© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 35-11 vom 03. September 2011

Knast für die Wirtschaft
In der DDR deckten Häftlinge den großen Bedarf an Arbeitskräften

Nahezu von Anfang an war das Arbeitslager ein wichtiger Faktor des Strafvollzugssystems in der Sowjetischen Besatzungszone und dann in der DDR. Nach den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs und den Gräueltaten in den nationalsozialistischen Lagern verlangt diese Tatsache nach einer Erklärung. Der in Erfurt promovierte Historiker Marcus Sonntag hat sich im Rahmen seiner Dissertation mit Haftarbeit und Strafvollzug in der SBZ und der DDR befasst. Erschienen ist die umfangreiche Schrift unter dem Titel „Die Arbeitslager in der DDR“. Nur auf den ersten Blick wird damit ein eher randständiger Bereich in der Geschichte des SED-Staats aufgegriffen, wie sich zeigt. Ohnehin war die „sozialistische Arbeit“ Kernthema beim „Aufbau des Sozialismus“. Der Arbeitseinsatz Strafgefangener wurde in Mitteldeutschland nie in Frage gestellt. Arbeit und vor allem Arbeitsproduktivität waren neben Sicherheit und Erziehung zentrale Vollzugsinhalte. Sowohl kriminelle als auch politische Häftlinge gehörten jeweils zur „Lagergesellschaft“; für Letztere gab es keinen Sonderstrafvollzug. Politische Häftlinge oder zu langjährigen Haftstrafen Verurteilte waren jedoch in der Minderheit. Es geht in dieser Untersuchung also nicht um Gefängnisse wie Bautzen II und andere spezielle Einrichtungen für politische Inhaftierte. Doch auch in den Lagerhaftanstalten wurden beide Häftlingsgruppen keineswegs gleich behandelt. Immer neue Begriffe wurden von den Behörden für diese Einrichtungen verwandt, die als Haftlager, Haftarbeitslager, seit 1963 als Strafvollzugskommandos und ab 1975 als Strafvollzugseinrichtung bezeichnet wurden.

„Allerdings haben wir kein Sibirien. Da müssen solche Leute eben ins Arbeitslager geschickt werden“, äußerte Walter Ulbricht 1961 gegenüber Nikita Chruschtschow. Haftarbeit in der DDR hatte jedoch hauptsächlich wirtschaftliche Gründe, da von Anfang an Arbeitskräfte in Mitteldeutschland fehlten. Frühzeitig war sie als einträgliches Mittel erkannt worden, um den Strafvollzug zu „verbilligen“, und sie war, vielleicht nur aus diesem Grund, keineswegs als Strafverschärfung konzipiert. Weil der Bedarf an Arbeitskräften so groß war, schossen die Haftarbeitslager in den 50er Jahren in der ganzen DDR wie Pilze aus dem Boden. Für sie war nicht das Justizministerium, sondern das Innenministerium zuständig. Vorwiegend wurden die Haftarbeiter in der Eisen- und Stahlproduktion, im Bergbau und in den Werften eingesetzt, aber auch in Steinbrüchen und beim Flughafenbau, etwa in Schkeuditz. Regelrecht verschachert wurden die Häftlinge; die Fabriken zahlten für ihre Versicherung und Unterkunft. Der Autor kennt übrigens kein DDR-Arbeitslager, das in einem ehemaligen KZ eingerichtet worden wäre. Demgegenüber musste die Arbeit unter schwierigsten Bedingungen und oftmals mit unzureichenden, veralteten Gerätschaften verrichtet werden. Dabei wurden die Sicherheitsbestimmungen weitgehend außer Acht gelassen, was ein stark erhöhtes Verletzungsrisiko zur Folge hatte.

Marcus Sonntag ist vorsichtig mit seinen Bewertungen. Sicherlich neige man im Rückblick dazu, das durch widrige Haft- und Arbeitsbedingungen zugefügte Leid besonders der aus nichtigem Anlass oder unschuldig Verurteilten als verbrecherisch zu bewerten. Sonntag hat Verständnis für diese Sicht, weist aber darauf hin, dass eben sämtliche DDR-Häftlinge unter denselben Zuständen zu leiden hatten: in den Arbeitslagern und auch in den übrigen Vollzugseinrichtungen. Vielfach wurde Lagerarbeit, zu der politische Gefangene gezwungen wurden, in jüngster Zeit generell als Zwangsarbeit eingestuft, durch die der Wille der Menschen gebrochen werden sollte. Auch damit ist Sonntag nicht einverstanden. Nur für den Bergbau will er diese Einschätzung gelten lassen. Ansonsten fand er keine stichhaltigen Kriterien für die Gleichsetzung von „politischen Häftlingen gleich Zwangsarbeit“ einerseits und „Kriminelle gleich Haftarbeit“ andererseits. Abschließend sei bemerkt, dass die nur mühsam zu erschließende Essenz dieses Bandes in einer deutlich verschlankten Form veröffentlicht werden sollte. D. Jestrzemski

Markus Sonntag: „Die Arbeitslager in der DDR“, Klartext Verlag, Essen 2011, Paperback, 407 Seiten, 29,95 Euro.


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