Klappern an der Tür lässt uns den Traum vergessen, den wir geträumt haben vom guten Essen. Hier am Ort der Verzweiflung und bittersten Not gibt es nur Wassersuppe und hartes Brot.“ Vielen Dank, liebe Frau Manfraß, dass sie uns Ihr Gedicht übermittelt haben. Es wird uns alle berühren, die wir die Hungerzeit nicht vergessen haben und uns glücklich schätzen dürfen, unsere Lieblingsgerichte genießen zu können.

Und selbst wenn man für seinen geliebten Tilsiter etwas weiter gehen muss, weil der nächste Supermarkt ihn aus der Käsetheke genommen hat. Ein Leser hat uns dies gemailt mit der Frage: Ist Tilsiter Käse zu teuer für den Discounter? Nun werden wir die Marktstrategie dieses Unternehmens nicht beeinflussen können, lieber Herr Sk., und das hat Ihnen die Firmenleitung auch bestätigt. Mit einem Schreiben, in dem darauf hingewiesen wird, dass es nur ein begrenztes Sortiment führen kann, um ihren Kunden ein äußerst günstiges Preis-Leistungsverhältnis bei den Produkten bieten zu können. Da sich der Anbieter nach dem durchschnittlichen Nachfrageverhalten seiner Kunden orientieren müsse, könne nicht jeder einzelne Wunsch erfüllt werden. Soweit das Schreiben, aus dem somit hervorgeht, dass nach dem von Ihnen bevorzugten Tilsiter − als 400g Stück angeboten – eine zu geringe Nachfrage besteht. Das muss man als Kunde, wenn man einen Discounter bevorzugt, schon berücksichtigen. Auch dass die Käsepalette von Jahr zu Jahr breiter und bunter wird, weil die Verwendung vielseitiger geworden ist. Das kann man an jeder Käsetheke, ob in den Delikatessabteilungen der Warenhäuser, in Spezialgeschäften oder auf Wochenmärkten feststellen. Und da ist unser geliebter Tilsiter doch – fast – immer zu finden!

Warum ich überhaupt diese Zuschrift hier erwähne? Um einmal aufzuzeigen, welche unterschiedlichen Wünsche und Probleme an uns herangetragen werden – und weil sie eben zum Thema „Heimat kann man schmecken“ passt. Wie auch die Frage einer Leserin aus der nachfolgenden Generation, die seit einigen Jahren Familienforschung betreibt. Und da sind wir beim Thema „Keilchen“, plattdeutsch „Kielkes“ genannt. Sie erinnerte sich an einen Spruch ihres Großvaters, mit dem er seine Enkelin zu trösten pflegte: „ Nun griene man nicht, im Ofen steht Kielkes, das weetst du mir nicht!“. Na ja, die Redensart hat in Platt etwas anders gelautet, ich kenne sie jedenfalls so; „Nu jrien man nich, em Oawe stoahn Kielkes, dat weetst du man nich!“ Ein guter, echt heimatlicher Trost!

Auch der Wunsch von Frau Irene Wendland, den wir in Folge 3 veröffentlichten, gehörte zu diesem Thema. Sie suchte nach Königsbergern, die sich an die Bäckerei und Konditorei ihres Großvaters August Kasprik in der Hagenstraße erinnerten. Jetzt teilte sie mir mit, dass sie einige Zuschriften erhalten hätte, darunter von einem Herrn, der als kleiner Junge mit seinem Vater öfters die Konditorei besuchte und sich noch gut an sie erinnern könnte, zumal er damals in der Nähe wohnte. Frau Wendland hat sich sehr gefreut und bedankt sich bei allen, die ihr geschrieben haben.

Wie sorgfältig unsere Ostpreußische Familie gelesen wird, konnte der Spandauer „Wurstmaxe“ Manfred Stahl feststellen. Ich hatte mich so über seine Glück-wünsche zu meinem 95. Geburtstag gefreut, dass ich mich in der letzten Folge dafür bedankte, stellvertretend für alle, die mir gratuliert haben – und es noch immer tun! Und dabei habe ich seinen Stand an den Anhalter Bahnhof versetzt, obgleich der Wurstmaxe in der Spandauer Altstadt an der Charlottenstraße steht. Ergebnis: Einige Kundinnen kamen gleich nach dem Erscheinen der PAZ mit der Zeitung in der Hand zu ihm und fragten, ob er denn mit seinem Stand umziehen wolle, Herr Stahl konnte sie beruhigen. Er rief mich sofort an um mir dies mitzuteilen, denn er findet es toll, wie genau unsere Zeitung gelesen wird. Wir auch.

