© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 35-11 vom 03. September 2011

Moskau stabilisiert Pjönjang
Pragmatische Gas-Verhandlungen mit Nordkorea

Die Aufwartung, die Russland dem nordkoreanischen Diktator machte, ging über das Maß üblicher diplomatischer Gepflogenheiten weit hinaus. Von Präsident Medwedjew eingeladen, konnte Kim Jong Il bei seinem fünftägigen Russland-Besuch in der sibirischen Provinz Burjatien eine Bootsfahrt auf dem Baikalsee unternehmen, in einem speziell hergerichteten Becken mit geheiztem Baikalwasser planschen und in Ulan-Ude einem Opernkonzert lauschen. Vor dem gigantischen Leninkopf in Burjatiens Hauptstadt ließ er Halt machen, stieg aus und verbeugte sich. Er besichtigte eine Hubschrauberfabrik und besuchte den Hypermarkt „Megatitan“. Ob der so absonderliche wie bestialisch grausame Alleinherrscher dort all die Waren einkaufte, die in seinem Hunger-Reich nicht zu bekommen sind, wurde nicht mitgeteilt. Der so Geehrte dürfte sich von dem großen Bahnhof, den sein gepanzerter Sonderzug erhielt, wohl ähnlich gebauchpinselt fühlen wie sein Bruder im Geiste Erich Ho­necker bei dessen Empfang durch Bundeskanzler Kohl 1987.

Die Gespräche auf dem Gipfeltreffen in der geschlossenen Militärsiedlung Sosnowyj Bor unweit Ulan-Ude am Mittwoch der Vorwoche hätten „alle wichtigen Fragen berührt“ und seien „offen verlaufen“, ließ die russische Seite im Anschluss mitteilen. Von der Erörterung menschenrechtlicher Probleme in Nordkorea wurde gänzlich abgesehen. Der letzte Staatsbesuch des 69-jährigen Altstalinisten ist neun Jahre her.

Die Einladung an Kim Jong Il, das gefällige Entgegenkommen: Darin sehen Beobachter einen weiteren Schritt in der Strategie Mos­kaus, das verarmte, aber gefährliche Land – Nordkorea hatte sich 2005 zur Nuklearwaffenmacht erklärt und in der Folge Atomtests durchgeführt, im letzten Jahr versenkte das Militär ein südkoreanisches Kriegsschiff – durch gemeinsame Wirtschaftsprojekte enger an sich zu binden und so langfristig kooperativer zu machen.

Mit seinen ambitionierten Plänen auf der koreanischen Halbinsel ist Russland nun ein gutes Stück vorangekommen: Medwedjew vereinbarte mit seinem Gast den Bau einer 1100 Kilometer langen Gasleitung über Nordkorea, die ab 2017 zehn Milliarden Kubikmeter Erdgas im Jahr nach Südkorea leiten soll. Eine trilaterale Kommission soll die Details erarbeiten. Bereits vor zwei Jahren unterzeichnete der russische Gasmonopolist Gazprom mit der südkoreanischen Kogas einen Vertrag über das Projekt. Nach inoffiziellen Informationen wird Nordkorea an dem Transit über sein Territorium 100 Millionen US-Dollar jährlich verdienen. Für das kommunistische Land, dessen gesamte jährliche Wirtschaftsleistung nach Schätzungen bloß 40 Milliarden US-Dollar beträgt, eine erkleckliche Einnahme. Auch die Verhandlungen über die Tilgung der nordkoreanischen Altschulden gegenüber der Sowjet­union sind wieder aufgenommen worden: Russland erwartet von Nordkorea die Anerkennung als Rechtsnachfolger der UdSSR.

Weiter sind russische Unternehmen an Geschäften in Nordkorea interessiert. Die Firmengruppe Trest engagiert sich in mehreren Joint Ventures und modernisiert gegenwärtig eine Raffinerie und ein Stahlkombinat. Ähnlich wie China arbeitet Russland gänzlich pragmatisch mit dem Schmuddelkind an seiner äußersten Nordostgrenze zusammen. Pjönjang wirtschaftlich zu stabilisieren ist aus Moskauer Perspektive verständlich: Der Status quo ist strategisch allemal günstiger als ein wiedervereinigtes Korea unter US-Einfluss. Christian Rudolf


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