© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 35-11 vom 03. September 2011

Die ostpreußische Familie
Leser helfen Lesern
von Ruth Geede

Lewe Landslied,
liebe Familienfreunde,

heute wollen wir in meine Heimatstadt Königsberg zurückkehren, denn es kamen sehr viele Anfragen, die unsere ostpreußische Metropole betrafen. Und es gibt sogar eine Duplizität der Fälle, obgleich sie von gänzlich verschiedenen Seiten kommen – einmal von deutscher, dann von russischer –, aber bei beiden Anfragen geht es um ehemalige Bauten, zu denen die Anfragenden eine besondere Bindung haben. Im Falle von Herrn Marcus Grießhaber aus Frankfurt geht es sogar um eine Verbindung, eine studentische, nämlich um das Corps Hansea Königsberg. Er selber gehört dem Corps Nassovia in Würzburg wie dem Corps Hasso-Nassovia in Marburg an, das bis 1945 mit dem Königsberger Corps Hansea befreundet war. Da Herrn Grießhaber die Geschichte der Königsberger Verbindung interessiert, hat er Recherchen angestellt und ist dabei auf ein Bild des ehemaligen Corpshauses gestoßen, das in der Händelstraße stand. Es wurde im Jahr 1928 aufgenommen, der Fotograf stand in der Händelstraße mit Blickrichtung Jensenstraße / Ostmesse. Dass Herr Grießhaber das Bild so genau einordnen kann, liegt daran, dass er selber bereits zum dritten Mal in Königsberg war, motiviert durch einen sehr regen jungen russischen Corpsbruder. Auf seiner letzten Reise Anfang August hat er nun versucht, der noch spürbaren Geschichte des Verbindungshauses nachzugehen, und ist da sehr akribisch vorgegangen. Herr Grießhaber schreibt:

„Ich habe mich, bewaffnet mit einem Aktenordner mit den Bildern des Hauses, einem alten Stadtplan von Königsberg und meiner Digitalkamera, in die Händelstraße begeben, um vor Ort nachzuforschen, ob das Haus noch steht beziehungsweise was daraus geworden ist. Ich habe zig Bilder gemacht, eines auch von der Stelle aus, wo damals der Fotograf gestanden haben muss. Das Haus steht leider nicht mehr, jedoch ist der Zaun noch weitgehend vorhanden. Auch habe ich eine Treppe entdeckt, die meines Erachtens der Eingang war. Ich konnte rötliche Steine entdecken, die für den nördlichen Häuserbau und vermutlich auch in Königsberg typisch sind. Allerdings liegt diese Treppe in Richtung Jensenstraße, weshalb ich mich frage, warum die Adresse Händelstraße ist. Auf der Zaunseite entlang der Jensenstraße sind Wappen enthalten, die eindeutig für ein Verbindungshaus sprechen und so im Russischen nicht vorkommen. Es sind neun Wappen, genau die Zahl der Freundschaftsverhältnisse, die Hansea im Jahr 1928 hatte, was als ein weiteres Indiz für die Authentizität des Zaunes gelten mag. Wie der Knick des Zaunes entlang der Händelstraße und die Pfeiler, die sehr verrottet aussehen.“

Im Vergleich mit dem alten Foto stehen noch mehr Pfeiler, auch einer der Bäume ist noch vorhanden. Die Straßenverläufe und der Grüngürtel sind noch wie damals. Leider besitzt Herr Grießhaber keine Aufnahme des Hauses von der Jensenstraße, wo sich offenbar der Eingang befand. Deshalb ist nun unsere Leserschaft gefragt. Wer kann etwas über das 1877 gegründete Corps Hansea sagen, dessen Farben Gold-Weiß-Rot waren? Besitzt jemand noch alte Fotos von dem Verbindungshaus Händelstraße Nr. 12 und weiß etwas über seine Geschichte zu berichten? Herr Grießhaber ist an jedem Detail interessiert. Allerdings meint er, dass sich wohl keiner der ehemaligen Königsberger Hanseaten melden würde. Ein 100-jähriger Burschenschafter, den er vor zwei Jahren befragte, konnte sich nicht mehr an das Haus erinnern. Na, warten wir mal ab! (Marcus Grießhaber, Brendelstraße 2, 60488 Frankfurt am Main, E-Mail: m_griesshaber@hotmail.com)

