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13.08.11 / Verlag zieht Miegel-Buch zurück / Agnes-Miegel-Gesellschaft sieht Dichterin als Kind ihrer Zeit

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 32-11 vom 13. August 2011

Verlag zieht Miegel-Buch zurück
Agnes-Miegel-Gesellschaft sieht Dichterin als Kind ihrer Zeit

Die Agnes Miegel vielfach vorgehaltene Nähe zum NS-Staat und ihrem Führer wird in den vorgelegten Aufsätzen auf eine ganz unaufgeregte, subtile und substanzielle Weise vorgestellt, im zeitlichen Zusammenhang erklärt und prinzipiell hinsichtlich einer ideologischen Übereinstimmung widerlegt. Der Verlag kann sich mit dem Buch durchaus sehen lassen und wird auch damit Anerkennung finden. Es ehrt den Verlag, für eine deutsche Dichterin gerade in Zeiten der Herausforderung einzutreten“, so äußerte sich der Historiker Paul Leidinger, emeritierter Professor der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Doch nur nach einer knappen Woche nahm der Münsteraner Verlag Ardey „Agnes Miegel. Ihr Leben, Denken und Dichten von der Kaiserzeit bis zur NS-Zeit“ aus dem Handel. Auf Nachfrage bestätigt der Vertriebsleiter Grabowsky: „Der Vertrieb ist eingestellt und das wird auch so bleiben.“

Marianne Kopp, Erste Vorsitzende der Agnes-Miegel-Gesellschaft, kann sich das Vorgehen des Verlages nicht erklären. Sie wartet noch immer auf eine sachliche, nachvollziehbare und eindeutige Begründung, weshalb der Verlag die Jahresgabe der Agnes-Miegel-Gesellschaft aus dem Handel genommen hat. Als einzige Begründung gab der Verlag an, dass auf einer Seite der Schriftsteller Hans Grimm zitiert wird, ohne darauf hinzuweisen, dass er eine Einstellung vertritt, die weitestgehend mit dem Nationalsozialismus übereinstimmt. Er wurde mit der Veröffentlichung „Volk ohne Raum“ bekannt, in der er politische und wirtschaftliche Probleme auf Mangel an Platz zurückführt und sich für die Kolonialisierung ausspricht. Der Nationalsozialismus kam Grimms Vorstellung am nähesten, weshalb dieser noch 1945 Adolf Hitler für einen Reformator hielt. 1936 gründete Grimm die Zeitschrift „Die neue Literatur“, in der er sich klar für die Herrenrasse ausspricht. Als er sich zwei Jahre später gegen Aktionen der NSDAP ausspricht, droht Goebbels ihm mit Inhaftierung, worauf Grimm sich aus der Öffentlichkeit zurückzieht. Er war nach Ende des Zweiten Weltkrieges einer der ersten, die versuchten, den Nationalsozialismus zu verteidigen. Grimm publizierte die Monatsschrift „Nation und Europa“, die einen völkischen Standpunkt vertritt.

In dem Zitat, das in der Miegel-Publikation enthalten ist, geht es um das Entnazifizierungsverfahren im Falle Miegels. „Ihre europäische politische Anschauung ist wohl am besten aus jener großartigen und wunderbaren prophetischen Ballade ‚England’ ... abzulesen. ... Frau Dr. e. h. Agnes Miegel trat in Königsberg, als sie die zunehmende Bedrohung des deutschen Ostens merkte, der NSDAP bei, weil sie zu sehen glaubte, dass die NSDAP dort am stärksten alle deutschen Klassen in Achtung zusammenfasse und also am sichersten eine Gemeinschaftshilfe gegen die Gefahr aus Russland, aus Polen und aus Litauen herbeiführe. [...] Dass sehr menschliche Schwächen dem Parteibetrieb anhängen könnten, war ihr, wie ich aus Unterhaltungen weiß, bei der Sauberkeit und Wärme ihres Herzens vollkommen unfassbar.“

