© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 35-11 vom 03. September 2011

Stars und Obdachlose unter Palmen
Ein Blick hinter die Kulissen der Filmstadt – Treffpunkt von Menschen aus aller Welt

Hollywood – größte Film-Metropole der Welt, Heimat der berühmtesten Filme und Filmstars aller Zeiten, Inbegriff von Glanz und Flitter, Ruhm und Reichtum und somit, leicht verrucht, auch „Sin City“ genannt, eine Art Sünden-Babel.

Das ist es, was Millionen von Touristen das ganze Jahr über nach Los Angeles zieht. Dort strömen sie über den Hollywood Boulevard, bleiben staunend und fotografierend vor den asphaltierten Sternen ihrer Leinwandhelden stehen und treffen vor dem berühmten „Grauman’s Theater“ wie „Kodak Theater“ (wo alljährlich der Oscar verliehen wird) die täuschend ähnlichen Darsteller der bekanntesten Film-Figuren. Fotos mit Marilyn Monroe und Michael Jackson können sie nach Hause bringen, mit Dark Vader und Superman, mit Frankenstein, Piraten-Johnny Depp, Iron Man und was das Filmherz noch begehrt. Offene Starline-Busse, vollbesetzt, machen die Runde durch Hollywoods historische Straßen wie auch ins benachbarte Beverly Hills zu den Luxus-Villen der Filmstars. Doch wie ist eigentlich das wirkliche Hollywood, sein Alltag, seine Geschichte, seine Wirklichkeit?

Hollywood begann seine Existenz um 1870 herum als eine florierende landwirtschaftliche Ranch, die sich langsam ausbreitete. Landspekulation führte zu Interesse an dem Gebiet. Ein begüterter Mann namens H. J. Whitley, später der „Vater von Hollywood” genannt, kaufte die Ranch von zwei Quadratkilometern und entwickelte einen Plan für eine eigenständige Gemeinde. Der Grundstücks-Boom in jenen Jahren ließ die Region florieren. Am 1. Februar 1887 wurde offiziell der Grundstein für die Gemeinde Hollywood gelegt. Und 1900 hatte der Ort bereits eine Post, eine eigene Zeitung, ein Hotel und zwei Märkte. Hauptstraße war die Prospekt Avenue, die später zum Hollywood Boulevard wurde.

Der Weg nach Los Angeles (damals ein Ort von 102479 Einwohnern) dauerte zu dieser Zeit zwei Stunden in einer klapperigen Straßenbahn. Doch es ging ständig aufwärts. 1902 wurde bereits das bis heute berühmte Roosevelt Hotel auf dem Hollywood Boulevard gebaut.

Die Film-Produktion, bis dahin eine Domäne von New York, begann 1906 mit einem Kurzfilm. Den ersten kleinen Dokumentarfilm „In Old California“ drehte der legendäre Regisseur D. W. Griffith. Bald darauf ließen sich immer mehr New Yorker Produktionen wegen besserer Bedingungen und strahlender Sonne in Los Angeles nieder. Den ersten richtigen Stummfilm in einem Hollywood-Studio namens „The Squaw Man” drehte der ebenfalls legendäre Cecille B. DeMille 1914. Und bereits 1915 wurde die Mehrzahl amerikanischer Filme in Los Angeles produziert, womit „Hollywood“ zum Inbegriff des Films wurde.

Als Gemeinde wurde Hollywood von Los Angeles einverleibt. Während West-Hollywood (getrennt vom historischen Hollywood), Beverly Hills und Santa Monica selbstständige Gemeinden mit Bürgermeistern innerhalb von Groß-Los Angeles sind, blieb das eigentliche Hollywood bis heute ein Distrikt. Jedoch mit Sonderbedingungen. Seine Grenzen wurden festgelegt, und es hatte von 1980 bis zu seinem Tod 2006 einen „Ehrenbürgermeister“, den beliebten und populären Johnny Grant. Ein Nachfolger wurde jedoch bisher nicht benannt. Johnny Grant „regierte“ über 210000 Einwohner, davon waren fast 50 Prozent im Ausland geboren. Es waren vor allem Latinos (über 35 Prozent), aber auch viele Asiaten und frühere Sowjet-Bürger. Offiziell heißt ein Gebiet von Hollywood „Thai Town“ und eines „Little Armenia“. Überall trifft man auf ehemalige russische Bürger. Die Besitzer von meinem „Hollywood Gym“ sind Georgier, und diverse „meiner“ Boxer Russen. Meine (exzellenten) Optiker sind russische Juden. Viele Namen von Geschäften stehen da in kyrillischen Lettern. Und der eindrucksvolle traditionelle jüdische Fairfax District wirkt wie Klein-Tel Aviv.

Die Welt ist versammelt in Hollywood, und das macht es so unvergleichlich und so liebenswert. Mein Zahnarzt ist Libanese, meine Friseurin Mimi Koreanerin, mein Kosmetik- und Manikür-Salon (wie die meisten) in vietnamesischer Hand.

Der Alltag in Hollywood für seine Bewohner – das sind auch die abgesperrten Straßen und Verkehrsstaus, wenn wieder eine Film-Premiere stattfindet oder ein Film gedreht wird. Das sind die dröhnenden Hubschrauber, die auf der Suche nach Tätern aller Art über der Stadt kreisen. Das sind die Polizeiautos, in denen wieder ein paar verhaftete Drogenabhängige sitzen, und die Sirenen der Feuerwehr sowie der Ambulanzen. Das sind die Obdachlosen, die, oft eher heiter, in der strahlenden Sonne auf der Straße sitzen und alles mit ihrem Papp-Geschirr verschmieren. Das sind die vollen Zitronen- und Apfelsinenbäumchen, die das ganze Jahr über blühenden Büsche in den gepflegten Vorgärten, die Palmen, die den Sunset Boulevard und die anderen Straßen säumen. Das ist vor allem auch der herrliche Run-yon Canyon, ein riesiger einstiger Besitz von Erroll Flynn, der sich in die Berge hinaufzieht, und wo Hollywood seine Hunde ausführt, joggt und spazieren geht. Das sind die eleganten Restaurants am Sunset Strip, die Nachtclubs, die aus dem Boden schießen. Und die schönen, sportlichen Menschen, die zum Neid der blassen New Yorker selbst im Winter ihre gebräunten, muskulösen Gestalten nur mit sparsamster Kleidung bedecken.

Als ich neulich vom Einkaufen kam, fragte mich ein Tourist: „Sind Sie ein Filmstar?“ – „Ja“, sagte ich. „Hier sind alle Filmstars. Es ist doch Hollywood.“

Liselotte Millauer


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