© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 35-11 vom 03. September 2011

Leserforum

Entlastendes würde das heutige politische Gebäude zerstören

Zu: „Verlag zieht Miegel-Buch zu-rück“ (Nr. 32)

Nachdem im Frühjahr 2011 der Name Agnes Miegel aus dem Straßenverzeichnis von Celle gelöscht wurde, fragte ich bei der Stadt nach der Berücksichtigung des Entnazifizierungsbeschlusses nach.

In der Antwort des SPD-Oberbürgermeisters Dirk-Ulrich Mende lautet der Kernsatz: „Auch in den Fällen, in denen ein sogenanntes Entnazifizierungsverfahren durchgeführt wurde mit dem Ergebnis, dass Personen aus der damaligen Zeit als ,entlastet‘ galten, sind nach den heute anzulegenden Maßstäben für die Vorbildeigenschaft im Zusammenhang mit einem demokratischen Rechtsstaat womöglich höhere Anforderungen zu stellen.“

Inzwischen las ich die Jahresgabe 2011/12 der Agnes-Miegel-Ge-sellschaft, die für den Handel verboten wurde.

Der Grund soll der Schriftsteller Hans Grimm (dort S. 40) gewesen sein, der selber keiner Partei angehörte und daher nicht vom Entnazifizierungsverfahren betroffen war. Unaufgefordert gab er am 3. Januar 1949 ein eigenes Votum ab.

Nicht Hans Grimm persönlich scheint das „Übel“ zu sein, son-dern sein Entlastungsschreiben über Agnes Miegel. Das Verbot passt genau zu der Erklärung des Celler Oberbürgermeisters. Bezeichnet man Miegel als Anbeterin Hitlers, ist einem die Anerkennung sicher. Entlastungen, wie hier im Buch zu lesen, würden das heutige politische Gebäude zerstören.

Es ist nun mal eine Tatsache, dass kein Mensch 1964 die politische Ansicht im Jahre 2010 beurteilen konnte, zumal er sich 47 Jahre nach seinem Tod nicht selbst persönlich vom NS-Re­gime distanzieren kann. Was geschieht also mit Willy Brandt, der 1961 als Regierender Bürgermeister von Berlin die hoch geehrte Dichterin in Bad Nenndorf besuchte?

Die Geschichte wurde einfach umgebaut, und nicht nur die hochgelobte Meinungsfreiheit zugunsten einer versteckten Diktatur eingeschränkt, sondern damit auch ein Stück deutscher Kulturgeschichte vernichtet – ein gutes Verfahren, um Mehrheiten zu „züchten“, die dann in die sogenannte Demokratie eingeordnet werden können.

Aber: Demokratie kann man nicht nur leben, lieben und verteidigen, Demokratie muss man auch ertragen können, und das muss wohl erst von der politischen Meinungsbildung gelernt werden.

Elisabeth Krahn, Celle

 

 

West-Vertriebene

Zu: PAZ – Lob und Kritik

Als jahrelanger treuer Leser Ihrer Zeitung erlaube ich mir ein Lob und eine Kritik. Zuerst das Lob: Ihre Zeitung ist die beste in ganz Deutschland! Sie klärt von anderer Seite auf, sie packt Themen an, die die anderen Zeitungen nicht erwähnen, sie schreibt über viele geschichtliche Ereignisse, die sonst der Vergessenheit anheimfallen würden. Ihre Zeitung ziehe ich der „Welt“ und dem „Spiegel“ vor. Aber, glauben Sie mir, Ihre Zeitung ist in Frankreich sehr schwer zu bekommen.

Zweitens die Kritik: Nie habe ich bisher in Ihrer Zeitung – ich habe Hunderte gelesen – etwas gefunden über die Vertriebenen der deutschen Westgebiete, besonders über das Schicksal der deutschen Elsass-Lothringer. Habe ich das überlesen? In alter Verbundenheit!

Dr. H. v. Brühl-Rauls, Merlimont, Frankreich

 

 

Nicht geschatzt

Zu: „Tottenham war nicht der Anfang“ (Nr. 33)

Anders als Ihr Autor meint, ist in London gewiss niemand „brandschatzend“ umhergezogen. Eine „Brandschatzung“ ist das durch Drohung mit Plünderung und Zerstörung bewirkte Erpressen einer Geldabgabe; bis ins 19. Jahrhundert eine gebräuchliche Form der Kriegführung. „Schatzung“ ist der altertümliche Ausdruck für Besteuerung; denken Sie an den „Schatzkanzler“ in England und an Luthers Übersetzung der Weih­nachts­geschichte, dass „alle Welt geschätzet werde“.