In unserm heimatlichen Sprachschatz gibt es Wörter, die nur in manchen Gegenden vorkamen und sonst weitgehend unbekannt waren. Das könnte auch auf die Frage von Frau Dorothea Blankenagel zutreffen, die in einem Heimatheft zwei Ausdrücke für Kaninchenfutter fand, die ihr unbekannt sind – mir auch. Nun konnten wir in unserer Königsberger Etagenwohnung keine Karnickel halten, aber Frau Blankenagel, denn sie schreibt, dass i h r e Kaninchen sie auch nicht kannten, das heisst, sie wurden weder mit „Seeblättern“ noch mit „Komfrei“ gefüttert. Wer kennt diese Bezeichnungen und woraus bestand dieses Kleintierfutter? (Dorothea Blakenagel, Heerstr. 59 in 47053 Duisburg)

Zu einem anderen Komplex konnte Frau Blankenagel mit ihrem fundierten Wissen über Neuhausen-Tiergarten noch weitere Informationen beitragen. Es handelt sich um die Gefangenen, die dort während des Krieges eingesetzt waren und die Herr Manfred Rattay als Beispiel für das gute Zusammenleben zwischen der deutschen Familie und dem Kriegsgefangenen anführt. Wir hatten seine Erinnerungen, die in Neuhausen-Tiergarten spielten, in Folge 7 gebracht und sie ergänzte seine Ausführungen mit den Angaben: „Der zum Bauer Wiemer gewechselte Gefangene, der die Milchkannen nach Hause holte, hieß Josef. Der bei Schalt den Kohlenhandel deichselte, war Belgier.“ So wird die Vergangenheit durch unsere aufmerksamen Leserinnen und Leser immer transparenter!

Nun stellt auch Frau Ilse Conrad-Kowalski aus Lübeck, die uns schon so oft geholfen hat, eine Frage, und sie führt in das alte Königsberg. Etwa um 1914 hatte ihre Großmutter, Emma Fahrun, nach dem frühen Tod ihres Mannes ein Hotel übernommen, das GERMANIA, Frau Conrad-Kowalski weiß nichts Näheres über dieses Hotel, das ihre Großmutter später verkauft hat. Es lag ihrer Erinnerung nach in der Nähe der Altstädtischen Kirche, und da hat sie Recht. Es gibt einen Königsberg-Reiseführer von 1910, den der Verlag Rautenberg 1988 als Reprint herausbrachte, und die darin enthaltenen Angaben müssten auch für die Zeit der Übernahme gelten. Danach lag das GERMANIA in der Tragheimer Kirchenstraße 47 und dürfte mit zu den besten Häusern der Stadt gehört haben, denn die Zimmerpreise – ab 2,50 Mark! – glichen denen der anderen guten Hotels. Es bot neben Table d’hote auch Menüs − für 1,50 Mark, das waren noch Zeiten! Frau Fahrun dürfte das GERMANIA verkauft haben, weil ihre älteste Tochter Elly Schmidt wohl mit ihrer Hilfe 1931 den KAISERHOF in Kahlberg übernahm. Sie müsste also bis zu diesem Zeitpunkt das GERMANIA geführt haben, und es könnte durchaus sein, dass sich noch ältere Königsberger an das Haus in der Tragheimer Kirchenstraße erinnern, in der viele bekannte Hotels wie das HOTEL DE ROME, das KREUTZ und das MONOPOL lagen. Das GERMANIA wurde besonders von Kaufleuten frequentiert. Frau Conrad-Kowalskis Anliegen an unsere Ostpreußische Familie: „Gibt es noch jemand, der sich an das GERMANIA erinnert, vielleicht noch meine Großmutter gekannt hat, durch Einzelheiten und Erlebnisse unsere Familiensage bereichern und damit helfen könnte, die klaffende Lücke in der Erinnerung zu schließen? Das wäre schön!“ (Ilse Conrad-Kowalski, Rademacherstr. 11 in 23556 Lübeck, Telefon: 0451/891818).

Ruth Geede


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