© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 11-11 vom 19. März 2011

Als Tilsit verlorenging
Nach langen erbitterten Kämpfen galt die Stadt an der Memel am 20. Januar 1945 als endgültig von der roten Armee erobert

Bereits im Herbst 1944 übernahm das deutsche Militär Tilsit und traf Vorbereitungen für den erwarteten Angriff der Roten Armee. Doch trotz intensiven Ausbaus der Stellungen war der Feind nicht abzuwehren.

Tilsit wurde im Oktober 1944 zur Frontstadt. Die Rote Armee hatte das nördliche Memelufer erreicht und war noch einmal zum Stehen gebracht worden. Sie sah sich einer ausgebauten Abwehrstellung entlang der Memel gegenüber. Der einzige Übergang, die Königin-Luise-Brücke, war am 22. Oktober gesprengt worden. In Tilsit übernahm das Militär das Kommando. Die Zivilbevölkerung musste die Stadt verlassen. In den Verteidigungsabschnitt rückte die 551. Volksgrenadierdivision ein. Die Grenadiere waren in gut ausgebauten Stellungen auf einen Angriff von Norden vorbereitet. Der breite Strom, Minen- und Drahthindernisse, zur Verteidigung ausgebaute Häuserfronten, Grabensysteme entlang der Uferdämme boten beruhigende Sicherheit. Die Artillerie war auf die zu erwartenden Angriffsräume jenseits des Stroms eingeschossen. Selbst als die Memel zufror, war die deckungslose Distanz schwer zu überwinden. Spähtrupptätigkeit und gelegentliches Störfeuer bestimmten das Frontgeschehen.

Am 13. Januar 1945 begann der sowjetische Großangriff. Der Hauptstoß zielte auf den Raum Schlossberg-Ebenrode. Das war von Tilsit 60 Kilometer entfernt und bot noch keinen Anlass zur Besorgnis. Doch nach mehrtägigen hartnäckigen Kämpfen gelang es den Truppen des Armeegenerals Tschernjakowski, die deutsche Front aufzureißen. Er beorderte ein in Reserve liegendes  Panzerkorps unter Generalleutnant Butkow an den Einbruchsabschnitt. Der Auftrag lautete, durch die aufgerissene Bresche in die Tiefe der gegnerischen Verteidigung vorzustoßen und aus der Bewegung heraus Tilsit in den Rücken zu fallen.

Die deutschen Truppen hatten sich auf die Insterstellung zurück-ziehen müssen. Butkows Panzer durchbrachen den erbittert verteidigten Hohensalzburg-Riegel. Die 89. Panzerbrigade begann, die rückwärtigen Straßen- und Bahnverbindungen nach Tilsit zu blockieren.

Zeitgleich wurde das am nördlichen Memelufer stehende 54. Schützenkorps in weitem Bogen auf das Südufer der Memel verlegt. Mit diesem Schachzug hoffte man, einen verlustreichen Sturm über die Memel zu vermeiden und Tilsit durch die Hintertür zu erobern. Eine Kriegsbrücke bei Jurbarkas ermöglichte die unbehelligte Überquerung des Flusses mit Fahrzeugen und schwerem Gerät. Drei Divisionen gingen gestaffelt entlang des südlichen Memelufers vor und nahmen am 19. Januar aus der Bewegung heraus die Stadt Ragnit.

Mit dem Fall von Ragnit wurde die Lage in Tilsit brenzlig. Die ungesicherte rechte Flanke war bedroht. Man rechnete damit, dass der Russe am nächsten Morgen seinen Vormarsch fortsetzen wird. Das erwies sich allerdings als Trugschluss. Der Kommandierende General des 54. Schützenkorps Ksenofontow dachte nicht daran, bis zum nächsten Morgen zu warten. Er war entschlossen, die Gunst der Stunde zu nutzen, und erteilte seiner 263. Schützendivision den Auftrag, dem weichenden Gegner auf den Fersen zu bleiben und im Nachtgefecht in die südöstlichen Stadtviertel Tilsits einzusickern.

An der Birjohler Stadtrandsiedlung stießen die sowjetischen Vorausabteilungen auf schwache deutsche Infanteriesicherungen. Die deutschen Posten, welche die sich nähernden Gestalten für versprengte eigene Soldaten hielten, wurden überwältigt. Das überraschende Auftauchen der Sowjets an einer Stelle, an der sie am allerwenigsten erwartet wurden, blieb nicht lange unbemerkt. Bis jedoch  erste Gegenmaßnahmen ergriffen werden konnten, wurde das Gebiet südlich des Mühlenteichs bereits von den Sowjets beherrscht. Der Handstreich war ohne nennenswerte Verluste geglückt.

Aber auch ohne diese Überraschung wurde der deutschen Führung klar, dass Tilsit militärisch ausmanövriert war. Die 551. Volksgrenadierdivision musste damit rechnen, eingekesselt zu werden. Die sowjetische 89. Panzerbrigade hatte die Reichsstraße 138 zwischen Kreuzingen und Tilsit erreicht und damit den wichtigsten Rückzugsweg unterbrochen. Tilsit drohte, zur Mausefalle zu werden.