Und nun zu dem anderen Königsberger Haus, das im Gegensatz zu unserem ersten Fall noch steht, wenn auch in gänzlich veränderter Form. In dieser modernisierten Doppelvilla besitzt heute ein Russe, der seit drei Jahren in der Bundesrepublik Deutschland lebt, eine kleine Wohnung. Herr Pavel Floss aus Wülfrath hat sich nun an uns gewandt, weil er die deutsche Familie sucht, die früher in dem Haus Körteallee 35 gewohnt hat. Es handelt sich um die „Doppelvilla Dorsch“, die den Namen ihres letzten Eigentümers trägt, des Kaufmanns John Dorsch, der auch im Parterre der großräumigen Doppelvilla wohnte. Er ist im Königsberger Einwohnerbuch von 1941 eingetragen wie auch der Bewohner der ersten Etage, der Tiefbauingenieur Kurt Behrendt. Als die große Villa 1906 erbaut wurde, waren die Erstbewohner Professor Dr. med. Henke und der Prokurist Schlegelberger. Das im Jugendstil erbaute Haus gehörte zu der „Villenkolonie Amalienau“, einem groß angelegten Projekt der 1898 gegründeten „Königsberger Immobilien- und Baugesellschaft“, deren Mitbegründer, der Baurat und Architekt Fried­rich Heitmann, dem neuen Viertel das unverwechselbare Gesicht gab. Nach seinen Plänen wurden nicht nur Villen und schlossartige Mehrfamilienhäuser gebaut, sondern auch die reizvollen Anlagen mit den idyllischen Zwillingsteichen, Parks und prächtigen Alleen geschaffen. Dieses neue Vorstadtviertel zwischen der Labiauer Bahn und den Mittelhufen zeigte fast geschlossen die Handschrift des berühmten Architekten, dem der Kaiser den Titel „Königlicher Baurat“ verlieh und der sogar vom Papst mit einem hohen Orden ausgezeichnet wurde, denn Heitmann war auch der Schöpfer vieler sakraler Bauten. Wir können uns glücklich schätzen, dass die von ihm gebaute Luisenkirche – als „Königin-Luise-Gedächtniskirche“ 1901 eingeweiht – erhalten blieb wie viele seiner Villen und Landhäuser. Und wir müssen unserem Landsmann Willi Freimann dankbar sein, dass er in seinem Bildband „Königsberg Pr. und seine Vororte“ das Villenviertel Amalienau und dessen Geschichte authentisch dokumentiert hat. So ist in ihm auch das Bild der „Doppelvilla Dorsch“ enthalten – wie sie einmal ausgesehen hat mit ihren Türmchen, Erkern, Giebeln und Gauben. Ja, der Suchwunsch von Herrn Floss hat ein kleines Kapitel Königsberger Stadtgeschichte in unserer Kolumne bewirkt, und so hoffen wir für ihn, dass er eine Nachricht von den ehemaligen Bewohnern des Hauses oder ihren Nachfahren erhält. Er ist an allem interessiert, was die Geschichte Königsbergs betrifft und besitzt bereits viele Bücher. So helfen wir ihm gerne. (Pavel Floss, Havemannstraße 10 in 42489 Wülfrath, Telefon 0151/41285453, E-Mail: pavel floss@gmx.de)

Nach Königsberg führt auch die Anfrage von Frau Renate Bänisch aus Melsungen. Sie kam dort im Juli 1937 zur Welt – nur fünf Monate später verstarb ihre Mutter Anna Claaßen geborene Malinka. Ihr Vater Robert gab das Kind in die Obhut seiner Schwägerin Charlotte Malinka, die mit ihrem Vater Adolf Malinka in der Kleinen Holzstraße 3 wohnte. Sie wurde unterstützt von ihrer Schwester Margarete Kuhlmeier geborene Malinka und deren Mann Fritz. Die Familie war im Fischhandel tätig. Das Ehepaar Kuhlmeier hatte wohl ein Großhandelsunternehmen, denn Frau Bänisch schreibt, dass sie die „Fischverteilung über Königsberg“ gehabt hätten. Sie wohnten in der Nähe der Holzbrücke, dort müss­ten sich wohl auch die Lagerräume befunden haben. Die Malinkas führten ein Fischgeschäft in Königsberg – aber wo? Diese Frage hat Frau Bänisch bewogen, an uns zu schreiben, denn sie hofft, dass sich einige Königsberger noch an ein Fischgeschäft mit diesem Namen erinnern, vielleicht sogar noch Charlotte Malinka gekannt haben. Allerdings dürfte es in den letzten Kriegsmonaten nicht mehr existiert haben, denn die Familie wurde ausgebombt und Charlotte Malinka und ihre Nichte Renate wurden evakuiert. Sie lebten bis zur – vergeblichen – Flucht in einem Dorf in der Nähe des Frischen Haffes. Doch das ist eine andere Geschichte. Eine kleine Frage hängt Frau Bänisch aber noch ihrem kurzen Schreiben an. Sie bezieht sich auf ihren Onkel Reinhold Claaßen aus Königsberg, den Bruder ihres Vaters, der nach dem Krieg in Zerbst wohnte. Da er Kinder hatte, wüsste Frau Bänisch gerne, ob und wo noch Verwandte aus dieser Linie leben. (Renate Bänisch, Obermelsunger Straße 10 in 34212 Melsungen, Telefon 05661/6262.)