Da bekannt ist, dass Grimm den Nationalsozialismus nach 1945 zu verharmlosen sucht, lenkte die Agnes-Miegel-Gesellschaft ein und bot an, einen Hinweis auf den Schriftsteller und Publizisten Hans Grimm als Einlage in die 1000-Stück kleine Auflage einzulegen. Dies lehnte der Verlag jedoch mit der Begründung ab, dass es auch noch andere Stellen gäbe, die auf eine rechte Lesart deuten. Welche Stellen das seien, konnte er Marianne Kopp nicht nennen. Auch ein klärendes Gespräch zwischen der Gesellschaft und dem Verlag im Beisein der Öffentlichkeit hat der Ardey-Verlag verhindert. Kopp vermutet, dass der Ardey-Verlag dem öffentlichen Druck nachgegeben habe. Denn derzeit erscheint der Name Agnes Miegel ausschließlich in negativer Konnotation, wenn es wieder darum geht, eine Miegel-Straße oder Schule, die ihren Namen trägt, umzubenennen. Heute gilt Miegel als Anhängerin Hitlers, was unter anderem dadurch bestätigt wird, dass sie ein Gedicht zu seinen Ehren geschrieben hat und der NSDAP beigetreten ist. Umso wichtiger wäre es, sich mit der causa Agnes Miegel eingehend zu beschäftigen. War sie wirklich eine Anhängerin Hitlers, die den Krieg, die Rassenideologie und den Nationalsozialismus befürwortet hat? Oder war sie ein Kind ihrer Zeit, das Hitler verehrte, weil er ihr geliebtes Ostpreußen wieder ans Reich angeschlossen hat? Dieser Frage nahm sich 2010 die Agnes-Miegel-Gesellschaft an, die zusammen mit der Landsmannschaft Ostpreußen ein Seminar zu dem Thema „Agnes Miegel. Neue Mosaiksteine zu ihrem Leben und Werk“ veranstaltete. Dieses Seminar wurde durch einen Antifa-Aufruf gestört (die PAZ berichtete). Aus den Vorträgen entstand die nun vom Verlag zurückgeorderte Publikation, die die Dichterin und ihre Dichtung in den entsprechenden zeitlichen Kontext einordnet.

Bodo Heimann analysiert die Haltung Miegels zum Dritten Reich anhand einiger Gedichte aus ihrem Werk, die einen NS-Bezug aufweisen. Den Hintergründen zur „Silbernen Wartburgrose“, mit der die Balladendichterin 1933 ausgezeichnet wurde, widmet sich Ursula Seibt, die Miegelsche Lyrik mit jüdischer Thematik wird von Dirk Herrmann untersucht,  Marianne Kopp stellt biografische Details aus ihren privaten Freundesbriefen an Lulu Diederichs und kulturhistorischen Erinnerungen zusammen.

Paul Leidinger gibt Worte zum Geleit. Insgesamt eine unaufgeregte, subtile und substanzielle Publikation, die sich der Herausforderung annimmt, Agnes Miegel im Spiegel ihrer Zeit zu betrachten.

Kopp schreibt zusammenfassend in ihrem Blog „Die NS-Partei umwarb 1933 die erfolgreiche und anerkannte Dichterin ... Die heimatverbundenen und an sich unpolitischen Themen ihrer Dichtung wurden von der NS-Ideologie und ihren Organisationen vereinnahmt und führten 1933 zu ihrer Berufung durch den NS-Staat in die gleichgeschaltete Sektion der Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste, mit der zwangsläufig auch ein Treueid auf Hitler verbunden war ... Nirgends in Agnes Miegels offiziellen und privaten Äußerungen ist eine Anbiederung an die NS-Ideologie zu erkennen, nichts deutet auf eine Bejahung oder Unterstützung ihrer Eroberungspolitik oder Rassenwahn hin. Von Kindheit an vertraut mit jüdischen Lebenswelten, pflegte sie einen großen jüdischen Bekannten- und Freundeskreis. Ihre Dichtung berührt und schildert nicht nur Ostpreußen, sondern zahllose verschiedene Kulturen, darunter auch Persönlichkeiten aus dem Alten Testament.“

Dass die Dichterin Agnes Miegel noch immer zu einer der wichtigsten deutschen Lyrikerinnen gezählt werden muss, zeigt die Aufnahme drei ihrer Gedichte in den Kanon Marcel Reich-Ranickis im Jahre 2005. Wer sich ein eigenes Urteil über den neuerschienen Band der Agnes-Miegel-Gesellschaft machen möchte, kann das Buch direkt ordern bei der Agnes-Miegel-Gesellschaft e.V., Agnes-Miegel-Platz 3, 31542 Bad Nenndorf, Telefon: 05723-917317, E-Mail: info@agnes-miegel-gesellschaft.de. Dort sind noch einige wenige Exemplare vorhanden. Christiane Rinser

Marianne Kopp (Hrsg.): „Agnes Miegel. Ihr Leben, Denken und Dichten von der Kaiserzeit bis zur NS-Zeit. Mosaiksteine zu ihrer Persönlichkeit“. Ardey-Verlag Münster 2011, 144 Seiten, gebunden, 12,90 Euro.


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