Angesichts der ausweglosen Lage fiel der schwere Entschluss, Tilsit aufzugeben. Generalmajor Verhein, Kommandeur der 551. Volksgrenadierdivision, gab seinen Einheiten den Befehl, nach Eintreten der Dämmerung mit der Räumung der Stadt zu beginnen. Die Soldaten in der Memelstellung sollten sich vom Feind möglichst unbemerkt lösen. Nur Nachhuten hatten die Stellung noch bis Mitternacht zu halten.

Die Absetzbewegung geriet in der Dunkelheit schon bald in das Flankenfeuer der eingesickerten russischen Stoßtrupps. Hinhaltende Rückzugsgefechte bestimmten die Situation. Zu einem Chaos kam es auf dem Tilsiter Bahnhof. Eine sowjetische Einheit hatte den Befehl, die Eisenbahnlinie zu unterbrechen und den Bahnhof zu besetzen. Dort standen mehrere Lokomotiven unter Dampf, Züge mit Verwundeten und schwerem Gerät wurden beladen, als plötzlich Rotarmisten, pausenlos aus MPs feuernd, zwischen den Rangiergleisen auftauchten. Eine organisierte Abwehr kam nicht zustande. Den meisten blieb nur der Weg in die Gefangenschaft. Sowjetische Berichte meldeten zehn Lokomotiven und 300 Waggons mit Waffen und Gerät als Beute.

Inzwischen hatte die am jenseitigen Memelufer liegende 115. Schützendivision mit dem Sturm über die Memel begonnen. Die deutschen Nachhuten belegten die Angreifer mit schwerem Abwehrfeuer. Die Angriffswellen der Infanterie und die Kanoniere, die auf Skiern gestellte 4,5 Zentimeter-Geschütze über das Eis zogen, hatten hohe Verluste

In der russischen militärhistorischen Literatur gibt es kontroverse Auffassungen über Notwendigkeit oder Sinnlosigkeit des Unternehmens. Es heißt sogar, die Rote Armee hätte Tilsit zweimal erobert. Die Truppen der 39. Armee seien schon in der Stadt gewesen, als die 43. Armee zum Sturm über die Memel antrat. So war es in der Tat. General Beloborodow musste einräumen: „Als die 115. Schützendivision den Angriff über die Memel auf Tilsit vortrug, hatten Schützenregimenter des 54. Korps sich bereits durch die Stadt gekämpft und das südwestliche Stadtviertel erreicht.“

Um Mitternacht hatten sich die letzten deutschen Nachhuten abgesetzt. Die 115. Schützendivision begann, das südliche Memelufer in Besitz zu nehmen. Wenn es bei der Durchkämmung des kilometerlangen Betriebsgeländes der Zellstoffwerke immer wieder zu Schusswechseln kam, handelte es sich nicht um letzte deutsche Soldaten, sondern um entgegenkommende Einheiten des 54. Schützenkorps. In dem unübersichtlichen Gewirr von Werkhallen, Kühltürmen, Holzlagern und Rohrleitungen fiel es schwer, Freund und Feind zu unterscheiden.

Erst im Laufe des Vormittags trat Ruhe ein. Die letzten Schüsse waren verhallt. Hier und da loderten Brände. Niemand kümmerte sich darum. Tilsit war seinem Schicksal überlassen. Es war die erste größere Stadt auf deutschem Reichsgebiet, die in die Hände der Sowjets fiel. Nach einem Dokument aus dem Zentralarchiv des Verteidigungsministeriums der UdSSR galt Tilsit ab dem 20. Januar 1945 um 10 Uhr vormittags als erobert. Radio Moskau gab den Fall Tilsits in einer Sondermeldung bekannt. Auf dem Roten Platz am Kreml wurde anlässlich der Einnahme von Tilsit ein Artilleriesalut von 20 Salven geschossen.

Der 89. Panzerbrigade wurde der Ehrentitel „Tilsiter“ verliehen. Sie trug den entscheidenden Anteil daran, dass Tilsit mit einem raumgreifenden Vorstoß in die Tiefe militärisch ausmanövriert wurde. Damit hatte die Verteidigung der Stadt entlang der Memel ihren Sinn verloren.

Die Tilsiter erfuhren vom Verlust ihrer Vaterstadt am nächsten Tag aus dem Wehrmachtsbericht. Er meldete: „Zwischen Insterburg und Tilsit wechselten starke feindliche Angriffe mit unseren Gegenangriffen. Nach erbitterten Kämpfen konnte der Feind in Tilsit eindringen.“ Hans Dzieran

Die geschilderten Ereignisse sind einer Broschüre entnommen, die von der Stadtgemeinschaft Tilsit herausgegeben worden ist. Unter dem Titel „Als Tilsit verloren ging“ wird auf 40 Seiten und mit zahlreichen Karten und Fotos der Frage nachgegangen, wie es zum Verlust der ersten größeren Stadt auf deutschem Reichsgebiet kam. Die Broschüre kann unter der Telefonnummer (0371) 642448 angefordert werden.


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