Zu einer letzten Brandschatzung kam es im Juli 1866, als Preußens General von Manteuffel die bislang Freie Stadt Frankfurt mit Beschießung und Plünderung bedrohte, um die Zahlung von 25 Millionen Gulden sowie die Lieferung von 60000 Paar Schuhen zu erzwingen.

Carz Hummel, Wedemark

 

 

Im Atlantikhotel

Zu: „Einzigartige Unikate“ (Nr. 29)

Zur Cadiner Baukeramikausstellung: Hamburger oder Gäste der Hansestadt können Cadiner Schmuckkacheln auch im Elbtunnel bewundern, dazu Kaiser Wilhelm II. in Marineuniform auf Cadiner Fliesen in der Eingangshalle seines gern besuchten Hotels Atlantik.

Die Engländer hatten 1945 das Fliesenbild übermalt und erst in den 80er Jahren wurde es freige-legt. Vor Jahren hatten wir das „Wohnen übers Wochenende“ gewonnen, weil ich wusste, wer auf den Fliesen dargestellt ist. Wir konnten eine Suite beziehen und man zeigte uns viele Zimmer im Hotel, die alle verschieden eingerichtet waren. Die alten großen Kleiderschränke aus Kaiserzeiten stehen in den Fluren – und Udo Lindenberg wohnt für immer und ewig im Hotel.

Ilsegret Böhm, Hamburg

 

 

Lasche Gesetzgebung

Zu: „Kaltblütig“ (Nr. 30)

Meines Erachtens hat der Massenmörder Anders Behring Breivik bei seinen abscheulichen Taten sowie bei seinem Sich-Festnehmen-Lassen, statt sich die Kugel zu geben, die lasche Gesetzgebung des norwegischen Staates einkalkuliert. (Eine Gesetzgebung, die der unseren sehr ähnlich ist!) Wie ich der Bericht­erstattung entnehmen konnte, kann das Monster als „Höchst“-Strafe nur zu 21 Jahren Haft verurteilt werden; bei einer Anklage wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit höchstens zu 30 Jahren. (Das ist zwar etwas mehr als das lächerliche Strafmaß, das bei uns zu „Lebenslänglich“ verurteilte Mörder beziehungsweise Mehrfachmörder mit „besonderer Schwere der Schuld“ abzusitzen brauchen. Die andere Mörderkategorie kommt ja in der Regel sogar nach 15 Jahren frei.)

Breiviks Kalkulation: Mit 53 oder 62 Jahren wieder frei! Und dann, da Norweger die höchste Lebenserwartung besitzen, lässt es sich noch 30 bis 35 Jahre als ehemaliger Massenmörder gut leben und den alten – oder dann neuen – Hass- und Mordideolo-gien frönen. Man kann nur hoffen – da betagte Mörder in unseren täterfreundlichen Demokratien ja gern für verhandlungs- und/oder haftunfähig erklärt werden –, dass Breivik dann nicht nochmals zu Sprengmitteln und Waffen greift, weil er danach ja gar keine Sanktionen zu befürchten hätte.

Es sollte übrigens ein Grund zum Nachdenken sein, warum –jedenfalls im privaten Bereich – nur Demokratien oder jene, die sich dafür halten, solche Schwerstverbrecher hervorbringen. Ich bleibe dabei: Bei einer stringenteren Gesetzgebung – etwa lebenslänglich ohne Begnadigungsmöglichkeit – hätte Breivik diesen Massenmord nicht begangen.

Und dem abgedroschenen Argument, in den USA mit wirklichem Lebenslänglich oder Todesstrafe gäbe es trotz dessen Mörder und Massenmörder, kann ich nur entgegenhalten: Ohne diese Konsequenz – eine harte Gesetzgebung – gäbe es noch weit mehr Täter in den USA!

Was ist bloß aus dem Norwegen geworden, das nach 1945 gegen NS-Verbrecher mehr Todesurteile verhängt hat als der Nürnberger Gerichtshof (30 zu 12) und 20120 Kollaborateure für lange Zeit ins Gefängnis gesteckt hat?

