© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 14-11 vom 09. April 2011

Durch Lösegeld zur Macht
Mahgreb-Kaida erpresst Millionen und wird zur politischen und wirtschaftlichen Größe

Rund 150 Millionen US-Dollar an Lösegeldern sind in den letzten Jahren in die Kassen der sogenannten Maghreb-Kaida (AQMI) geflossen, einem immer mächtigeren Zweig von Bin Ladens Terrororganisation in Nordafrika. Damit stellen die radikalen Islamisten längst die wirtschaftlich und finanziell stärkste Kraft in den Wüstenregionen Mauretaniens, Malis, im Staat Niger, im Süden Algeriens, Libyens und im Tschad dar. Dies ist das Ergebnis einer jetzt zu Ende gegangenen Tagung des Menschenrechtsrates der Vereinten Nationen in Genf.

Redner aus betroffenen Staaten wie Algerien und Mali forderten deshalb dazu auf, keine Lösegeldzahlungen mehr zu leisten, da sich daraus eine regelrechte Industrie entwickelt habe. Die Terroristen seien inzwischen größte Arbeitgeber der Region, säßen durch politisch motivierte Heiraten immer fester im Sattel, investierten in Ländereien und Ressourcen wie Wasserreservoire und belebten durch ihren Nachschubbedarf den lokalen Handel. Hand in Hand damit ginge ein sozialer Wandel einher.

„Die ganze Sahelzone wird von der Kaida als Geisel genommen“, kommentierte der Uno-Botschafter Algeriens, Idris Jazairi, die Ent- wicklung. Als verbale Verschleierung brandmarkte es eine philippinische Menschenrechtsexpertin, wenn im Zusammenhang mit Lösegeldern zur Befreiung von Geiseln von „Schenkungen“ und „Kommissionsgeldern“ gesprochen werde. Denn auch die fernöstlichen Philippinen leiden unter derselben Politik der Terrorbande Abu Sayyaf, sich den finanziellen Spielraum durch Entführungen, Drogen- und Waffenhandel zu besorgen.

Besorgniserregend ist zudem die Einmischung von Al Kaida weiter südlich in Nigeria. Das terroristische Netzwerk bot an, die Muslime des Südens der radikalen Gruppe Boko Haram bei der Vernichtung der Christen im Norden des Landes tatkräftig zu unterstützen. Dieser Kampf hat allein 2010 mehr als 1000 Christen das Leben gekostet. Grundsätzlich sehen diese Islamisten Touristen als eine neue Form von Kolonialisten, die es von islamischem Boden fernzuhalten gelte.

Mittlerweile treten die Terroristen im Norden des Schwarzen Kontinents, so die Erkenntnisse der Experten, selbst als Herren auf und entmachteten schrittweise die traditionelle Führungselite. Lokale Spitzel lieferten ihnen die Daten über Touristenbewegungen oder den Einsatz europäischer Techniker. Im Sinne der Uno-Resolution 1373 von 2001 indes seien Lösegelder an Terrorgruppen eine verbotene Finanzierung des Terrors. Die „Sponsoren“ müssten – so der Uno-Sonderberichterstatter, der Finne Martin Scheinin – auf dieselbe schwarze Liste gesetzt werden wie die Terroristen selbst. Die Geiselnahme sei eine klare Strategie,  die Mittel für den bewaffneten Kampf locker zu machen. Die Operationsbasis der Maghreb-Kaida sei mit logistischem Geschick aufgebaut. Das erfordere endlich international koordinierte Maßnahmen, da die Bemühungen einzelner Staaten nicht ausreichten. Insbesondere müsse das Waschen der Gelder einheitlich überwacht werden.

In der zu Algerien gehörenden Oase Tamanrasset, der südlichen Hauptstadt des Landes und ein wichtiger Siedlungsplatz der Tuareg-Stämme, wird unter algerischer Führung ein regionales Kommandozentrum für die Sicherheitskräfte der Sahel-Staaten aufgebaut. Tamanrasset ist zugleich die logistische Drehscheibe für den Transsahara-Verkehr zum Niger und ein Zentrum für den Wüstentourismus. Gerade die Tuareg werden immer wieder nach afghanischem Vorbild zur Zeit der Russenbesetzung als „Mudschaheddin“ der Sahara angeworben, um den Terrorismus einzudämmen. Die Truppenstärke der vereinigten Streitkräfte von Burkina Faso, Niger, Mali, Tschad und Mauretanien gegen Al Kaida soll 7500 betragen. Die USA sehen in dieser Konstellation zudem eine Möglichkeit, ihre eigene Kampfbasis zu etablieren und ein Flugfeld einzurichten, von dem aus ihre Drohnen operieren können. Frankreich wiederum befürchtet, dass der Maghreb als Zentrale für geplante Attentate in Europa und den USA benutzt werden könne. Der verhinderte Flugzeug-Bomber von Detroit war Nigerianer. Nach Geheimdienstinformationen leben mittlerweile ein gutes Dutzend Schläfer aus der Maghreb-Region in westlichen Großstädten.

Die Achillesverse der logisch begründeten Forderung nach internationaler Koordination ist das Dilemma westlicher, demokratischer Regierungen, unter dem Druck der Öffentlichkeit den Freikauf von Geiseln kaum verweigern zu können, auch wenn sie die Folgen der Transferzahlungen zum Teil über bis zu fünf Mittelsmänner zur Verschleierung der wahren Ziele klar erkannt haben.  J. Feyerabend


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