© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 38-11 vom 24. September 2011

Toleranz aus Staatsräson
Die Bevölkerungszusammensetzung gebietet Überkonfessionalität

Heute gilt die NS-Zeit als die schwärzesten Jahre der deutschen Geschichte. Bis dahin war es der Dreißigjährige Krieg, diese einzigartige Selbstzerfleischung der deutschen Nation zum Frommen ihrer Nachbarn. Bei anderen Völkern wirkt die Konfession einend, gar identitätsbildend, bei der deutschen ist das anders. In dieser Hinsicht war das Deutsche Reich wie eine Matrjoschka, diese russische Puppe in der Puppe. Das mehrheitlich protestantische Deutsche Reich hatte mit Bayern ein bedeutendes katholisches Siedlungsgebiet. Das mehrheitlich protestantische Preußen, der Kernstaat des Reiches, hatte mit der Rheinprovinz ein bedeutendes katholisches Siedlungsgebiet. Und das mehrheitlich protestantische Ostpreußen, Preußens Kernprovinz, hatte mit dem Ermland ein bedeutendes katholisches Siedlungsgebiet. Aus diesem Grunde gebot, abgesehen von ethisch-moralischen Gesichtspunkten, alleine schon die Staatsräson konfessionelle Toleranz. Das gleiche gilt für die Bundesrepublik und übrigens auch die Preußische Allgemeine Zeitung/Das Ostpreußenblatt.

Und trotzdem fällt in die Amtszeit des wohl bedeutendsten Regierungschefs Preußens und des Reichs der Kulturkampf. Man mag sich fragen, warum ein so kluger Realpolitiker wie Otto von Bismarck die Loyalität vieler Katholiken zu König und Kaiser auf eine derart harte Probe gestellt hat. Angesichts der Persönlichkeit des Eisernen Kanzlers darf man davon ausgehen, dass es bei ihm eher politische als konfessionelle Motive waren. Und in der Tat hat der Machtkampf zwischen Reich und Rom eine lange Tradition, die bis weit ins Mittelalter reicht – und das obwohl damals Kaiser und Papst noch dieselbe Konfession teilten. Abgesehen von dieser traditionellen Rivalität zwischen geistlicher und weltlicher Macht ist der Kulturkampf auch in seiner Zeit zu sehen. Nicht nur im Heimatland des Luthertums, sondern auch im traditionell katholischen Teil Europas versuchten sich Nationalstaaten von der Kirche zu emanzipieren. So fallen in die Regierungszeit Bismarcks der Kampf des Königreichs Italien mit dem Vatikan um Rom und die Durchsetzung des Laizismus in der Dritten Französischen Republik. Hier handelt es sich nicht um einen Kampf der Religionen oder Konfessionen, sondern um ein Stück Säkularisierung und Fortschritt, völlig egal, ob man den nun gut findet oder nicht.

So beschnitt der Kulturkampf denn auch nicht nur die Privilegien der katholischen Kirche. Bei der protestantischen fiel es nur weniger auf, weil sie aufgrund der angestrebten Einheit von Thron und Altar keinen nennenswerten Widerstand leistete. Bezeichnenderweise hatten denn auch die traditionell kirchennahen Konservativen in Preußen ungeachtet ihrer überwiegend protestantischen Konfession Probleme mit dem Kirchenkampf. Der Kirchenkampf war ein primär liberales Projekt. Folgerichtig endete er, als Bismarck 1878 die Nationalliberalen fallen ließ, um sich fortan auf die Konservativen zu stützen. Manuel Ruoff


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