© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 35-11 vom 03. September 2011

Assad verspielt größten Trumpf
Syrisches Militär nimmt sogar Palästinenser unter Feuer

Der syrische Staatspräsident Bashar al-Assad weitet seine Offensive gegen die Regierungskritiker aus, die seit Monaten demokratische Reformen fordern. Latakia ist eine der Städte, in die Assad-treue Soldaten einrückten. Dabei ist ein Palästinenserlager sogar von Kriegsschiffen aus unter Dauerfeuer genommen worden. Mehrere Dutzend Tote und Zehntausende Menschen, die flüchten wollen, sind die Folge.

Latakia gilt mit seinen 420000 Einwohnern als syrische Hauptstadt der schiitischen Alawiten, zu denen auch Staatspräsident Assad gehört. Aber auch eine große Minderheit von syrisch-orthodoxen und syrisch-katholischen Christen lebt in Latakia. Das gute Zusammenleben aller Religionsgruppen und das mediterrane Flair gaben der Stadt bislang eine weltoffene Atmosphäre. In der Region dominieren die Alawiten mit 70 Prozent, die Christen folgen mit 14 Prozent, danach kommen die Sunniten mit 12 Prozent. Nach der Machtübernahme von Hafiz al-Assad profitierte die Stadt von großzügiger Hilfe. Zusätzlich zu dem bereits vorhandenen Fußballstadion wurden ein überdimensioniertes Sportstadion und ein internationaler Flughafen gebaut.

Hier hätte man am wenigsten Proteste gegen das Assad-Regime erwartet, weil es die einzige syrische Großstadt mit einer nennenswerten alawitischen Bevölkerung ist. Aber seit Kurzem sind gerade Teile dieser Stadt unter starkem Beschuss des syrischen Militärs. Um die anhaltende Protestbewegung niederzuschlagen, setzt die syrische Regierung jetzt auch die Marine ein. Kriegsschiffe beschossen die südliche Vorstadt von Latakia, Al-Ramle, eine Hochburg der örtlichen Opposition. In Al-Ramle wurde eines der vielen Palästinenserlager in Syrien, die von der UN verwaltet werden, getroffen. Dabei gab es zahlreiche Tote und Verletzte. „Die Menschen versuchen zu flüchten, aber sie können Latakia nicht verlassen, weil die Stadt umzingelt ist“, sagte ein Bewohner gegenüber der Nachrich­ten­agentur Reuters. So müssen die Palästinenser weiter um ihr Leben fürchten, bedroht ausgerechnet von Assads Militär.

Der größte Trumpf des syrischen Regimes war bislang die palästinensische Karte. Syrien ist das einzige arabische Land, das den Kriegszustand mit Israel offiziell nie beendet hat, es galt als bedingungsloser Verbündeter der palästinensischen Sache. Die Hamas im Gazastreifen und die Hizbollah im Libanon werden von Damaskus aus gesteuert. Erst vor wenigen Wochen wurden an der Golangrenze zwischen Israel und Syrien mehrere palästinensische Demonstranten, die mit syrischer Unterstützung dorthin gebracht worden waren, von israelischer Grenzpolizei erschossen. Damals hatte Assad selbst noch den UN-Sicherheitsrat angerufen. Jetzt verweigert er bereits seit Wochen Kontaktversuche des UN-Generalsekretärs Ban Ki-Moon.

Wenn Assad jetzt nach der Bombardierung eines palästinensischen Flüchtlingslagers durch seine Armee die Unterstützung der Palästinenser verliert, wird es einsam um ihn werden. Dann bleiben ihm nur noch die iranischen Mullahs, die bereits über langjährige Erfahrung im Niederschlagen von Bürgeraufständen verfügen. Dank der Unterstützung aus dem Iran wird sich Assad wohl noch längere Zeit an der Macht halten können. Doch anders als die iranische Opposition, die vom Ausland im Stich gelassen wurde, verfügt die syrische Opposition über starke Verbündete im Ausland, die es ihr erlauben, durch Massenproteste noch lange den Druck gegen das Regime aufrechtzuerhalten und ihn sogar noch zu erhöhen. Bodo Bost


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