© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 35-11 vom 03. September 2011

»Sagen Sie jetzt nichts ...«
Mit Loriot starb ein großer Humorist – Er vereinte Ost und West mit einem Schmunzeln

Als der berühmte Humorist und Cartoonzeichner Loriot am 22. August zurückgezogen am Starnberger See starb, ging kein öffentlicher Aufschrei durchs Land. Man hatte ja irgendwie damit gerechnet. Die Nation trauert vielmehr − wie ansonsten unüblich − mit einem Schmunzeln um einen lieb gewonnenen, großen Zeitgenossen, wohl wissend, dass der Mensch Loriot zwar gestorben ist, seine Kult gewordenen Sketche und Filme aber unsterblich sind.

Welche Bedeutung Loriot für Deutschland hatte, beweist die Flut an Nachrufen in Zeitungen und Zeitschriften, die Wiederholungen seiner Sketche und Filme im Fernsehen. Der vielleicht größte deutsche Schöpfer der Komik hat die Bühne des Lebens verlassen. Loriot wird nicht nur von seiner eigenen, sondern auch von der Enkel- und Urenkelgeneration verehrt. Ob auf Hochzeiten, Familienfeiern oder sonstigen Festen, überall wetteifern seine Fans, wer die legendären Loriot-Figuren am besten nachspielen kann. Zu den beliebtesten Sketchen und viel zitierten Sprüchen gehört der mit der Nudel („Sagen Sie jetzt nichts, Hildegard“) oder Frau Hoppenstedts Jodel-Diplom, das ihr Gatte begrüßt („Dann hat sie was Eigenes“). Nach seinem Lieblingssketch befragt, soll Loriot einmal gesagt haben, es sei das Frühstücksei, das die Frau viereinhalb Minuten lang für ihren Mann kochen sollte, es aber „nach Gefühl“ kocht.

Es gibt kaum jemanden, der Loriot nicht komisch findet. Das Geheimnis seiner Komik liegt darin, dass er nichts anderes tat, als die Menschen in Alltagssituationen zu beobachten. „Kommunikationsgestörte interessieren mich am allermeisten. Alles, was ich als komisch empfinde, entsteht aus der zerbröselten Kommunikation, aus dem Auseinanderreden.“ Jede Floskel, jede Geste, jedes Wort studierte er peinlichst genau ein. Es ist letztendlich das Festhalten an der Würde selbst in widrigen Situationen, das seine Charaktere unweigerlich scheitern lässt und das so komisch wirkt. Gerade weil jedes Wort und jede Pointe genau einstudiert waren, wurden Loriots Sketche Kult.

Loriot, der bürgerlich Bernhard Victor Christoph-Carl von Bülow, oder kurz Vicco von Bülow hieß, erblickte am 12. November 1923 in Brandenburg an der Havel als Sohn eines alten preußischen Adelsgeschlechts aus dem Dorf Bülow bei Rehna in Mecklenburg-Vorpommern das Licht der Welt. Wie es die Familientradition verlangte, strebte er eine Offizierslaufbahn an. Mit 17 legte er das Notabitur ab und zog dann in den Krieg, um drei Jahre lang an der Ostfront zu kämpfen. Er brachte es zum Oberleutnant und erhielt das Eiserne Kreuz erster und zweiter Klasse.

Dass aus einem preußischen Adelsspross einer der größten deutschen Komiker werden konnte, scheint viele der politischen Korrektheit verschriebenen Blätter zu irritieren. So spricht die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ davon, dass Loriot zwar aus einer preußischen Offiziersfamilie stamme, er „aber weder zackig noch elitär, sondern freundlich, distinguiert und mit hintersinnigem Humor“ war. Zwar ein Kritiker der Gesellschaft, aber ein Menschenfreund. Die linke „taz“ formuliert noch drastischer, indem sie vermutet, die Deutschen hätten, wenn sie über Loriot lachten, erleichtert darüber gelacht, dass sie es mit einem „widersinnig sympathischen Preußen“ zu tun hatten. Vielleicht waren aber gerade die bei von Bülow stark ausgeprägten preußischen Tugenden der Schlüssel zum Erfolg. Der Literaturkritiker Hellmuth Karasek schreibt, dass Loriot alles missbilligte, was seinen Sinn für Akkuratesse, ja gar für Pedanterie störte. Loriot sei ein Glücksvogel der Deutschen, dem es gelang, inmitten der Adenauer-Republik einen deutschen Unglücksraben zu zeichnen. „Loriots Spießer waren liebenswürdig und entsetzlich zugleich.“ Vicco von Bülow war ein Verwandlungskünstler. Er mimte in den schrägsten Verkleidungen sowohl den Intellektuellen wie auch den Spießer. Keiner wurde verschont.

Allerdings hätte Loriot wohl nur halb so viel Erfolg gehabt, wäre da nicht Evelyn Hamann gewesen, die seit 1976 gemeinsam mit ihm auftrat. Eigentlich suchte Loriot eine „blonde, pummelige Hausfrau“. Hamann, die schlank und brünett war, überzeugte ihn jedoch so sehr, dass Loriot entschied: „Gut, dann eben nicht pummelig.“ Mit unbewegter Miene und trockenem hanseatischen Humor schrieb Hamann Fernsehgeschichte. Sie setzte, wie Loriot selbst, auf exakte Einsätze, Mimiken und körperliche Gesten. „Die Inszenierung von Humor erfordert Strenge, Kunstfertigkeit und Disziplin.“ Geduldig ertrug sie es, wenn der Meister sie eine Szene 34-mal drehen ließ, bis die richtige Einstellung im Kasten war. Neben zahlreichen Sketchen spielte sie neben Vicco von Bülow 1988 und 1991 die weibliche Hauptrolle in den Filmen „Ödipussi“ und „Pappa ante Portas“. Am 19. September will Loriots Geburtsstadt Brandenburg an der Havel öffentlich Abschied von ihrem wahrscheinlich größten Sohn nehmen. Bereits zu seinem 85. Geburtstag hatte ihm die Stadt die Renovierung seiner Taufkirche geschenkt, was ihn damals sehr rührte. Dank seines Humors hat Loriot die Deutschen in Ost und West weit mehr vereint, als jegliches politische Bekenntnis es vermögen könnte. Manuela Rosenthal-Kappi


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