© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 14-11 vom 09. April 2011

Denkmal bald unter Wasser?
Raketenforschungszentrum Peenemünde: Statt Unesco-Weltkulturerbe droht »Renaturierung«

Die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern missbraucht die Geschichte, um das Gelände auf der Insel Usedom, die anerkannte Wiege der weltweiten Raumfahrt, im Rahmen der Industriepolitik unter Wasser zu setzen.

Peenemünde gilt als die Wiege der Raumfahrt: 1942 stieg hier erstmals eine Rakete ins Weltall auf. Das Vorhaben, das Historisch-Technische Museum Peenemünde als Weltkulturerbe zu schützen, ist auf Eis gelegt worden. Der Plan von Kultusminister Henry Tesch (CDU), der von Anwohnern und Denkmalschützern unterstützt wird, wurde durch Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) im Schweriner Kabinett ausgebremst.

Aussetzung aller Aktivitäten zur Aufnahme Peenemündes auf die Weltkulturerbe-Liste – mit dieser Botschaft trat Staatskanzleichef Reinhard Meyer (SPD) am 29. März an die Öffentlichkeit. Bis zum Jahresende wurde in der Angelegenheit erst einmal eine Denkpause verordnet. Meyer forderte bis dahin eine gründliche Diskussion darüber, ob eine Bewerbung für die Weltkulturerbe-Liste mit der Geschichte des Ortes vereinbar sei: „Peenemünde ist vor allem ein Ort, an dem die Nazis fürchterliche Waffen entwickelt haben.“ Diese Argumentation geht allerdings an der Zielsetzung der Unesco vorbei: Die zählt zum Weltkulturerbe nicht nur Denkmäler wie den Kölner Dom und die Wartburg, sondern auch Orte wie das Gelände des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau.   

Bisher hat die Geschichte Peenemündes das Land Mecklenburg-Vorpommern auch nicht davon abgehalten, zusammen mit der Kommune die Trägerschaft für das Museum zu übernehmen und finanzielle Unterstützung für den weiteren Ausbau anzukündigen. Vorgesehen ist unter anderem der Bau einer Besucherplattform auf dem Dach des früheren Kraftwerks, von der ein Überblick über das 25 Quadratkilometer große Gelände der ehemaligen Heeresversuchsanstalt möglich sein soll. Mit der Einrichtung eines sogenannten gläsernen Klassenzimmers sollen Schulklassen die Möglichkeit erhalten, die Entwicklungsgeschichte der V2-Rakete kennenzulernen. Mittlerweile ist aus dem Museum in Peenemünde, das durch eine private Initiative entstanden war, das zweitgrößte Museum in Meck-lenburg-Vorpommern geworden, das jährlich fast 230000 Besucher anzieht.

Das Aussetzen der Weltkulturerbe-Pläne durch Ministerpräsident Sellering dürfte einen simplen Grund haben: Industriepolitik. Umweltminister Till Backhaus (SPD) plant ein großflächiges Renaturierungsprojekt auf Usedom. Unterstützt wird er dabei von den Energiewerken Nord. Als Ausgleich für industrielle Großvorhaben, unter anderem Windenergieparks, will das Unternehmen im Norden der Insel ein großes ökologisches Ausgleichsprojekt schaffen. Vorgesehen ist ein Rückbau der denkmalgeschützten Deiche zwischen Peenemünde und Zinnowitz, die zwischen 1937 und 1941 entstanden sind. Bei Hochwasser sollen die dahinter liegenden Flächen geflutet werden. Davon betroffen wären auch Teile des ehemaligen Raketentestgeländes. Sollten diese Pläne umgesetzt werden, würden allerdings die Chancen Peenemündes zur Aufnahme auf die Weltkulturerbe-Liste drastisch sinken. Die Renaturierungspläne des Umweltministeriums sind bis zum Jahresende ausgesetzt worden – bis dahin sollen mögliche Alternativen geprüft werden. Hinter der Entscheidung ist ein einfaches Kalkül zu vermuten: Werden andere Ausgleichsflächen gefunden, können die Museumspläne weiterverfolgt werden, falls nicht, dann ziehen Denkmalschutz und Weltkultur-erbe den Kürzeren.

Auch die Tatsache, dass deutsche Denkmäler auf der Unesco-Liste überproportional vertreten sind, haben zu Überlegungen geführt, einen gemeinsamen Antrag mit dem Raumfahrtsstützpunkt Cape Canaveral in den USA und Baikonur, dem Startplatz russischer Raumfahrtraketen, zu stellen.

Die neuerdings wieder vorgebrachten moralischen Bedenken zur Geschichte des Ortes sind offenbar auch nur taktisches Beiwerk. Die seit Jahren verfolgten Pläne des Umweltministers haben inzwischen eine erstaunliche Koalition zustande gebracht: Widerstand gegen die Renaturierungspläne kommt nicht nur aus dem von der CDU geführten Kultusministerium und von Denkmalschützern, sondern auch von der Links-Fraktion im Schweriner Landtag. Entschiedenen Widerstand leisten vor allem die Anwohner: Bereits seit zwei Jahren macht eine Usedomer Bürgerinitiative gegen die Pläne des Umweltministeriums mobil. Befürchtet wird nicht nur ein Verlust des Hochwasserschutzes – bereits bei den letzten Hochwasserlagen standen Keller voller Wasser, nach dem Deichrückbau könnte dies zum Dauerzustand werden. Die Anwohner sehen auch eine weitere Gefahr in der Freilegung von Munitionsaltlasten durch die Überflutung. Während des Zweiten Weltkrieges war Peenemünde  Ziel massiver alliierter Bombenangriffe.

Der Widerstand der betroffenen Usedomer scheint sich auszuzahlen, auf einem Bürgerforum hat Umweltminister Till Backhaus inzwischen einen Kompromiss angedeutet, bei dem der Deich nur noch an zwei Stellen unterbrochen werden soll. Fraglich ist allerdings, ob sich die Bewohner damit zufriedengeben werden. Abseits der „Kaiserbäder“ ist der Norden der Insel Usedom in der Vergangenheit ins Hintertreffen geraten. Einer gesicherten Perspektive für das Museum Peenemünde werden die Anwohner selbst den nachgebesserten Plänen des Umweltministeriums den Vorzug geben.          Norman Hanert


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