© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 35-11 vom 03. September 2011

Schulden mit Schulden besichern
Europäische Zentralbank wandelt auf den Spuren des Finanzjongleurs in Frankreichs Diensten John Law

Dass aus der Geschichte gelernt wird, ist leider allzu oft nur ein Trugschluss. Schaut man auf die Euro-Rettung der Gegenwart fragt man sich, wer auf die Idee gekommen ist, Bürgschaften verschuldeter Euro-Länder als „Sicherheit“ auszugeben. Aber ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass es durchaus nicht ungewöhnlich ist, Schulden mit Schulden zu besichern.

Der Schotte John Law ist wohl eines der schillerndsten Beispiele für spektakuläre Finanzkonstrukte. Bis heute ist ungeklärt, ob er eher Finanzgenie oder Spieler war, denn es gilt als unbewiesen, ob sein Versuch, Schulden mit Schulden zu begleichen, nicht gut gegangen wäre, wenn die von ihm als Direktor zu einer kurzzeitigen Blüte geführte Mississippi-Kompanie in der französischen Kolonie Louisiana tatsächlich Gold gefunden hätte. Allerdings waren die Voraussetzungen hierfür von Beginn an schlecht, denn das Geld, das er durch Ausgabe der Aktien der Mississippi-Kompanie einnahm, floss statt in die Erschließung der Kolonie in den überschuldeten französischen Staatshaushalt. Also doch bloß ein kurzzeitig zu Ruhm und Anerkennung gelangter Spieler?

Jedenfalls begann die Karriere des 1671 geborenen Sohnes des Innungsmeisters der Goldschmiede von Edinburgh und Geldverleihers William Law auf diese Weise. Nach dem frühen Tod des Vaters 1688 machte sich der junge Mann auf nach London, um dort Bankier zu werden. Er lernte fleißig und wendete die verschiedenen Finanztheorien und Erkenntnisse über Wahrscheinlichkeiten in der Praxis beim Glücksspiel an, wobei er leider früh feststellen musste, dass Theorie und Praxis nicht immer übereinstimmen. Schnell hatte er seinen Erbteil verspielt und da er bei einem Duell auch noch seinen Kontrahenten getötet hatte, musste er schnellstens das Land verlassen. In Amsterdam mischte er sich unter die dortigen Händler und stellte schnell fest, dass der Handel durch die begrenzte Menge an Münzgeld, sprich Gold und Silber, künstlich eingeschränkt wurde. Also schlug er vor eine Bank zu gründen, die mit Edelmetallen, aber auch mit Land besicherte Banknoten ausgibt. Die nüchternen Amsterdamer Handelsherren konnten mit dem aus ihrer Sicht wenig seriösen Law nicht viel anfangen und wiesen ihm die Tür. In Frankreich beim durch zahlreiche Kriege unter anderem mit Großbritannien und durch teure Hofhaltung massiv überschuldeten Ludwig XIV. hoffte Law, mehr Glück zu haben, doch dem Sonnenkönig war Law vor allem suspekt, weil er kein Katholik war. Ludwig XIV. verringerte lieber weiter den Edelmetallwert in seinen Münzen als sich auf ein Finanz­abenteuer mit einem Briten einzulassen. Law reiste daraufhin durch Europa und wurde immer sicherer im Spiel und „erarbeitete“ sich auf diese Weise ein Vermögen, während er nebenbei seine Finanztheorien publizierte.

Als der Sonnenkönig 1715 starb, hinterließ er einen Schuldenberg, bei dem allein die Zinszahlungen mehr als halb so hoch waren wie die Gesamtsteuereinnahmen. Der Herzog von Orléans, der zu diesem Zeitpunkt die Regentschaft für den noch unmündigen Ludwig XV. ausübte, hatte deshalb für jeden, der ihm vorschlug, wie Frankreich wieder zu Geld kommen könnte, ein offenes Ohr. Und im Grunde hörte es sich doch gar nicht so windig an, mit Edelmetall und Land besicherte Banknoten herauszugeben. Und da Law auch anbot, Staatsanleihen gegen Banknoten umzutauschen, erhielt er 1716 die Erlaubnis zur Gründung der Banque Générale. 1718 kaufte der Staat die gut laufende Bank auf und nannte sie fortan Bank Royale, deren Führung Law innehatte. Und auch die Leitung der Handelsgesellschaft Compagnie d’Occident, der Mississippi-Kompanie, wurde ihm angetragen. Und Law hatte die Idee, dass der Staat Aktien für die mit zahlreichen Monopolen sowie Aussicht auf Gold und Geld ausgestattete Mississippi-Kompanie herausgibt, um so Geld hereinzubekommen, um zumindest seinen Staatshaushalt am Laufen zu halten. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten – irgendwie wollten die vermögenden, zumeist adligen Franzosen ihr Geld nicht in eine Region investieren, in der nur etwa 500 Landsleute und einige Indianer lebten – zündete der Funke dann doch. Der Kurs einer Aktie stieg zeitweise um 4000 Prozent. Law druckte immer mehr Papiergeld, das mit Versprechen auf Louisianas goldene Zukunft „besichert“ war. Viel billiges Geld sorgte allerdings für Inflation. Und dann wollten auch immer mehr Anleger Kasse machen und verkauften ihre Aktien zu einem Zeitpunkt, als langsam klar wurde, dass Louisiana gar nicht das Schlaraffenland war, als dass Law es darstellte. Die Kurse und das Vertrauen in die Banknoten brachen ein. Der Herzog von Orléans musste den Kritikern Laws endlich nachgeben und entließ ihn 1720 aus all seinen Ämtern. Die französischen Staatsfinanzen galten also offiziell wieder als zerrüttet, nur dass inzwischen viele vormals vermögende Franzosen ihr Vermögen verloren hatten und zumindest kurzfristig den Staatshaushalt mit ihrer von Law entfachten Gier finanziert hatten. Zudem war die Idee des Papiergeldes erst einmal weltweit in Verruf geraten.

Im Gegensatz zu den Euro-Rettern der Gegenwart konnte Law allerdings nicht auf eine gute Pension setzen und verstarb 1729 verarmt in Venedig. Rebecca Bellano


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