© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 14-11 vom 09. April 2011

Gilt in Russland bald die Scharia?
Experten warnen vor der Islamisierung des Landes − Politiker haben kaum Lösungen

In Russland wächst die Angst vor Terroranschlägen wie dem auf die Moskauer Metro 2010 oder auf den Flughafen Domodedowo Ende 2011. Sie gingen auf das Konto von Islamisten. Während Präsident Dmitrij Medwedew nach einvernehmlichen Lösungen sucht, warnen Experten.

Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Levada befürchten inzwischen 75 Prozent der Moskauer, selbst Opfer eines terroristischen Anschlags zu werden. Der Terrorist und Untergrundkämpfer Doku Umarow hatte sich in einer Videobotschaft zu den Terrorakten bekannt. Seit 2007 kämpft Umarow für einen Kaukasischen Gottesstaat. Die Nachricht, dass der Terrorist vor kurzem bei einem Polizeieinsatz getötet worden sei, ist bislang noch nicht bestätigt.

Der Kreml gesteht dem „traditionellen Islam“ gemäß der russischen Verfassung eine gleichberechtigte Stellung neben anderen Religionen zu. Um radikalen Strömungen vor allem in den Grenzgebieten Mittelasiens und im Nordkaukasus zu begegnen, wurden kremltreue Gouverneure installiert. In Tschetschenien vertritt Ramsan Kadyrow, Mitglied der Regierungspartei „Einiges Russland“, nun schon in zweiter Amtszeit russische Interessen. Dmitrij Medwedews Plan von 2010, mit einem Sonderbeauftragten, dem Wirtschaftsmanager Alexander Chloponin, die wirtschaftlichen Perspektiven in der vom Islam geprägten Region zu verbessern und so Menschen davon abzuhalten, sich radikalen Anführern anzuschließen, ging nicht auf und konnte Moskau vor neuen Anschlägen nicht bewahren.

Die durch Anschläge geschürte Angst hat dazu geführt, dass in der russischen Bevölkerung alle Gastarbeiter mit südländischem Äußeren als potenziell gefährlich angesehen werden. Ein Umstand, den muslimische Vereinigungen gegen die Russen einsetzen, ihnen wachsende Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung vorzuwerfen. Ein Mechanismus, der auch im Westen  seit langem funktioniert.

Zur Zeit existieren in Russland offiziell vier muslimische Vereinigungen: die „Union der Muslime Russlands“ (SMR) in Moskau, die „Zentralverwaltung der Muslime“ in Ufa (Baschkortostan) und das Koordinationszentrum der Muslime des Nordkaukasus in Tscherkessk. Ende vergangenen Jahres wurde als übergeordnete Organisation die „Russische Assoziation für Islamische Eintracht“ (RAIS) gegründet, die der „Geistlichen Zentralverwaltung der Muslime“ (ZDUM) untersteht. Die SMR lehnt Entscheidungen der neuen RAIS allerdings ab, weil sie eine destruktive Organisation sei, die sich schon mehrfach gegen die Union der Muslime gestellt habe.

Immer wieder beraten Expertengruppen an runden Tischen über den Umgang mit dem Islam. Ihre Warnungen zeugen davon, wie ernst die Lage bereits ist. „Ohne einschneidende Maßnahmen in der Religionspolitik erwartet Russland eine traurige Zukunft“, lautet das Urteil Ruslan Gerejews, eines Experten am Zentrum für Islamforschung im Nordkaukasus. Er belegt dies am Beispiel Dagestans, wo eine Radikalisierung gläubiger Jugendlicher im Gange sei. Als Gründe dafür benennt der Experte soziale und wirtschaftliche Probleme, Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, Korruption, die alle, und zwar ausnahmslos alle Strukturen der Republik befallen hätte, und das schnelle Anwachsen des Wahhabismus. Seine Anhänger verstehen sich als Kämpfer für die reine Lehre des Islam. Schon zu Beginn der 90er Jahre wurden Wahhabiten aus arabischen Ländern in den Nordkaukasus eingeschleust, für die es ein Leichtes ist, desillusionierte Jugendliche in ihren Bann zu ziehen. Sie bedienen sich dabei modernster Technik: übers Internet, per SMS oder über Videobotschaften auf YouTube erreichen sie ihre Adressaten. Der Prozess der weltweiten Islamisierung sei schon voll im Gange, so Gerejew. In Europa – besonders in Großbritannien – nehme die Zahl zum Islam Konvertierter zu. Noch sei die Situation in Russland anders, weil die Muslime hier stark in Gruppen von Wahhabiten, Schiiten, Chabaschiten und weiteren zersplittert seien. Wenn sich aber die Muslime in Russland zusammenschließen würden, wie es die „wahhabitische Lobby“ forciert, werde der Islam sich bald in christliche Regionen ausbreiten. Durch Migration der Arbeitssuchenden entstehen neue Enklaven, in denen es zu Problemen kommt. Ein Dilemma, denn andererseits benötigt Russland aufgrund seiner rückläufigen demografischen Entwicklung den Zustrom an Arbeitskräften. So setzen sich Soziologen dafür ein, gerade die Kinder der Migranten durch gute Ausbildungen zu integrieren.

Jana Amelina, Leiterin des Kasaner Zentrums für regionale und ethno-religiöse Forschung, sieht  im Islamismus die größte Bedrohung der gesellschaftlichen Ordnung und des Staatsgebildes der Russischen Föderation. Seit fünf bis sieben Jahren bilden Islamisten die größte illegal bewaffnete Formierung im Nordkaukasus. Seit 2010 beginne der „Dschihad“ (Heilige Krieg) sich auf die Wolgaregion, Tartastan und Baschkortostan auszubreiten. In der autonomen Republik Tatarstan, einem Land mit West-Orientierung in Richtung Türkei, war bisher der moderne und liberale „Euro-Islam“ ähnlich dem der Türkei zu Hause. Die wahhabitische Lobby verhindere die Bekämpfung extremistischer Ideen, warnt Amelina. Statt dessen betreibe sie eine Medien- und Expertenmaschinerie zur Verbreitung  extremistischer und gegen die Verfassung gerichteter Ideen. Pro-Islamisten existierten auch schon in der Politik. Journalisten fanden sogar Rechtfertigungen für die Anschläge in Mos-kau. Die Unterscheidung zwischen „traditionellem Islam“ und Islamismus sei daher falsch. Die Experten sind sich einig, dass die Regierung recht bald Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Islam ergreifen muss, soll in Russland nicht bald die Scharia gelten. Diese Aufgabe könnte gelöst werden, wenn Politiker und Islamexperten koordiniert zusammenarbeiten würden. Manuela Rosenthal-Kappi


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