Manchmal genügt nur ein Name, den man liest oder hört – und schon wird die Vergangenheit lebendig, selbst wenn 60, 70 Jahre vergangen sind und es in einem anderen Land, ja sogar auf einem fernen Kontinent war, wohin uns die Erinnerung zurückführt. So erging es Frau Jutta M. Nitsch La Pinta in Florida, als sie die PAZ bekam und auf unserer Familienseite von der Dichterin Johanna Ambrosius las. Denn die heute in den USA lebende fast 80-Jährige wurde in Königsberg geboren und hatte den Sohn der Dichterin als Klassenlehrer. Und mit dem Namen kam die Erinnerung an die Schulzeit und an eine ganz besondere Geschichte, die sie für uns aufschrieb. Ich lasse Frau Jutta erzählen:

„In der Zweiten Klasse in der Hippel-Schule hatte ich Herrn Voigt als Klassenlehrer. Ich erinnere mich noch, dass meine Mutter mir hocherfreut erzählte, dass er der Sohn der Dichterin sei. Er war ein strenger und sehr guter Lehrer, der uns das Einmaleins beibrachte. Bis heute brauche ich keine elektronische Hilfe, um Preisvergleiche aufzustellen. Die beiden nächsten Klassen absolvierte ich in einer Schule in der Luisenallee. Ich bin mir nicht sicher, ob sie in einem Waisenhaus untergebracht war und auch Johanna-Ambrosius-Schule hieß. Vielleicht können mir meine lieben Königsberger helfen? Es war eine alte Schule, auch die Lehrer waren alt, die jungen Lehrer waren ja eingezogen. Unsere Klassenlehrerin hieß wohl Fräulein Plochmann. Meine Mutter gab mir immer zwei große Schmalzbrote als Pausenfrühstück mit, die ich hasste. Nun hatte ich beobachtet, wie russische Kriegsgefangene in den Müllkästen unter der Kellertreppe nach Essbarem suchten. Die Bewacher – mit gezogenem Gewehr – sahen zu. Als ich nun einmal zwei Russen vor der Schule die Straße fegen sah, nur bewacht von einem deutschen Straßenfeger ohne Gewehr, dachte ich, dass sie gerne meine Schmalzstullen essen würden. Ich legte die in Pergament gewickelten Brote auf die Schwelle und lief weg. Das ging so zwei Wochen, verstärkt durch zwei Schulfreundinnen, die nun das gleiche taten. Das kam unserer Lehrerin zu Ohren. Vor der ganzen Klasse schimpfte sie uns aus. In der großen Pause am nächsten Tag winkte sie mich heran und sagte: ,Jutta, leg deine Brote weiter hin, aber lass dich von niemandem erwischen.‘ Jetzt musste ich den Vorfall meiner Mutter erzählen, die nun zwei Stullenpakete machte – das größere war für die Russen bestimmt. Ich musste nur nicht erwischt werden. So wartete ich, bis die Russen etwas weiter entfernt fegten, legte das Brotpaket hin und lief hinter einen Baum. Als ich mich umguckte, war das Paket schon verschwunden. Natürlich war der deutsche Straßenfeger mein Helfer, er drehte sich immer weg. Nach einer kleinen Weile fegten die Russen nicht mehr in Schulnähe. Diese Kriegsgefangenen – daran glaube ich fest – haben mich gesegnet, denn wir sind beim Einmarsch der Russen und bis zu unserer heimlichen Flucht im Oktober 1945 heil der Hölle entkommen. Ich habe darüber für eine hiesige deutsche Zeitung geschrieben.“

Nie hätte sich damals wohl die kleine Jutta träumen lassen, dass sie in einer fernen Zukunft in einem fernen Land darüber berichten würde. Wir freuen uns über ihren Brief, den ich hier nur in Auszügen bringen konnte, und ich grüße ganz herzlich unsere Königsbergerin in Florida. (Mrs. Jutta M. Nitsch La Pinta, 1180 W. Baffin Dr., Venice, Fl. 34293 USA, Telefon 941/496/4180.)

Anlass für die Erinnerung an die Dichterin war ein russischer Besucher des Deutschlandtreffens in Erfurt gewesen, der nach ehemaligen Schülern der Johanna-Ambrosius-Schule fragte. Ilya Spesivtsev hatte auch nach mir gefragt, um Aufnahmen für deutschsprachige Sendungen im russischen Rundfunk zu machen. Da ein Treffen nicht zustande kam, wollte er nach Hamburg kommen. Nun teilte er mir mit, dass dieses Anfang September geschieht. Dann weiß ich auch Genaueres über die geplanten Aufnahmen und werde darüber berichten.

Eure Ruth Geede


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