© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 38-11 vom 24. September 2011

Mythos des Neuanfangs
DDR ließ bedingt Geschichten über »Umsiedlung« zu

Dass die Thematik „Flucht und Vertreibung“ durch die SED mit einem vollständigen Tabu belegt worden ist, war lange Zeit eine vorherrschende Ansicht. Die jüngere Geschichtsforschung nimmt inzwischen allerdings einige Korrekturen am „Mythos DDR ohne Vertriebene“ vor: Entstanden ist der Eindruck eines durch die SED verhängten Tabus zur Thematik Vertreibung aber nicht ohne Grund. Schon 1945 war im offiziellen Sprachgebrauch der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) statt von Vertriebenen nur noch von „Aussiedlern“ oder von „Umsiedlern“ die Rede. Ziemlich schnell verwendeten die Behörden sogar den Begriff „ehemalige Umsiedler“.

Bereits im Jahr 1953 galt offiziell die Integration der Vertriebenen als abgeschlossen und jegliche sozialpolitische Maßnahmen zugunsten der „Umsiedler“ wurden eingestellt. Auch galten bis zur politischen Wende 1989 die landsmannschaftliche Brauchtumspflege oder etwa die Benennung von Gewalttaten während der Vertreibungen als völlige Tabuthemen. Dass die SED das Thema Vertreibung aber bei Bedarf auch innenpolitisch instrumentalisierte, wurde bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Potsdamer Gespräche – Mythen der Moderne in Brandenburg“ deutlich.

Gegenstand der Diskussion zwischen dem Historiker Michael Schwartz und der Schauspielerin Ursula Karusseit war der 1968 entstandene Film „Wege übers Land“ des Deutschen Fernsehfunks der DDR. Der Film verknüpft geschickt die Darstellung eines Vertriebenenschicksals mit der Rechtfertigung von Enteignungen im Rahmen der sogenannten Bodenreform in der SBZ.

Die Rechtfertigung der Nachkriegspolitik dürfte auch Grund dafür sein, dass die SED-Führung unter Walter Ulbricht ihr Einverständnis zur Thematisierung der Vertreibungen als Filmstoff gegeben hat. Nach Meinung des Historikers Professor Michael Schwartz stellt der Film eine Mischung aus einer teilweise realitätsnahen Darstellung und andererseits einer historischen Verzerrung dar.

Unter Ausklammerung von Gewalttaten der Roten Armee lässt zum Beispiel die Darstellung der unmittelbaren Fluchtereignisse durchaus die damaligen Schrecken und Umstände erahnen. Die in dem Film erzählte Vorgeschichte der Vertriebenen – die aus dem Reichsgebiet kommend einen enteigneten Bauernhof im eroberten Polen bewirtschaftet und von dort vertrieben werden – dürfte statistisch gesehen allerdings zu den absoluten Ausnahmefällen unter den zwölf Millionen Vertriebenenschicksalen zählen.

Die Schauspielerin Ursula Karusseit brachte bei der Produktion des künstlerisch ansprechend gestalteten Filmes die Erfahrungen der als Kind selbst erlebten Flucht aus dem westpreußischen Elbing nach Mecklenburg mit ein. Auch Erlebnisse eines weiteren Hauptdarstellers dürften eingeflossen sein: dem aus Tilsit stammenden Arnim Müller-Stahl.

Nach der Darstellung der Flucht nimmt der Neuanfang in der „neuen Heimat“ zunächst auf „Bodenreformland“, das später durch Zwangskollektivierung in eine sogenannte LPG eingebracht wird, einen Teil des fünfteiligen Filmes ein. Auch mit dieser Schilderung des Neubeginns lag der Film auf Parteilinie, die zum Ziel hatte, den „Mythos der verlorenen Heimat“ durch den „Mythos des Neuanfangs“ zu verdrängen. N. Hanert


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