© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 14-11 vom 09. April 2011

Am Ende steht der Untergang
Der Politikwissenschaftler Abdel-Samad hinterfragt die islamische Kultur

Heute feiern die libyschen Aufständischen die europäischen und amerikanischen Kampfflieger, schließen Briten, Franzosen und US-Amerikaner gar in ihre Freitagsgebete ein. Doch wie lange wird die Euphorie dauern? Wann werden sie wieder anfangen, den Westen, die „Kreuzfahrer“ zu verfluchen für ihren „Angriff auf die arabische Welt“? Und: Woraus nährt sich überhaupt dieses zutiefst zerrissene Bild vom Westen im Orient.

Genau dieser Frage ist der deutsch-ägyptische Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad in „Der Untergang der islamischen Welt – Eine Prognose“ auf den Grund gegangen. Seine Antwort: Das widersprüchliche, zwischen Bewunderung und Verachtung schwankende  Verhältnis zur abendländischen Kultur speist sich aus dem zerrissenen Verhältnis der Araber zu ihrer eigenen, muslimischen Kultur.

Abdel-Samad hat die zwiespältige Haltung zum Abendland am eigenen Leibe durchlebt. In seinem Buch beschreibt er, wie er voller Neugier und Erwartung als Student nach Deutschland gekommen sei, um Wissen zu erlangen und in Freiheit zu leben. Bald jedoch habe ihn die reale Freiheit überfordert. Er habe begonnen, seine eigene Kultur zu verklären und die des Westens zu verachten: „Ich liebte es, Deutschen zuzuhören, die sich selbst zerfleischten und die eigene Kultur geißelten.“

In Oswald Spenglers „Der Untergang des Abendlandes“ hoffte er, die geistige Analyse des unvermeidlichen Niedergangs der verabscheuten westlichen Kultur zu finden. Was er fand, war jedoch ein Schock: Was Spengler prophezeite, passte offenkundig viel besser auf die islamische Kultur als auf die westliche. So schrieb der deutsche Autor davon, wie eine an sich selbst müde gewordene Kultur in ihrer Endphase erstarrt und sich schließlich „zurücksehnt … in das Dunkel urseelenhafter Mystik, in den Mutterschoß, ins Grab zurück“.

In diesem Zustand sieht der Sohn eines ägyptischen Imams die islamische Welt. In seinem Buch begibt sich Abdel-Samad tief in die Geschichte des Islam, um zu ergründen, wo diese Agonie ihren Anfang nahm. In seiner dynamischen Anfangsphase habe der Islam den freien Wissenschaften gehuldigt, auch der Glaube selbst habe sich kontinuierlich weiterentwickelt. Die heute immer wieder zu hörenden Hinweise auf die einstige Vitalität und Kreativität der islamischen Welt beziehen sich nicht von ungefähr auf diese Epoche, die im hohen und späten Mittelalter ihr Ende fand. Danach sieht der Autor die islamische Welt in eine dogmatische Starre sinken. Hier hätte das Abendland begonnen, seinen morgenländischen Nachbarn abzuhängen.

Der Zorn auf den Westen sei vor allem Scham und Neid geschuldet, dass man selbst so weit zurückgefallen ist. Ein Schuldiger muss her, will man die Schuld nicht bei sich selbst suchen. Dabei jedoch verbissen sich viele Muslime umso stärker in jene „urseelenhafte Mystik“, welche uns in Gestalt des radikalen Islam heute begegnet.

Für die Zukunft sieht Abdel-Samad gewaltige Gefahren: Noch halte der Ölreichtum etlicher arabischer Länder die Lage halbwegs stabil. Doch eines Tages werde das schwarze Gold erschöpft sein. Dann werde es ernst, bei weitem nicht nur für die islamische Welt. Der Autor sieht für die Zeit nach dem Öl eine gewaltige Völkerwanderung losbrechen, die alle bisher bekannten Ausmaße von Immigrantenströmen gen Norden sprengen wird. Dann allerdings wäre es vom „Untergang der islamischen Welt“ zum „Untergang des Abendlandes“ wohl nur noch ein kurzer Weg.

Hamed Abdel-Samads Buch bringt in gefälligem Deutsch erhellende Einblicke in eine Welt, deren Denken und Fühlen uns immer rätselhaft erscheint. Vieles, was einem Europäer zunächst widersprüchlich, ja unerklärlich erscheint, erscheint hier in seinen Zusammenhängen. Obwohl das Buch kurz vor der „Arabellion“ geschrieben wurde, ist es auch bei der Beurteilung der Volksaufstände und ihrer möglichen Folgen ein wertvoller Begleiter.        Hans Heckel

Hamed Abdel-Samad: „Der Untergang der islamischen Welt – Eine Prognose“, Droemer, München 2010, kartoniert, 240 Seiten, 18 Euro


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