Und was das liberale – sprich täterfreundliche – Europa generell betrifft:

Ein Europa, das bei Massenmord zu keiner anderen Reaktion fähig ist, als den Massenmörder in einer komfortablen „U-Haft“ unterzubringen, in der er mit „Herr“ angeredet wird, ein wöchentliches Taschengeld erhält und später in einer Haftanstalt eingesperrt wird, in der er heiraten, bei Bedarf den Staat verklagen und der Mätzchen mehr darf und bei erheuchelter „guter Führung“ nach 20 bis 30 Jahren wieder frei kommt und das Leben, das er seinen vielen Opfern auf brutalste Weise genommen hat, wieder genießen darf, ein solches Europa ist – früher oder später – dem Untergang geweiht. (Siehe auch Walter Laqueur, „Die letzten Tage von Europa“, List Verlag).

Peter Alexander Hussóck, Berlin

 

 

Giordanos Geschichtsklitterung

Zu: „Keine Geschichte ohne Vorgeschichte“ (Nr. 33)

Dem Gastkommentar des niederländischen Völkerrechtlers Dr. Frans du Buy gebührt in hohem Maße Dank für seine sachlich angemessene Kritik und Richtigstellung an der erneuten heftigen Polemik von Ralph Giordano (Erfinder der „Zweiten Schuld“) gegen die Charta der deutschen Vertriebenen und ihre Verfasser in der „Welt“ vom 4. August.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Herr Giordano mit bemerkenswert verengter historischer Sichtweise, relativierenden Schuld­zuweisungen und moralisierender Unversöhnlichkeit an die Öffentlichkeit wendet. Er wirkt daher mit seiner Behauptung unglaubwürdig, er habe auch über das Schicksal der Vertriebenen einen „Strom von Tränen“ vergossen.

Die von ihm in der Charta vermisste Vorgeschichte der Vertreibung, wie er sie sehen möchte, lässt sich mit einem Mindestmaß an historischer Sachkenntnis hinreichend aufklären: „Die Ursachen der Vertreibungen liegen lange vor dem 1. September 1939 und dem 30. Januar 1933. Zu ihnen gehören auch die eigenständigen Interessen der an der Vertreibung aktiv beteiligten Staaten und Politiker, das machtpolitische Kalkül Stalins, die Absurditäten und Ungerechtigkeiten der Verträge von Versailles, St. Germain und Trianon von 1919 sowie nationalistische und panslawistische Bestrebungen des 19. Jahrhunderts. Die Ursachen der Vertreibung auf die Politik Hitlers zu reduzieren, ist Geschichtsklitterung“, schreibt Alfred de Zayas, amerikanischer Völkerrechtler in seinen „50 Thesen zur Vertreibung“.

Otto Schmidt, Hamburg

 

 

Tolerante Indifferenz

Zu: „Warum Friedrich wirklich ,der Große‘ war“ (Nr. 32)

Der Autor Hans-Jürgen Mahlitz rühmt Friedrichs „Demut vor Gott“ und zitiert aus einem Brief: „Ich demütige mich schweigend vor diesem anbetungswürdigen Wesen.“

In Friedrichs mechanisch-deterministischer Weltsicht war dieses Wesen, die „unendliche Weisheit“, der „Weltenbaumeister“, wie er es auch nannte, allerdings lediglich etikettiert als: „Gott selbst ist das Schicksal“ (an Voltaire, April 1738).

Mit dem christlichen Gott hatte sein „Gott“ also nichts zu tun.

Wenn er, der sich selber als philosophischer „Freischärler“ bezeichnete und sich mit Pierre Bayle einen atheistischen Staat vorstellen konnte, auch „eine Art von Trost in diesem absoluten Schick­sal, in der alles regierenden Notwendigkeit, die unsere Handlungen bestimmt und das Geschick besiegelt“ (an Voltaire, Februar 1738), fand, so öffnete er mit diesem, seinem nach außen in der hochgelobten „Toleranz“ Ausdruck findenden „demütigen“ Agnostizismus (der nichtsdestoweniger das Wesen „Gottes“ als eben „Notwendigkeit“ zu bestimmen weiß) und folglich Indifferentismus der aufklärerischen Zersetzung das Tor, durch welches dem Volk dann später der Trost der Religion entschwinden sollte.

Man muss wohl wie Herr Mahlitz Freimaurer sein, um in Fried­richs Verweigerung vor der christlichen Wahrheit, seiner dekadenten Anti-Metaphysik, diesem zeitgeistigen Mitläufertum, etwas von „Größe“ zu sehen.

