© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 38-11 vom 24. September 2011

Die Berliner Mauer vom Osten gesehen
Ausstellungsmacher kombinierten von DDR-Grenzschützern fotografierte Aufnahmen mit Auszügen aus Originalprotokollen

Anlässlich des 50. Jahrestages des Mauerbaus wird derzeit in Berlin die Ausstellung „Aus anderer Sicht. Die frühe Berliner Mauer“ präsentiert. Über 300 Panoramen im historischen „Haus Wagon-Lits“ am Prachtboulevard Unter den Linden unweit des Brandenburger Tors bilden den ehemaligen innerstädtischen Mauerverlauf auf Ostberliner Seite vollständig ab.

Ausgangspunkt der beeindruckenden Ausstellung und eines gleichnamigen Buches war ein überraschender Fund im Jahre 1995. Die Ostberliner Schriftstellerin Annett Gröschner, damals im Prenzlauer-Berg-Museum tätig, entdeckte in einem Pappkarton des Militärischen Zwischenarchivs Filmrollen mit Negativen von über 1000 Photographien der Berliner Mauer. Diese Bilder wurden Mitte der 60er Jahre von Fotografen der DDR-Grenzbrigaden aufgenommen, und zwar alle von Osten nach Westen hinüber. Sie sollten zur Dokumentation und „Optimierung“ der Mauer innerhalb Berlins dienen, die aus DDR-Sicht damals teilweise noch sehr unzulänglich war. Die innerstädtischen Mauer-Grenzanlagen liefen immerhin auf einer Länge von 43 Kilometern mitten durch die Stadt. Der frühe „Eiserne Vorhang“ war jedoch vielfach aus DDR-typischem Roh- und Baustoffmangel noch unvollständig, wie die Fotos zeigen sollten. Damals war die Berliner „Mauer“ noch keine durchgängig errichtete Betonblockade. Oft gab es nur Stacheldraht, Backsteinwälle oder leer stehende, verbarrikadierte Häuser. Auch die Wachtürme waren meist noch Provisorien. Die Hochsicherheitsmauer von später war noch Zukunftsmusik.

Die Filme, deren Originale heute im Bundesarchiv lagern, waren inzwischen längst vergessen – bis Gröschner sie wiederentdeckte. Das gigantische, aus rund 1200 Einzelnegativen bestehende Konvolut fügte der Fotograf Arwed Messmer für die Ausstellung „Aus anderer Sicht“ digital zu insgesamt 324 fotografischen Panoramen zusammen. Die Panoramen, aufgeklebt auf betongrauen Gipskarton, sind auf eine ganz besondere Weise beschriftet. Als „Bildunterschriften“ dienen Fragmente aus Protokollen, die Annett Gröschner aus Archiven der Grenzbesatzung zusammenstellte. Die 1964 in Magdeburg geborene Autorin und Journalistin lebt seit 1983 in Berlin. Für die Mauer-Ausstellung verwendete die Dichterin kreativ zeitgenössische Originalprotokolle der Ostberliner Grenzsoldaten. Diese notierten befehlsgemäß alle Vorkommnisse. Gröschner verwendete Auszüge aus den Protokollen und stellte sie kontrapunktartig den Bildern gegenüber.

Diese Textauswahl erhöht den Eindruck der düsteren Fotos in der Ausstellung noch deutlich: Da steht etwa exemplarisch unter grotesk leeren Straßenstreifen: „Ein Mann wirft zwei Exemplare der Zeitung ,Der Flüchtling‘ über den Grenzstreifen.“ Oft handelt es sich auch um Originalzitate von Zurufen aus dem westlichen Teil Berlins. Hohn und Spott wie „Keine Kohlen im Keller, keine Eier im Sack, das ist euer 20. Jahrestag“ kamen oft aus dem Westen, aber auch Verlockungen wie „Kommt doch herüber, wir haben schöne Frauen für euch. Einen Wagen bekommt ihr auch“. Oder auch der freche Ruf an die DDR-Grenzer: „Guten Morgen, ihr Mörder!“ Natürlich werden auch protokollarisch Schauplatz und Zeit der Szenerie genannt.

Diese doppelte Optik von Fotografie und Text ist es, aus der der Betrachter eine ganz „andere Sicht“ auf die Grenze und von der Berliner Mauer gewinnen kann. Hier werden Ansichten gezeigt, die beides zugleich sind: objektiv gesicherte Archivmaterialien zum einen und subjektiv gestaltete Artefakte zum anderen. Wie in den Wandmalereien einer ägyptischen Pyramide ist hier eine untergegangene Welt dokumentiert. Die Hieroglyphen sind sofort lesbar; die Texte jedoch zeigen in ironischer Distanzierung den Widerstandswillen und die Kraft der Berliner Bevölkerung angesichts der damals noch jungen Teilung ihrer Stadt. Susanne Habel

Nähere Informationen erteilen Annett Gröschner und Arwed Messmer, Ausstellung, Unter den Linden 40, 2. Obergeschoss, 10117 Berlin, Telefon (030) 21759872, E-Mail: info@aus-anderer-sicht.de Susanne Habel Hochstr. 19 V 81669 München

Fotoausstellung in Berlin-Mitte Eine „andere Sicht“ auf die Berliner Mauer


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