© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 38-11 vom 24. September 2011

Spannungen trotz AKW
Iran misstraut Russland − doch Moskau signalisiert Einigkeit

Nach über drei Jahrzehnten Bauzeit wurde am 12. September das erste iranische Atomkraftwerk (AKW) in Buschehr am Persischen Golf in Betrieb genommen. Zunächst mit 40 Prozent seiner Leistung. Laut Vertrag hätte das AKW bereits im Jahr 2000 ans Netz gehen sollen, doch technische Schwierigkeiten und der Angriff des Computerschädlings Stuxnet auf den Rechner des Kernkraftwerks im September 2010 hatten die Inbetriebnahme verzögert. Erst im Frühjahr 2012 soll der fertiggestellte Block zu 75 Prozent seiner Leistungsfähigkeit genutzt werden können.

Im Westen steht Russland wegen seines gemeinsamen Atomprogramms mit dem Iran in der Kritik, da er davon ausgeht, dass Teheran die Atomkraft nicht nur friedlich nutzen will, sondern den Bau einer eigenen Atomwaffe vorantreiben wird. Doch bislang ist der Iran bei der Nutzung des AKW Buschehr vollkommen von russischem Personal abhängig und verärgert sowohl über die Verzögerungen beim Bau als auch über die Weigerung Moskaus, den Liefervertrag über einen S-300- Raketenabwehrkomplex zu erfüllen. Zwei Wochen vor der feierlichen Einweihung hatte Teheran den Russen mit Klage gedroht. Entsprechend kühl fiel der Empfang der russischen Delegation aus. Statt der russischen Hymne wurde nur die iranische gespielt. Eine russische Beteiligung an der Nutzung des AKW und die Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens lehnten die Perser ab, wobei sie sich auf ihre Verfassung beriefen, die derartige Geschäfte verbiete. Aufgrund der jüngsten Spannungen zeigte sich Sergej Kirijenko, Generalsekretär der staatlichen Atomagentur Rosatom, wenig optimistisch, dass Russland am Bau des zweiten Blocks von Buschehr und am Bau weiterer AKWs beteiligt werden wird, zumal der Chef der iranischen Atomenergiebehörde, Fereidoun Abbasi-Dawani, durchblicken ließ, der Iran wolle die Dienste anderer Länder in Anspruch nehmen. Welcher, ließ er allerdings offen.

Dass Russland die Lieferung von S-300-Flugabwehrraketen an den Iran auf Eis gelegt hat, beweist, dass der Iran als bisheriges Druck-mittel gegenüber dem Westen an Gewicht verliert. Moskau versucht sich als Mittler bei Atomverhandlungen mit Teheran zu positionieren. Zurzeit will der Kreml in Europa ein neues Sicherheitssystem durchsetzen, das seine Interessen berücksichtigt und gleichzeitig ein Gegengewicht zur türkisch-amerikanischen Allianz bildet.

Angesichts der Schwächung der USA aufgrund immenser Wirtschafsprobleme, dem Truppenabzug aus Afghanistan und ihrer Einflussnahme auf die Folgepolitik der arabischen Welt wird Teheran versuchen, seine Position im Irak zu stärken. Da der Iran kaum Verbündete hat, wird er sich weiter auf Russland verlassen müssen.

Im Gegensatz zu Kirijenko signalisierte Russlands Energieminister Sergej Schmatko bei der AKW-Eröffnung in Buschehr Einigkeit und lobte die iranisch-russische Zusammenarbeit. Es ist nicht auszuschließen, dass Moskau wegen der amerikanischen Raketenstationierung auf türkischem Boden doch noch Raketen an Teheran liefern wird. M. Rosenthal-Kappi


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