© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 35-11 vom 03. September 2011

Experiment einer Einsamen
Autorin stellt ihre Lebensweise nur da auf »Öko« um, wo es passt

Es war wohl so eine Art verfrühte Midlife-Crisis und das Al-Gore-Klimaschutzfieber, welches 2008 die ganze westliche Welt erfasst zu haben schien, das die kanadische Journalistin Vanessa Farquharson zur Überdenkung ihres Lebensstils brachte. Am liebsten hätte sie angeblich ihren Job bei der „National Post“ gekündigt und Elefantenbabys in Sri Lanka gerettet, aber aufgrund fehlender Kenntnisse in der Tiermedizin musste sie erkennen, dass sie die Welt von daheim aus retten musste.

Vorher offenbar eher in der Welt der Styling-Trends beheimatet, wechselte sie nun zu einem neuen Trend und begann einen Blog zu schreiben, in dem sie ihre Erfahrungen festhielt, die sie bei ihrem Wechsel zu einer neuen ökologischen Lebensweise machte. Im Buch „Nackt schlafen ist bio. Eine Öko-Zynikerin findet ihr grünes Gewissen und die große Liebe“ hat sie dann wiederum die Erfahrungen mit ihrem Blog und die Reaktionen darauf vermarktet. Und obwohl Farquharsons Entscheidung, ein Jahr lang ihr Leben täglich um eine neue ökologische Lebensweise zu verändern, äußerst extrem ist, sind ihre Erfahrungen durchaus interessant, wenn auch äußerst überspannt. Aber gerade deswegen sind sie auch lehrreich, denn letztendlich sind viele ökologische Lebenstipps einfach nur selten dämlich. Auf Toilettenpapier und Damenbinden zu verzichten ist einfach nur unhygienisch, nackt zu schlafen hat zur Folge, dass die Bettwäsche statt des Pyjamas eben öfter gewaschen werden muss, es sei denn, es wird auch unhygienisch. Dass man weniger Auto fährt und Müll recycelt ist heutzutage Allgemeinwissen und dass man regionale Lebensmittel exotischen vorziehen sollte, erweist sich selbst für Farquharson als schwierig, als sie erkennt, dass die regionalen Waren der klassischen Landwirtschaft entstammen. Also, lieber ein Apfel aus biologischem Anbau aus den USA oder ein gespritzter, aber klimafreundlicher aus ihrer Heimatregion? Und das umweltfreundliche Spülmittel sorgt dafür, dass das Geschirr danach einen käsigen Geruch hat. Genau wie Farquharson selber, will man ihrer Mutter glauben, die von den umweltfreundlichen Deos, Shampoos und Seifen, die ihre Tochter verwendet, keine gute Meinung hat und sich nach Aussage der Autorin ohnehin vielmehr um die biologische Uhr ihrer Tochter als deren ökologischen Fußabdruck sorgt.

Letztendlich ist wohl das auch das Hauptproblem, denn Farquharson war zur Zeit ihres Experiments Single. Um sich mit irgendetwas zu beschäftigen, verstieg sie sich in der Idee, durch Verwendung veganer Zahnseide, der Restaurierung von Gebrauchtmöbeln, den Verzicht von Textmarkern und den Kauf eines PVC-freien Duschvorhangs die Welt zu retten, zumal Kinder ja in Zeiten von Überbevölkerung nur die Umwelt weiterbelasteten und den Weltuntergang beschleunigten. Und obwohl sie sich bewusst war, dass Fliegen umweltschädlich ist, machte sie in ihrem Urlaub eine halbe Weltreise mit zahlreichen Zwischenlandungen. Aber um ihr Gewissen zu reinigen, kauft sie bei irgendeiner Umweltorganisation Kohlendioxid-Zertifikate.

Schnell merkt man: Mit Logik und Überzeugung hat die neuentdeckte Öko-Lebensweise wenig zu tun. Die ökologische Welt der Vanessa Farquharson entpuppt sich schnell als Beschäftigungstherapie, die nur, wenn es in die eigene Lebensplanung passt, streng gelebt wird. Interessanterweise ticken aber viele der neuen Ökos ähnlich, daher ist das Buch trotz aller Überdrehtheit durchaus die Lektüre wert. Bel

Vanessa Farquharson: „Nackt schlafen ist bio. Eine Öko-Zynikerin findet ihr grünes Gewissen und die große Liebe“, Bastei Lübbe, Köln 2011, broschiert, 363 Seiten, 8,99 Euro.


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