© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 35-11 vom 03. September 2011

Jahre voller Entbehrung
Berlin im Krieg

Hin und wieder benötigt man mehr als hundert Worte, um ein Buch zu beschreiben. Wer Barbara Schillings Roman „Meine Berliner Kindheit. Brennholz, Kartoffelschalen und Bomben-nächte“ gelesen hat, weiß, hier reicht eines: „bewegend“. Barbara Schilling berichtet in ihrem Debütroman von der Kindheit ihrer Mutter und Großmutter im Zweiten Weltkrieg und der Nachkriegszeit. Es ist eine Geschichte, geprägt von Entbehrungen und Hunger, aber auch von Hoffnung, von wenigen kostbaren Momenten des Glücks und der Dankbarkeit.

Die Autorin, die bis dato Kurzgeschichten wie „Colombo – Ein Hund für alle ,Felle‘“ geschrieben hat, beweist mit diesem Roman, dass sie nicht nur über Humor und Selbstironie, sondern auch über Empathie und Respekt vor der Vergangenheit ihrer Mutter und Großmutter verfügt. Aus der Sicht ihrer Mutter, die bereits in den Anfängen des Zweiten Weltkrieges geboren wurde, beschreibt sie die Ereignisse der Kriegs- und Nachkriegszeit. Zusammenhänge und Reaktionen, viele Sorgen der Mutter, konnte das Kind von damals nicht nachvollziehen. Die Situationen, in denen selbst die Erwachsenen sich ernsthafte Sorgen machten, stellten für das Kind eine besondere Bedrohung dar. So auch der Tag, an dem der Krieg verloren war und es hieß, die russischen Truppen würden in Berlin Einzug halten.

„Es herrschte nervöse Unruhe wie in einer Bienenwabe. Unter der großen Stadt brodelte in tausend Kellerräumen die Angst der Frauen, der wenigen verbliebenen Männer und der Kinder vor dem unbekannten Sieger ... Der Verstand war in dieser Situation nutzlos, die Angst potenzierte sich in dem engen Kellergewölbe und wuchs von Minute zu Minute. … Die nächsten Tage brachten Chaos: Wohnungstüren wurden eingetreten, es wurde rücksichtslos geplündert, viel war nicht mehr übrig ... Das Haus war offen, man war weder Herr über seine eigenen Räume noch sein Bett, geschweige denn über seinen Körper.“ Letzteres bekam auch Barbara Schillings Großmutter zu spüren. Als alleinstehende junge Frau mit Kind hatte sie den Forderungen der russischen Soldaten wenig entgegenzusetzen.

Der Autorin ist es in ihrem Buch gelungen, die Erinnerungen ihrer Mutter und Großmutter in einen Roman zu verpacken, der unter die Haut geht. Die Verzweiflung der Großmutter, sich selbst und das Kind nicht ernähren zu können, die aufopfernde Mutterliebe, mit der sie ihrem hungrigen Kind das letzte Brot gibt, all das sind Dinge, über die es sich nicht nur für eine Mutter der heutigen Zeit, sondern auch für die jungen Menschen und Teenager nachzudenken lohnt.

Die Berlinerin erzählt eine Geschichte von Leid und Hunger, von Verlust und Enttäuschungen, aber auch von Liebe, von treuer Freundschaft und der Kraft der Hoffnung. Vanessa Ney

Barbara Schilling: „Meine Berliner Kindheit. Brennholz, Kartoffelschalen und Bombennächte“, Roman, Rosenheimer Verlagshaus, Rosenheim 2011, gebunden, 300 Seiten, 9,95 Euro.


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