© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 14-11 vom 09. April 2011

Die Polen kommen
Deutschland muss Arbeitsmarkt öffnen

Am 1. Mai erhalten Bürger der zehn am 1. Mai 2004 der EU beigetretenen Staaten freien Zugang zum EU-Arbeitsmarkt, der ihnen nur noch in Österreich und Deutschland versperrt war. England hatte Barrieren 2004 gar nicht erst errichtet, Deutschland sie 2007 für Hochschulabsolventen abgebaut. Nun kommen Tschechen, Balten und vor allem Polen, was Ängste auslöst. Laut jüngster Umfragen befürchten 75 Prozent der Deutschen Jobverluste und 70 Prozent „negative Auswirkungen“ aller Art.

Deutsche Experten erwarten keine Erschütterungen. Seit Jahren arbeiten bei uns Polen ganz legal: 2007 und 2008 je 490000, danach 415000. Sie stellen auch das Gros der bis zu einer Million illegalen Arbeitnehmer, die als Putzfrauen, Küchenhilfen oder Pflegekräfte arbeiten. Laut Institut der deutschen Wirtschaft verliert der Staat zwar 150 Milliarden Euro Steuern, aber ohne solche Schwarzarbeiter wären ganze Tätigkeitsbereiche undenkbar. Und ab Mai besteht Aussicht, dass Schwarzarbeit weithin legalisiert wird.

Polnische Fachleute sehen einen „Schichtwechsel“ der Arbeitskräfte: Die 300000 Saisonarbeiter, die früher Spargel stachen, verschwinden, ausgenommen größere Gruppen Arbeitsloser aus Stettin und Umland. Statt ihrer kommen 80000 Altenpfleger, 66000 Informatiker, 30000 Techniker, weitere 30000 Gastronomiearbeitskräfte, 20000 Ärzte, 12000 Banker, insgesamt bis zu 400000.

Kann Polen mehr als 100000 qualifizierte Arbeitskräfte entbehren, fragen die einen. Es hat keine Wahl, sagen andere: Deutschlands Arbeitslosigkeit liegt bei sieben, die Polens bei 14 Prozent. Der deutsche Durchschnittslohn liegt bei 2500 Euro brutto, der polnische bei 800 Euro, von deutschen Arbeitslosenhilfen können die 2,5 Millionen „angemeldeten“ polnischen Arbeitslosen nur träumen.

Viele der arbeitslosen Polen dürfte es daher nach Deutschland ziehen. Bis vor kurzem war England ihr Hauptziel, 2007 waren 690000 Polen dort, derzeit sollen es trotz Wirtschaftskrise noch 500000 sein. Die Zahl wollen die Briten auf 230000 begrenzen.

Und die ganze EU sollte an Polen denken, dessen jetzt ungehinderter Zugang zum europäischen Arbeitsmarkt es zum Ziel illegaler Arbeiter aus Russland oder der Ukraine machen wird.     Wolf Oschlies


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