© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 35-11 vom 03. September 2011

Litauer oder Ostpreußen?
Heimatforscher klärt auf

Wer glaubt, dieses Buch nicht kaufen zu müssen, weil es ja „nur“ von Coadjuthen handele, einer Gegend weit ab vom Schuss, viel zu speziell für „normale“ Ost- und Westpreußen, der hat sich getäuscht. Denn der Autor führt den Leser umfassend, aber keinesfalls trocken durch die Geschichte: Er schlägt den Bogen vom prußischen Kampf gegen die Ordensritter, von der Ordenszeit, vom Herzogtum Preußen bis zur Abtrennung des Memelgebietes vom Deutschen Reich. Umfangreiches Karten-, Dokumenten- und Bildmaterial machen das Buch anschaulich und abwechslungsreich.

Ein großes Kapitel befasst sich mit den Preußisch-Litauern, jener baltischen Mischbevölkerung des nördlichen Ostpreußen, welche sich aus Prußen, Kuren, Žemaiten, Letten und Litauern zusammensetzte, jedoch im Volksmund und auch in der Behördensprache stets nur verkürzt „Litauer“ genannt wurde – eine Tatsache, aus der bis heute litauische Nationalisten Honig saugen möchten, indem sie das nördliche Ostpreußen als „urlitauisches“ Gebiet für sich beanspruchen, weil es aus ihrer Sicht nur kurzzeitig „zwangsgermanisiert“ gewesen sei. Das Kapitel über den von nationalistischen Litauern hochverehrten „kleinlitauischen“ deutschen Pfarrer Wilhelm Gaigalat aus Coadjuthen und seinen „Führerbrief“ zeigt beispielhaft die aufgeheizte politische Atmosphäre nach dem Ersten Weltkrieg.

Der Autor räumt aber auch mit anderen Mythen auf, zum Beispiel weist er nach, dass die Salzburger keineswegs einen solch guten Ruf hatten, wie ihnen allgemein nachgesagt wird. Der Thematik entsprechend macht das Kirchspiel Coadjuthen den Hauptteil des Buches aus, ist aber wiederum nicht zu speziell, als dass es nicht für das gesamte Ostpreußen Gültigkeit hätte. In akribischer Arbeit hat Günter Uschtrin wichtige Fakten aus seinem Heimatkirchspiel zusammengetragen. Das Buch schließt mit Dokumenten über Flucht und Vertreibung, mit Erinnerungen und mit einer Einwohnerliste, die es insbesondere für Ahnenforscher wertvoll macht. Zwar ist das Buch mit 39 Euro recht teuer, aber wer sich gründlich auf einen Urlaub in Ostpreußen vorbereiten oder seine Geschichtskenntnisse auffrischen möchte, der hat mit diesem Werk einen guten Griff getan.

Beate Szillis-Kappelhoff

Günter Uschtrin: „Wo liegt Coadjuthen? Die Geschichte eines ostpreußischen Kirchspiels im ehemaligen Memelland“, BWV Berliner Wissenschaftsverlag 2011, Hardcover, 531 Seiten, 39 Euro.


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