© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 35-11 vom 03. September 2011

Der Wochenrückblick mit Hans Heckel
Heimsuchungen / Warum wir diesen Sommer füsilieren lassen, wie uns die Griechen die Wahrheit gesagt haben, und wo neue Hoffnung schimmert

So schnell schießen die Preußen nicht? Das soll sich zeigen. Für uns Norddeutsche, die wir von unseren bayerischen Landsleuten freundlicherweise allesamt „Preußen“ genannt werden, steht jedenfalls fest: Den Sommer 2011 bringen wir vors Kriegsgericht! Als warnendes Beispiel für alle kommenden Tiefdruckgebiete und Wetterkapriolen. Allein diese menschenrechtsverletzende Müdigkeit. Wo die Isobaren so dicht gestaffelt über die Wetterkarte rasen wie die Husaren des Alten Fritz übers Schlachtfeld, da kommt der Kreislauf doch nie aus dem Graben!

Das öde Wetter drückt nicht bloß auf die Stimmung, es vermiest einem auch die Meinung. Versuchen Sie doch mal, einer schnatternden, durchnässten Grillparty-Gesellschaft die Gefahren der „menschengemachten Klimaerwärmung“ zu verklickern! Noch dazu, wo sich mittlerweile zu jedem rumgesprochen hat, dass an der Theorie mit dem „menschengemacht“ irgendetwas nicht stimmen könnte und die Temperaturen ja auch kaum noch steigen – trotz weiter wachsender CO2-Emissionen. Nein, das macht wirklich keinen Spaß mehr. Der Meeresspiegel wird steigen, bis Hamburg und Bremen unter Wasser stehen? Wenn es in den Hansestädten diesen Sommer Überflutungsprobleme gab, dann rührten die vom Himmel her und nicht von der Küste.

Es ist der Sommer des Missvergnügens, der auch an der Politik nicht spurlos vorübergegangen ist. In muffigen, feuchten Nächten placken sich Hauptstadtjournalisten damit ab herauszubekommen, wer in Sachen Euro-Rettung nun was genau will und wer wen weshalb kritisiert hat – und worauf das Ganze eigentlich hinauslaufen soll.

In ihrem Elend sind die Presseleute keineswegs allein. Ende September soll über den dauerhaften Euro-Rettungsschirm im Bundestag abgestimmt werden, soviel ist bekannt. Vielmehr weiß man aber nicht: Peter Ramsauer beschwert sich darüber, dass der Vertragsentwurf immer noch nicht auf Deutsch vorliege. Für das vorhandene Papier aber „reicht mein Englisch nicht“, schimpft der CSU-Mann. Die CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeld stört das nicht, sie verspricht: „In der Landesgruppe gibt es eine breite Mehrheit für den Kurs von Angela Merkel.“ Reden die beiden eigentlich mal miteinander?

Helmut Schmidt und sein Vornamensvetter Kohl tun das jedenfalls und sind sich völlig einig darin, dass die Merkel alles vergeigt. Kohl habe sich um Europa verdient gemacht, das hören wir zurzeit sogar von Leuten, die an dem „Dicken“ einstmals kein gutes Haar lassen wollten.

Der große Kanzler hatte für europäische Krisen immer eine Patentlösung parat: Er zückte die Geldbörse und legte solange Scheine auf den Tisch der Gemeinschaft, bis die Gierhälse Ruhe gaben. Als das nicht mehr reichte, knallte er dann die D-Mark an sich auf die Platte.

Da ist es keine Überraschung, dass unsere europäischen Freunde der Ära Kohl laut jammernd hinterhertrauern. Wäre der noch Kanzler, dann könnte vermutlich sogar Giulio Tremonti besser schlafen. Der italienische Finanzminister bekannte freimütig: Wenn es Eurobonds schon gegeben hätte, wären die italienischen Sparbeschlüsse überflüssig gewesen. Doch angetrieben von einer kleinen Minderheit bei Union und FDP und einer großen Mehrheit im Volk wagt Angela Merkel die Übernahme der europäischen Schulden auf ein gemeinsames Konto per „Eurobonds“ noch nicht.

An der Tremonti-Äußerung können wir übrigens ablesen, wie sehr sich die Euro-Skeptiker irren: Sie malen ständig das Schreckbild vom „europäischen Einheitsbrei“ an die Wand, in dem jede nationale Eigentümlichkeit und damit jeder Antrieb zu versinken drohe, weil alles und jedes von der Brüsseler Mammutbürokratie zurechtgestutzt würde.