Holger Bremhorst, Remscheid

 

 

Vietnam leidet unter den Kriegsfolgen – Ohne Korruption würden ganze Familien verhungern

Zu: „Vom Aufschwung in die Krise“ (Nr. 29)

Großen Dank an Joachim Feyerabend für diesen exzellent recherchierten Artikel über Viet-nam, ja dafür, dass er sich überhaupt dieses Landes angenommen hat, das doch nach über-schwänglichem Gepriesen-Werden als Tigerstaat mit Beginn der Krise für die Publizistik förmlich vom Globus verschwand.

Folgende Ergänzungen mögen die zutreffende Analyse abrunden: In richtiger „Witterung“ haben zahlreiche westliche Firmen unmittelbar vor der Krise in atemberaubendem Tempo das Land verlassen. Fertigungshallen und Hotels wurden einfach abgeschlossen und stehen unbenutzt in der Landschaft. Typisches Globalisierungsverhalten: Vorteile abschöpfen, sofortige Flucht bei Änderung der Voraussetzungen (Heuschrecken anderer Art). Die Industrialisierung wurde binnen weniger Wochen teilweise rück­gängig gemacht. Die Regierung hat das nicht zu verantworten.

Die guten Seiten der französischen Kolonialherrschaft liegen in der Prägung der Städte durch Bauten. Dazu zählt auch Immaterielles: Der französische Konsul spricht – als Folge langjähriger Anwesenheit – perfekt vietnamesisch, diese schwierige Sprache in neun Tönen, und ist absolut Sympathieträger. Die Besetzung des deutschen Konsulats wechselt rasant, was dazu führt, dass sie aus vietnamesischer Sicht ziemlich wenig beeindruckt (diszipliniert formuliert). Ihr Schalterbetrieb, die Unsichtbarkeit des Personals tun ein Übriges.

Die Tourismus-Industrie wächst. Es sei aber hinzugefügt: Touristen sind in der Bevölkerung eines Landes ohne Versicherungen, in dem jeder für jeden selbstverständlich einsteht, herzlich unbeliebt, da sie als unaufhörlich Rechnende (Dong, Dollar, Währungen der Herkunftsländer) auffallen und nicht großzügig sind. Das geht so weit, dass Restaurants außerhalb der Tourismus-Routen auf keinen Fall Touristen als Gäste haben möchten, da sonst die einheimischen Stammgäste ausbleiben.

Die Regierung hat viele richtige Entscheidungen zügig getroffen und umgesetzt, ein Vorteil des politischen Systems. Eine Entscheidung allerdings – ich kann sie nicht bewerten – hatte landesweit und sofort drastische Folgen: Ende März die Heraufsetzung des Ölpreises über Nacht um 35 Prozent. Bei einem Land von etwa 1650 Kilometern Ausdehnung und entsprechenden Transportwegen führte das zu Preissprüngen auf allen Sektoren.

Das vom Autor angesprochene Problem nicht ausreichender Elektrizität führt dazu, dass sich ausländische Firmen die ausreichende Belieferung mit Strom vertraglich zusichern lassen (müssen) und der eigenen Bevölkerung, auch der Wirtschaft, der Strom zeitweise abgeschaltet werden muss.

Im Übrigen leidet das Land heute noch durch das im Krieg von den Amerikanern massenhaft eingesetzte Entlaubungsgift und durch im Land herumliegende amerikanische Bomben. Stößt ein Bauer auf eine Bombe, preist er sich glücklich und holt zwei Helfer, einen mit einer Metallsäge und einen mit einer Gießkanne. Dann wird die Bombe unter Feuchtigkeit zersägt und bei Notlage in Teilen verkauft. Ich weiß von einem nicht seltenen Fall der Explosion: ein Toter, einer mit ab-gerissenem Bein. Die Familie musste über Nacht ein Haus verkaufen, um die Versorgung des Stumpfes bezahlen zu können. Über Nacht musste der Mieter ausziehen.

Korruption und Vetternwirtschaft mögen aus westlicher Sicht zu beklagen sein und ein Hemmnis für die Wirtschaft, sind aber ein Thema für sich. Nur so viel: Ohne Korruption würden ganze Familien verhungern. Sie gehört zum notwendigen Einkommen wie bei uns die „Abrundung“ für die Friseuse. Die „Vetternwirtschaft“ ist differenziert zu sehen, großenteils sachlich und kulturell begründet und mental verankert. Was würde noch funktionieren, wenn Korruption und Vetternwirtschaft nicht wären! Schon im „Fall Siemens“ beruhte die westliche Entrüstung und Ahndung auf erschreckender Ahnungslosigkeit und Hybris. Ganze Erdteile leben so, vielleicht seit Jahrtausenden.

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