© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 38-11 vom 24. September 2011

Russische Stellen hielten sich zurück
Denkmal für die Opfer der sowjetischen Deportation in Königsbergs Deutsch-Russischem Haus eingeweiht

Zum 70. Jahrestag der Deportation der Russlanddeutschen fanden an verschiedenen Orten Gedenkveranstaltungen statt, Denkmäler sollen an das durch die Sowjetmacht zugefügte Leid erinnern. Während in den Bezirken Krasnodar, Saratow, Barnaul und Komi Vertreter des russischen Staates an den Feiern teilnahmen, fand die Veranstaltung im Deutsch-Russischen Haus in Königsberg eher im privaten Rahmen statt.

Seit Jahren gibt es Bestrebungen der Russlanddeutschen in der Russischen Föderation, an die Wolga zurückzukehren und den Status einer Autonomen Republik wiederzuerlangen. Seit der Unterdrückung während der Stalin-Ära und der Deportation aller Deutschen in die entlegendsten Gegenden des Reiches fristen sie ein dürftiges Dasein. Es mangelt vor allem an Arbeitsplätzen. In den vergangenen 20 Jahren hat sich ihre Situation allerdings verbessert. Jurij Haar, der Vorsitzende der Vereinigung der Russlanddeutschen im Gebiet Saratow, berichtet davon, dass es nach der Verabschiedung des Rehabilitationsgesetzes langsam aufwärts ging. Heute gibt es in Russland 30 deutsche Kulturzentren, die von den örtlichen Verwaltungen unterhalten werden. Dennoch klaffen noch viele Lücken, so fehlen zum Beispiel deutsche Kindergärten und Schulen sowie eine deutschsprachige Presse.

Am 28. August, dem 70. Jahrestag der Deportation der Russlanddeutschen wurden vielerorts Denkmäler aufgestellt, so auch auf dem Gelände des Deutsch-Russischen Hauses in Königsberg. Es trägt die Aufschrift „Mühlstein der Unterdrückung“ und es erzählt von den dunklen Seiten der Geschichte des Landes. Es erinnert an die Deportation der Russlanddeutschen von der Wolga nach Sibirien und in die Republiken Mittelasiens. Am 28. August 1941 – zwei Monate nach dem Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion – wurde die Autonome Sowjetische Wolgarepublik der Deutschen aufgelöst und es begann die vollständige Deportation der Deutschen aus ihrem Gebiet. In den gesamten Kriegsjahren wurde fast eine Million Deutsche auf diese Weise vertrieben.

Der Vorsitzende der Gesellschaft für deutsche Kultur und die Russlanddeutschen „Eintracht“ in Königsberg, Viktor Hoffmann, erklärte, dass bei der Idee zu dem Denkmal viele mitgewirkt hätten, überwiegend Mitglieder seiner Gesellschaft. Auch die Ausarbeitung des Denkmals sei eine Kollektivarbeit gewesen. Die einen hätten mit Material geholfen, die anderen mit dem Sockel, und die Steinkomposition habe der Deutsche Sergej Berg ausgemeißelt. Durch diesen persönlichen Einsatz waren die Kosten für das Denkmal mit 9000 Rubel (zirka 213 Euro) äußerst gering. Die Skulptur besteht aus zwei großen grauen Steinen, die auf einem Stück Eisenbahnschwelle liegen. Einer der Steine hat das Aussehen eines Mühlsteins, aus dessen Mitte ein gequältes menschliches Antlitz herausragt, das die vielen Opfer der Unterdrückung symbolisiert.

Um den offiziellen Status als Denkmal zu erhalten, ist eine langwierige Prozedur erforderlich, deshalb haben sich die Initiatoren damit begnügt, das Monument als Skulptur zu bezeichnen. Von Schwierigkeiten beim Genehmigungsverfahren berichtete auch Jurij Haar. Während die Politiker in Engels bereits ihre Zustimmung gegeben hatten, zögerten die zuständigen Behörden die Zuteilung eines öffentlichen Grundstücks so lange hinaus, bis wiederum die Politiker aktiv wurden. Sie entdeckten das Thema „Repressionen“ als Wahlkampfthema und sorgten dafür, dass das dortige Mahnmal pünktlich zum Jahrestag eröffnet werden konnte.

In Königsberg scheint die Öffentlichkeit wenig Notiz von der Eröffnung genommen zu haben, zumindest die Politiker nicht. An der Eröffnung nahmen Vertreter verschiedener kultureller Gesellschaften der Region teil. Begleitend zur Denkmalseröffnung fand eine Konferenz statt, die den „Beitrag der unterdrückten Völker zur Bekämpfung der Faschisten“ hervorheben sollte.

Als der deutsche Generalkonsul Aristide Fenster das Denkmal eröffnete, sagte er, dass die Russlanddeutschen heute eine kulturelle und gesellschaftliche Brücke zwischen Deutschland, der Europäischen Union und Russland bildeten. Er sagte auch, dass es für Deutschland immer wichtig gewesen sei, diese Leute zu unterstützen.  Jurij Tschernyschew/MRK


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