Was für ein Blödsinn, die Vielfalt lebt gerade im Europa des Euro so richtig auf: Unser Finanzminister Schäuble donnert jeden Tag, dass Eurobonds nur denkbar seien mit eisernen Sparsamkeitsregeln, die für alle gleichermaßen zu gelten hätten. Sein italienischer Kollege hält die Bonds im Gegenteil für das Mittel, sich von der Sparsamkeit endlich verabschieden zu können. Warum soll Italien sparen, wenn Deutschland für Roms Schulden geradestehen muss?, fragt Tremonti.

Sehen Sie! Europa bleibt so bunt und vielfältig wie ehedem. Nur ein paar Rechnungsadressen werden verlagert, damit sich Tremonti und seine Freunde nicht mehr mit „Überflüssigem“ herumschlagen müssen.

Viel schlimmer als den Italienern geht es bekanntlich den Griechen, denen die Gegenwart wie eine einzige Heimsuchung vorkommt. Jetzt wird auch noch gefordert, dass Athen Staatseigentum als Pfand für die Hilfskredite hinterlegen soll. Eine Zumutung sei das, faucht Ministerpräsident Papandreou. Aus Athen ist zu hören, eine solche Verpfändung käme den Griechen vor wie der „Ausverkauf ihrer Heimat“.

Das verstehen wir nicht: So ein Pfand wird doch erst dann eingezogen, wenn die Schulden nicht zurückgezahlt werden. Wenn die Griechen schon jetzt den „Ausverkauf“ vor Augen haben, dann hieße das ja, dass sie bereits heute wissen, dass sie ihre Schulden niemals ... – ach so ist das gemeint.

Das mit dem Pfand ist eine ärgerliche Sache, an der die Finnen schuld sind. Die trauen den Griechen nicht und haben sich daher beim EU-Sondergipfel ein solches Pfandrecht ausbedungen. Angela Merkel hat darauf in bester Kohlscher Tradition reagiert, der mit Extrawürsten nie sparsam war. So steht jetzt im Vertragstext: „Erforderlichenfalls wird eine Besicherungsvereinbarung getroffen, damit das den Mitgliedstaaten ... aus ihren Garantien für den EFSF (Rettungsschirm, d. Red.) erwachsende Risiko abgedeckt wird.“ Soll heißen: Wer will, kann ein Pfand kriegen.

Das ließen sich die Finnen nicht zweimal sagen. Doch was boten ihnen die Griechen? Eine halbe Milliarde Euro in bar, frisch abgezapft von den Rettungskrediten der übrigen Euro-Länder, Löwenanteil Deutschland. So würde also deutsches Geld, das für Griechenland gedacht war, von dort auf ein finnisches Konto überwiesen, um das Geld, das von Finnland an die Griechen ausgeliehen wurde, abzusichern.

Schon erstaunlich, was unsere Regierung so alles unterschreibt. Dummerweise wurde dieses obs­zöne Kreiselgeschäft öffentlich, weshalb Holland, Österreich und noch einige andere Länder ebenfalls Pfand verlangten. Die Angelegenheit drohte außer Kontrolle zu geraten und zur Lachnummer zu verkommen.

Guter Rat musste her und war auch schnell zur Hand: Das mit Hin- und Herschieben von Hilfsgeldern kommt natürlich nicht infrage, polterte Merkel. Und die andere Idee, nämlich griechische Immobilien in Staatsbesitz als Sicherheit anzubieten, auch nicht. Warum nicht? Weil es in Hellas gar keine richtigen Grundbücher gebe und deshalb niemand genau sagen könne, was dem griechischen Staat wirklich gehöre. Kein Kataster, so, so – Europa ist dermaßen vielfältig, wir haben sogar die Dritte Welt dabei.

Unterdessen streiten die Experten schon längst nicht mehr darüber, ob Griechenland pleitegeht, sondern nur noch, wann. Bis spätestens Ende 2012, da sind sich alle einig, gehen die Lichter aus und das Land verlässt den Euro-Raum. Unser Geld ist dann natürlich weg, und unsere Politiker werden sich dann einiges anhören müssen, warum sie einem verlorenen Unternehmen noch Milliarden deutsche Euro hinterhergeworfen haben, obwohl die Pleite schon klar war. Arme Politiker, doch am Horizont schimmert Hoffnung: Wenn alles glattgeht bei der Abstimmung Ende September, dann haben unsere Volksvertreter über unser Steuergeld bald ohnehin nicht mehr zu bestimmen. Das macht dann ein entrückter EU-Ausschuss, und dem kann das Gemaule irgendwelcher deutschen Steuerzahler herzlich egal sein.


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